Element of Crime im Beethovensaal Wenn Stuttgart eine Hymne auf Berlin singt

Stuttgart - Er will einfach nicht aufhören. Zur dritten Zugabe sind sie vor den jubelnden Saal getreten, haben noch zwei von den guten, alten Liedern gesungen, und Jakob Ilja will endlich die Gitarre aus der Hand legen, da treibt Sven Regener mit rudernden Armen jeden einzelnen seiner fünf Mitstreiter noch mal an. Und dann spielen Element of Crime nach 23 Stücken zuallerletzt noch „Lieblingsfarben und Tiere“, den Titelsong ihres letzten Albums, bevor sie die dreitausend beseelten Fans in die kalte Stuttgarter Mainacht entlassen: „Macht keinen Scheiß!“, ruft er ihnen noch zu.

Zwei Stunden zuvor hat der Samstagabend mit dem schönsten Post-Weltuntergang-Song angefangen, mit der Grausamkeit des Haifischs, dem Ende des Regenbogens und der treulosen Sonne. Im Lichtkegel trompetet Regener einer verflossenen Liebe hinterher, und schon ist der Beethovensaal bis unter die Decke erfüllt mit diesem Sound, den es in der deutschsprachigen Popwelt nur ein einziges Mal gibt, diese Mischung aus Folk, Chanson, Blues, Rock, aus Melancholie, Moritat und streetwiser Lebensphilosophie. Die Songs des neuen Albums „Schafe, Monster und Mäuse“ – es ist eines ihrer stärksten – bilden das Rückgrat des Konzerts; „Romantik!“ ruft Regener immer mal wieder nordisch knapp und auf das 2001er-Album anspielend zwischen den Stücken in den Saal.

Show-Schnickschnack brauchen die Herren nicht

Der Musiker und Bestsellerautor hat scheinbar auch noch nach 34 Bandjahren tierischen Spaß auf der Bühne. Gerade noch krakeelt er in „Ein Brot und eine Tüte“ von den verrohten Vollidioten im Haus, dann dräut in „Gewitter“ schon wieder diese bezaubernde Kombi aus Düsternis und Hellsicht. Halensee und Kurfürstendamm, die Dauerparty am Schlesischen Tor, das Prinzenbad in Kreuzberg: Element of Crime nehmen das Stuttgarter Publikum an die Hand und führen es durch ihr schäbiges, grandioses Berlin.

Stuttgarter schimpfen ja gerne über die Hauptstadt und fahren trotzdem ständig hin – mit der von Iljas schmerzhaft-schönem Gitarrenspiel getragenen Hymne „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“ bringt Regener sie dazu, die Metropole mitsingend zu feiern. Show-Schnickschnack brauchen die zumeist ergrauten Herren nicht – neben Regener und Ilja Richard Pappik am Schlagzeug, David Young am Bass plus Ekki Busch am Akkordeon und Rainer Theobald am Saxofon. Schattenspiele und ein bisschen Lichterfunkenspiele genügen; bei Element of Crime bauen Klang und Text die Atmosphäre, und natürlich Regeners Gesang, der viel kratziger und tiefer daherkommt als früher. So, wie Element of Crime aus wenigen banalen Worten überbordende Bildwelten skizzieren, die sich jeder selbst bunt ausmalen kann: das ist große Pop-Kunst.

Mit „Immer noch Liebe in mir“ schrammen sie zwar nicht haarscharf an dumpfbackiger Schunkelei vorbei, sondern landen mittendrin. Aber egal. Wer außer diesem gebürtigen Bremer kann schon so raunzig-schlurfig und eben drum hinreißend von den Schieflagen des Daseins singen.

„Neue Lieder, schön und gut, aber wo bleiben die alten Hits“? fragt er, also spielen sie auch „Nur so“, „Delmenhorst“ und viele andere ihrer bekannten Stücke. Mit „Bring den Vorschlaghammer mit“ schlagen sie den Bogen von der Altersweisheit zurück zur Anarchie. Was ist gestern, was ist heute? Bei Element of Crime lösen sich solche Grenzen auf.

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