Es brodelt in Bad Cannstatt Dem VfB Stuttgart droht eine Zerreißprobe

VfB-Präsident Wolfgang Dietrich steht in der Kritik. Foto: Pressefoto Baumann

Stuttgart. Abstiegskampf, Ultra-Proteste, Buchwald-Rücktritt: Es brodelt in Bad Cannstatt. In der Bundesliga kämpft das Team von Markus Weinzierl gegen den Abstieg - und neben dem Platz droht dem VfB Stuttgart eine Zerreißprobe. Präsident Wolfgang Dietrich und Sportvorstand Michael Reschke stehen im Zentrum der Kritik, aber auch der Trainer muss sich erklären.   

Was die Anzahl der Baustellen angeht, nähert sich die Mannschaft mit schnellen Schritten dem Niveau der baden-württembergischen Landeshauptstadt: Keine Spielidee, keine Automatismen und kein Selbstvertrauen. Dazu individuelle Fehler in der Defensive und eine harm- und ideenlose Offensive. Auf dem Platz geben die Schwaben ein trauriges Bild ab. Und auch neben dem Feld sieht es nur bedingt besser aus.

Mit seinem Rücktritt aus dem Aufsichtsrat hat Ehrenspielführer Guido Buchwald einen weiteren Brandherd entfacht.  Es habe nach dem 2:2 gegen den SC Freiburg Vorwürfe gegeben, und es sei versucht worden "mir die Schuld an der Situation, in der die Mannschaft steckt, in die Schuhe zu schieben. Deshalb kann ich mein Amt auch nicht mehr konstruktiv ausüben bzw. so ausfüllen, wie ich mir das vorstelle“, erklärte der Weltmeister von 1990 am Montag in einer Stellungnahme. 

Buchwald hatte im vergangenen November mit Kritik an VfB-Sportvorstand Michael Reschke für Aufsehen gesorgt. In einem Sport1-Interview hatte der frühere VfB-Profi die Entscheidungen kritisiert, dem ehemaligen Trainer Tayfun Korkut und dem früheren Bayern-Verteidiger Holger Badstuber, längerfristige neue Verträge zu geben. Zudem hatte sich der einstige Defensivspieler für eine breitere sportliche Kompetenz im Verein ausgesprochen.

Auftritte der Mannschaft wirken als Brandbeschleuniger

Die Stimmung rund um den Traditionsverein ist aufgeheizt. Es brodelt in Bad Cannstatt. Während den Heimspielen gab es zuletzt vermehrt Proteste der Stuttgarter Ultras. Präsident Wolfgang Dietrich und Sportvorstand Michael Reschke stehen im Zentrum der Kritik. Als eine Art Brandbeschleuniger wirken aber auch die dürftigen Auftritte der VfB-Profis. 

Cheftrainer Markus Weinzierl, der die Mannschaft Anfang Oktober von Tayfun Korkut übernommen hat, hat es nicht geschafft, den VfB aus dem Keller zu führen. Eine klare Handschrift ist auch nach rund vier Monaten nicht erkennbar. Seine Bilanz ist niederschmetternd: Von 13 Spielen hat Weinzierl neun verloren. Im Schnitt macht das unterirdische 0,77 Punkte. Zudem fing sich die schwäbische Defensive im Schnitt pro Spiel 2,38 Gegentore. Allesamt Statistiken eines Absteigers. Hoffnung machen den VfB-Fans lediglich Nürnberg und Hannover, die es tatsächlich schaffen, die Darbietungen der Stuttgarter noch zu unterbieten.

Die sportliche Krise der Schwaben hat diverse Gründe. Da gibt es zum einen die missglückte Transferpolitik von Michael Reschke: Insgesamt rund 50 Millionen Euro hat der Rheinländer in den Stuttgarter Kader stecken dürfen. Die Mischung aus Routiniers (Didavi, Castro) und Talenten (Maffeo, Sosa, Gonzalez) erschien vielen Beobachtern vor dem Saisonbeginn als durchaus vielversprechend. Im Januar 2019 ist allerdings offensichtlich, dass die Mischung im VfB-Kader nicht stimmt. Hinzu kommen extreme Formschwankungen von vermeintlichen Leistungsträgern (Pavard, Ascacibar, Zieler) und gerade in der Hinserie zahlreiche Verletzte (Donis, Didavi, Kempf). 

Die Kritik an Wolfgang Dietrich wird von Woche zu Woche lauter

Die Krise abseits des Rasens erscheint auf den ersten Blick hausgemacht und fokussiert sich auf die Person Wolfgang Dietrich. Der Präsident des VfB Stuttgart hat seit seiner Wahl im Oktober 2016 viele Dinge angepackt und Strukturen verändert. Ausgliederung, Neuausrichtung des Nachwuchsbereichs, VfB-Akademie, Modernisierung der Trainingsanlagen. Was der 70-Jährige allerdings nicht geschafft hat, ist die VfB-Familie zu einen. Die Kritik an seiner Person war nie gänzlich verstummt und wird jetzt, da es sportlich nicht läuft, von Woche zu Woche lauter.

Mit einer knappen Mehrheit (57,2 Prozent) wurde der Unternehmer und einstige Projektsprecher von Stuttgart 21 zum Präsidenten gewählt. Kritische Stimmen gab es dabei schon seit der Verkündung seiner Kandidatur. Das Schlagwort „S21“ alleine reicht in Stuttgart aus, um als Reizfigur zu dienen. Im Fall von Wolfgang Dietrich kommt - neben der Tatsache, dass es keinen Gegenkandidaten gab - noch seine berufliche Vergangenheit hinzu. Dietrich saß im Vorstand und Aufsichtsrat der Quattrex-Sports AG. Ein Unternehmen, das Darlehen an Fußballvereine vergibt.

Die Kritiker aus dem Ultra-Lager bezeichnen Dietrich als „Spalter“, wünschen sich einen neuen Präsidenten und am liebsten wohl auch direkt einen neuen Sportvorstand. Mit Michael Reschke und seiner Haltung zum Thema Wahrheit können viele Fans in der Cannstatter Kurve wenig anfangen. "Nur ein ahnungsloser Vollidiot glaubt an einen Zusammenhalt mit euch Blendern und Wahrheitsbeugern“, stand am Sonntagabend in großen schwarzen Lettern auf einem Spruchband. 

Die Identifikation vieler Fans sei „kaputt gegangen", so das "Commando Cannstatt 97" in einer am Sonntagabend auf ihrer Homepage veröffentlichten Erklärung. Der VfB-Anhang wünscht sich in Zukunft einen „transparent geführten VfB“, der „großen Worten auch Taten folgen lässt.“ Dies funktioniere nur, wenn „die richtigen Leute mit dem größten Fachwissen auf den entscheidenden Positionen sitzen“. Aktuell gebe es beim VfB aber noch „zu viel Wolfgang Dietrich.“

Einer der Hauptkritikpunkte der Ultras ist die „strukturell bedingte Ämterhäufung“ des Präsidenten. Ihrer Meinung nach fehlt der VfB-AG ein Vorstandsvorsitzender mit Fußballverstand, der die Arbeit des Sportvorstandes (Reschke) kontrolliert und einen Gegenpol zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats (Dietrich) bildet.  

Der VfB Stuttgart steht an einem Scheideweg: Während die Mannschaft auf dem Platz gegen den Abstieg kämpft, droht dem Verein eine Zerreißprobe. Wie sich die Stimmungslage rund um den Club in den nächsten Wochen entwickeln wird, ist dabei eng an das sportliche Schicksal der verunsicherten Mannschaft geknüpft. 


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