Energieversorgung Ein Klimakiller macht Karriere

Ein Chinese fährt in Shuozhou auf seinem Fahrrad an den Kühltürmen des Kohlekraftwerks Shengtou vorbei Foto: dpa

Frankfurt/Hamburg - Es war eine knüppelharte Botschaft, die die Internationale Energieagentur (IEA) der Weltöffentlichkeit vor wenigen Wochen präsentiert hat. Knüppelhart deswegen, weil sie mit ziemlich allen Rosarot-Szenarien im Klima- und Energieuniversum aufräumte. Die Hoffnung etwa, die Energieversorgung bis 2050 weltweit auf Grün umzustellen und damit die Klimaerwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, verbannten die Experten in ihrem Jahresbericht – rhetorisch nur leicht kaschiert – ins Reich der Fantasie. Stattdessen halten sie eine Erwärmung der durchschnittlichen Erdtemperatur um sechs Grad für durchaus plausibel.

Die Nachricht, die eigentlich wie ein Blitz hätte einschlagen müssen, entwickelte auch wenige Wochen vor der Weltklimakonferenz im südafrikanischen Durban nicht mal einen blassen Zündfunken. Vielleicht waren Finanz- und Staatsschuldenkrisen als Bedrohungsszenarien einfach konkreter, vielleicht waren die Details, die die IEA-Experten wie aus einem Füllhorn ausgossen, auch einfach zu niederschmetternd.

Der Energieverbrauch, so die Pariser Expertenorganisation, werde – gemessen am Stand von 2010 – bis zum Jahr 2035 um ein Drittel ansteigen. Dabei werden vor allem die klassischen fossilen Energieträger den Energiehunger der dann knapp elf Milliarden Menschen auf der Erde decken. Für Klimaschützer war allerdings eine weitere Botschaft noch alarmierender: Eine alte Bekannte, über die derzeit in Deutschland das Leichentuch ausgebreitet wird, werde mit einiger Wahrscheinlichkeit zum neuen Star der Energieversorgung: die Kohle.

Kohle hat auch Vorteile

Der Allerweltsrohstoff, der in Deutschland und Polen ebenso in der Erde schlummert wie in Südafrika und der Mongolei, schickt sich an, die jahrzehntelange Spitzenstellung des Öls als wichtigsten Energieträgers der Welt zu beenden. Um zwei Drittel werde die Kohlenutzung in den nächsten 25 Jahren zunehmen, prognostizieren die Experten. „Es spricht wenig dafür, dass der Siegeszug der Kohle bald enden wird“, sagt denn auch Leon Leschus, Rohstoffexperte beim Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Der Aufstieg hat eigentlich schon viel früher begonnen. Im vergangenen Jahrzehnt wurde der Zuwachs im Weltenergieverbrauch fast zur Hälfte durch Kohle gedeckt. Der fossile Brennstoff war damit ähnlich wichtig wie Öl, Erdgas, Atomkraft und erneuerbare Energien zusammen.

Kein Wunder, denn das braun-schwarze Sediment, das beim Verbrennen so viel Klimagas freisetzt wie kein anderer Energierohstoff, hat auch Vorteile. Kein Brennstoff ist weltweit so gleichmäßig im Erdmantel verteilt, sagt Energiefachmann Leschus. Anders als Öl oder Gas, die meist in politisch instabilen Regionen oder unter der Ägide totalitärer Herrscher aus dem Boden gesogen werden müssen, ist Kohle nahezu flächendeckend vorhanden. Die größten Vorkommen sind gleichmäßig über Europa (mit Russland), Asien und den nordamerikanischen Kontinent verteilt. Dazu kommt: Die weltweiten Reserven sind dank moderner Fördertechnik auf die gigantische Summe von 861 Milliarden Tonnen angewachsen. Wenn die Menschheit so weitermacht wie bisher, könnte sie 118 Jahre Kohle verfeuern, ohne dass die Öfen ausgehen. Öl und Gas wären nach Daten des World Energy Council (WEC) dann schon längst versiegt.

