Elektromobilität – die leise Revolution Was bedeutet der Wandel für den Rems-Murr-Kreis?

Axel Hamm mit Renault Zoe an der Ladestation Schorndorfer Straße. Foto: Palmizi / ZVW

Waiblingen. Die Revolution hat längst begonnen. Zwar fährt bisher nur eine Minderheit elektrisch, doch kaum ein Experte zweifelt noch am Durchbruch der Elektromobilität. Was bedeutet der Wandel für Waiblingen und die Region? Wo liegen Chancen und wo gibt es Hindernisse? Das beleuchten wir in einer neuen Serie.

526 Elektroautos und 1415 Hybrid-Fahrzeuge waren 2018 im Rems-Mur-Kreis zugelassen. Eine verschwindend geringe Zahl gegenüber 260 000 Verbrennungsmotoren – die Entwicklung steht erst noch am Anfang. Zehn öffentliche Ladestationen betreiben die Stadtwerke und einzelne Firmen wie Stihl und Würth sowie die Discounter Lidl und Aldi im Stadtgebiet.

Mehrere weitere Standorte befinden sich in Planung: In den nächsten Jahren soll in jeder Ortschaft mindestens eine Ladesäule stehen, fünf weitere in der Kernstadt. Darunter zwei Schnell-Ladesäulen der nächsten Generation mit 50 und 100 Kilowatt in Waiblingen-Süd.

Die stärkste Ladesäule hält derzeit Lidl mit 43 Kilowatt bereit, ansonsten sind 22 üblich. Was bedeutet, dass zum Beispiel ein Renault Zoe der Stadtwerke rund zweieinhalb Stunden benötigt, um einen leeren Akku aufzuladen.

Wegen Privatanschlüssen können Netzengpässe drohen

Noch fahren so wenige Elektroautos, dass sich meistens eine freie Ladesäule findet, obwohl die Fahrer den kostenlosen Stellplatz gerne über den Ladevorgang hinaus nutzen – auch zum Nachtparken. Und trotz Kontrollen durch den Vollzugsdienst stellen immer wieder Fahrer ihr Auto mit Verbrennungsmotor auf den Ladeplatz.

Während Benziner und Diesel an der Zapfsäule binnen Minuten ihren Tank füllen, müssen E-Mobilisten also Wartezeiten überbrücken. Aus Sicht von Axel Hamm, Leiter Netz-Management bei den Stadtwerken, kein echtes Problem, weil die Fans der Elektromobilität ihre Fahrten vorher planen. Wer nach Ludwigsburg fährt, weiß schon vorher, wo er dort laden wird und wie viel Zeit er dafür veranschlagen möchte.

Eine bequeme Möglichkeit dafür sind Apps wie E-Charge von Innogy, bei denen auch Vertragsdaten hinterlegt und die Bezahlung abgewickelt werden kann. Noch komfortabler: Tanken mit „intelligentem“ Ladekabel, das die Daten automatisch überträgt. Noch ist das Tanken an den Anschlüssen der Stadtwerke kostenlos, von Herbst an werden 30 Cent pro Kilowattstunde berechnet. 2017 war die Strom-Abnahme bescheiden: 13 000 Kilowattstunden – Tendenz steigend.

„Das Problem ist die Gleichzeitigkeit“

Strom zapfen an der öffentlichen Ladesäule ist das eine. Wer die Möglichkeit hat, lädt meistens lieber zu Hause oder an der Arbeitsstätte auf. Wäre Elektromobilität heute schon ein Massenphänomen, hätten die Energieversorger größere Investitionen vor sich, um das Stromnetz zu ertüchtigen.

Aktuell gilt, dass Privat-Auflader Anschlüsse mit mehr als 7,4 Kilovoltampere (KVA) den Stadtwerken melden müssen. Wer eine Station mit mehr als zwölf KVA einbauen will, braucht vorher die Zustimmung des Versorgers. Ein Szenario: In einer Straße, wohnen zehn Ingenieure, die von ihrem Arbeitgeber ein Elektroauto als Dienstwagen – ab 2019 bringt Daimler seine EQ-Reihe auf den Markt – und obendrein eine Wallbox als Ladestation spendiert bekommen.

Dann würden die Stadtwerke im ersten Schritt versuchen, ein Lastenmanagement einzurichten, das den Strom über die Nacht verteilt. „Das Problem ist die Gleichzeitigkeit“, meint Axel Hamm. Wenn alle zehn Ingenieure um 18 Uhr ihr Fahrzeug einstecken, kommt das Netz an seine Grenzen, beim einzelnen Kunden kommt nur ein Bruchteil der Leistung an, der Ladevorgang verzögert sich.

Wer möchte, kann Strom zum Ökotarif der Stadtwerke beziehen.

Eine intelligente Steuerung könnte das Problem noch lösen, ohne dass die nächste Trafostation und die Erdleitung verstärkt werden müssen – vorerst. In neuen Wohngebieten wie dem alten Waiblinger Krankenhaus-Areal wird das Stromnetz gleich entsprechend dimensioniert, bei älteren Gebieten war das Geschäftsfeld Elektromobilität zur Bauzeit noch nicht absehbar.

Noch etwas komplizierter wird es für E-Automobilisten, die einen Anschluss in der Tiefgarage eines Mehrfamilienhauses einrichten wollen. Theoretisch wären auch dafür intelligente Steuerungen mit Lastenmanagement denkbar – aber wer zahlt’s und wie sollte sich eine Eigentümergemeinschaft überzeugen lassen? Anfragen zu Anschlüssen, Wallboxen et cetera hat Axel Hamm im Schnitt einmal wöchentlich zu beantworten.

Wer ein Eigenheim und das nötige Kleingeld besitzt, kann echten Ökostrom tanken – etwa von der Fotovoltaikanlage auf dem Carport-Dach. Wer möchte, kann Strom zum Ökotarif der Stadtwerke oder anderer Anbieter beziehen. Was wirklich im Netz fließt, ist der deutsche Strommix mit einem Kohlendioxid-Ausstoß von 500 Gramm pro Kilowattstunde und einem Braunkohle-Anteil von etwa 25 Prozent.


Neuer Citybus

Carsharing: Im Rahmen des Angebots mit Stadtmobil Stuttgart waren in Waiblingen zwei Elektroautos vom Typ Renault Zoe im Einsatz. Sie sind es nicht mehr – wegen geringer Nachfrage. Genutzt wurden sie paradoxerweise eher für längere Fahrten. Denn anscheinend wählten sie nur erfahrene Sharing-Nutzer, mit E-Fahrzeugen unerfahrene Kunden trauten sich nicht.

Förderung: Die Stadtwerke Waiblingen fördern den Kauf eines E-Fahrrads mit 100 Euro, die Anschaffung eines E-Rollers mit 200 Euro.

E-Bikes und Pedelecs: Lademöglichkeiten gibt es in der E-Bike-Station im Bahnhof, bei der Touristinfo Scheuerngasse 4, in der Marktgarage, beim Bürgerzentrum und auf der Schwaneninsel (Privatanbieter).

Dienstfahrzeuge: Stadt, Stadtwerke und Parkierungsgesellschaft haben mehrere Elektroautos als Dienstfahrzeuge im Einsatz. Die Erfahrungen sind positiv.

Citybus: Die Stadt Waiblingen plant, die Citybus-Linien mit Elektrobussen zu betreiben. Die Ausschreibung läuft.

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