Europawahl am 26. Mai IHK-Geschäftsführer Markus Beier zu den Brexit-Folgen

Waiblingen. Großbritannien ist für die baden-württembergische Wirtschaft das sechstgrößte Exportland. Vor allem bei einem ungeordneten Austritt aus der EU ist der wirtschaftliche Schaden hier wie dort nicht absehbar, sagt Markus Beier, Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr.

Herr Beier*, ist der Brexit in den Unternehmen zwischen Rems und Murr noch aktuell oder ist das Thema bis 31. Oktober ad acta gelegt?

Das Thema ist nach wie vor aktuell in den Firmen, da ja noch alles offen ist. Deshalb rät die IHK Region Stuttgart den Mitgliedsunternehmen, sich weiterhin auf einen ungeordneten Austritt vorzubereiten, soweit das eben möglich ist. Die Firmen, die enge Handelsbeziehungen und Niederlassungen in Großbritannien haben, sind nach unserem Eindruck aber bereits entsprechend vorbereitet. Die Warenlager im Vereinigten Königreich sind gefüllt, die Mitarbeiter entsprechend präpariert. Schließlich musste ja bereits zum 29. März beziehungsweise 12. April mit einem ungeordneten Austritt gerechnet werden.

Wie können die Firmen das halbe Jahr bis zur Entscheidung Ende Oktober nutzen, um sich auf den Austritt Großbritanniens aus der EU vorzubereiten?

Die Firmen, die sich bis jetzt noch nicht vorbereitet haben, sollten die Zeit nutzen sich auf mögliche neuen Bedingungen einzustellen. Insbesondere im Hinblick auf den Warenverkehr, auf Verträge, Lieferketten, den Datenschutz, Umsatzsteuerprobleme und weitere außenwirtschaftliche Vorgaben. Wenn am 31. Oktober 2019 kein geordneter Brexit erfolgt, das heißt ohne Übergangsphase und ohne ein entsprechendes Handelsabkommen, wird mit einem erheblichen Zeit-, Kosten- und bürokratischen Mehraufwand gerechnet werden müssen. Die Außenwirtschaftsexperten der IHK stehen den Mitgliedsunternehmen auch weiterhin beratend zur Seite.

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit den Verhandlungen und Beratungen zwischen EU und Großbritannien beziehungsweise in Großbritannien bis zum 31. Oktober?

Dass die politisch Verantwortlichen in Großbritannien im Interesse der Menschen und Unternehmen dies- und jenseits des Ärmelkanals sich doch noch zu einem geordneten Austritt mit einem vernünftigen Freihandelsabkommen durchraufen. Die EU hat solche Abkommen ja mit zahlreichen Ländern. Jüngstes Beispiel ist das im Februar 2019 geschlossene Freihandelsabkommen mit Japan, durch das die größte Wirtschaftszone der Welt mit einem Drittel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts entstanden ist.

Was wären die Folgen eines Brexits für Großbritannien?

Das Vereinigte Königreich wird alleine massiv an wirtschaftlichen Vorteilen und Einfluss verlieren, davon bin ich überzeugt. Derzeit ist Großbritannien für baden-württembergische Unternehmen das sechstwichtigste Exportland. Bereits jetzt ist durch die Ungewissheit der bilaterale Handel massiv beeinträchtigt, Investitionsentscheidungen in Großbritannien auf Eis gelegt oder bereits in andere Regionen der Welt umgelenkt. Bei einem ungeordneten Austritt ist der wirtschaftliche Schaden noch nicht absehbar. Ich hoffe sehr, dass sich die Menschen am 31. Oktober nur wegen schauriger Halloweenkostüme, nicht aber wegen eines chaotischen Brexits fürchten müssen.

*Markus Beier ist Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr. Der Kammer gehören im Rems-Murr-Kreis rund 27 000 Mitglieder an, davon 7400 eingetragene Firma und 19 300 Gewerbetreibende.

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