Erdbeben in der Türkei Korrupte Beamte schließen die Augen

Der Türkische Rote Halbmond ließ auf Fußballplätzen und anderen öffentlichen Flächen beheizbare Zelte errichten: Viele Menschen hatten die erste Nacht nach dem Beben im Freien verbracht, wegen der vielen Nachbeben, aber auch weil die Behörden vor einer Rückkehr in beschädigte Häuser gewarnt hatten. Nun sollen sie möglichst rasch warm untergebracht werden. Mehr als 20.000 warme Decken und Feldküchen zur Versorgung von 25.000 Obdachlosen trafen im Verlauf des Tages in Van ein.

 Obwohl die Regierung erklärt hat, mit der Lage selbst fertigzuwerden, haben Aserbaidschan, Bulgarien und der Iran Hilfe in die Türkei geschickt. Auch Länder wie Israel und Armenien, deren Beziehungen zu Ankara seit geraumer Zeit gespannt sind, haben Unterstützung angeboten. Aus Deutschland startete am Montag ein medizinisches Ersteinsatzteam der Hilfsorganisation Humedica.

Unterdessen kritisieren Experten die weit verbreitete Missachtung von Bauvorschriften bei der Errichtung von Wohnhäusern und den Mangel an staatlichen Kontrollen. "Nicht das Beben tötet", sagte Serdar Harp, der Chef des türkischen Bauingenieur-Verbandes, "die Gebäude töten." Viele Häuser in Van, einer der ärmsten Provinzen der Türkei, sind in den vergangenen Jahren hastig und ohne Beachtung von Vorschriften errichtet worden. Häufig wird minderwertiges Material verwendet, oder es wird am Baustahl gespart, der den Gebäuden Halt geben soll.

Anbauten Marke Eigenbau sind selten erdbebensicher

Hin und wieder setzen Hausbesitzer auch auf eigene Faust zusätzliche Stockwerke auf bestehende Häuser; ein Architekt oder ein anderer Sachverständiger wird dabei nur selten gefragt. Korrupte Behördenvertreter drücken häufig beide Augen zu. Nach dem Beben vom Sonntag war in Van und in Ercis zu sehen, dass unmittelbar neben völlig zerstörten Wohnhäusern andere Gebäude die Erschütterung ohne erkennbaren Schaden weggesteckt hatten.

Auch in der erdbebengefährdeten Metropole Istanbul sind nach Expertenschätzung Hunderttausende Wohngebäude ohne Rücksicht auf die Erdbebensicherheit gebaut worden. Zahlreiche Naturkatastrophen in den vergangenen Jahren, nicht zuletzt das verheerende Erdbeben von 1999 mit rund 20000 Toten, machten immer wieder deutlich, wie schlecht die Bausubstanz vielerorts ist. Trotz des bemerkenswerten Wirtschaftsbooms der Türkei hat sich daran bis heute nur wenig geändert.

 

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