Der wichtigste Grund für die unheimliche Attraktivität des Klimakillers liegt aber woanders. Kohle ist unschlagbar billig. Während Rohöl im Verlauf der vergangenen zehn Jahre fast sechsmal teurer geworden ist, hat Kohle nur um den Faktor 3,5 zugelegt. In einem Kohlekraftwerk lässt sich eine Kilowattstunde Energie für 3,5 Euro-Cent erzeugen. Nur Atomstrom, der hierzulande ein Auslaufmodell ist, schneidet bei den reinen Erzeugungskosten günstiger ab. Zum Vergleich: Wind- und besonders Fotovoltaikstrom ist noch um ein Mehrfaches teurer.

Deutschland bildet Ausnahme

Besonders die Schwellenländer setzen daher in großem Maßstab auf den Brennstoff. Allein China verbraucht mittlerweile knapp die Hälfte des Weltkohlebedarfs, gefolgt von Indien. Aber auch in den Industriestaaten der OECD wird Kohle verfeuert, was das Zeug hält. Nie in den vergangenen 30 Jahren war der Zuwachs im Verbrauch hier größer als im Jahr 2010.

Deutschland bildet hier eine Ausnahme. Im letzten Jahrzehnt ging der Kohleverbrauch zurück, auch weil erneuerbare Energien wie Solar- und Windkraft im Land einen beispiellosen Siegeszug angetreten haben und mittlerweile einen Anteil von knapp zehn Prozent am Primärenergieverbrauch decken. „In Deutschland herrscht beim Thema Kohlekraft eine richtig große Flaute“, sagt Thorsten Herdan, energiepolitischer Sprecher des Maschinenbauerverbands VDMA und Geschäftsführer der Kraftwerkssparte Power Systems. Zwar seien zehn große Kohlekraftwerke aktuell im Bau, deren Inbetriebnahme verzögere sich aber immer weiter. Die Gründe sind unterschiedlich. Oft werden die Projekte durch Klagen von Bürgern oder von Umweltverbänden ausgebremst. Rund die Hälfte der Anlagen kämpft aber auch mit technischen Problemen, die aus der Verwendung eines neuen Stahltyps beim Bau der Kessel herrühren. Allgemein sei die Akzeptanz der Kohlemeiler in Deutschland mittlerweile sehr gering, sagt Herdan.

Außerdem rechnen sich fossile Kraftwerke in Deutschland immer weniger. Der Vorrang für erneuerbare Energien hat dazu geführt, dass die Großkraftwerke nicht mehr wie früher das ganze Jahr über durchlaufen können, sondern immer öfter heruntergefahren werden müssen. Das schlägt voll auf die Wirtschaftlichkeit durch. An neue Gaskraftwerke traut sich in Deutschland kaum ein Investor, und bei Kohle sieht es trotz der günstigen Brennstoffpreise ähnlich aus. „Es fehlt das Geschäftsmodell“, sagt Herdan.

Außerdem hängt über den Meilern, die sehr viel Kohlendioxid (CO2) ausstoßen, ein weiteres Damoklesschwert. Ab 2013 müssen Energieversorger für jedes Kilogramm CO2, das sie in die Atmosphäre blasen, Geld bezahlen. Diese sogenannte Vollauktionierung von Verschmutzungszertifikaten hat den Kraftwerksneubau ausgebremst. Zumal moderne CO2-Zurückhaltetechnologien wie die sogenannte CCS-Technik seit Monaten im Räderwerk des Berliner Politikbetriebs zermahlen werden. Für die Schwellenländer, auf die nach IEA-Angaben bis 2035 rund 90 Prozent des weltweiten Energiemehrverbrauchs entfallen werden, ist das kein Argument. Am Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten nehmen sie nicht teil.

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