Euthanasie im Rems-Murr-Kreis Paul Wagner: Der glückliche Gehörlose

Paul Wagner Foto: Paulinenpflege Winnenden

Ein Foto, auf dem Paul Wagner zu sehen ist, zeigt einen herzlich lachenden Mann, der von fröhlichen Kindern umringt ist. Paul scheint ein glückliches und geselliges Leben geführt zu haben. Die wenigen Bilder, die von ihm existieren, zeigen, dass er sich selbstverständlich als Mitglied der Anstaltsfamilie in der Paulinenpflege fühlte. Doch bei den staatlichen Untersuchungen 1940 fiel Paul auf. Wahrscheinlich wegen seines fast lebenslangen Heimaufenthalts und seiner eher geringen Fähigkeit zur Arbeitsleistung. Kurze Zeit nach diesen Untersuchungen kam ein grauer Bus, um Paul abzuholen.

Paul Wagner wurde am 21.10.1902 geboren. Mit zehn Jahren wurde er in die Kinderpflegeanstalt der Paulinenpflege eingewiesen, wegen „Gehörlosigkeit, Bildungsunfähigkeit und Schwachsinns“. Letzteres war die damals übliche Bezeichnung für Menschen mit geistiger Behinderung. Paul besuchte zunächst die Taubstummenschule, erlangte jedoch keinen Abschluss. Als er erwachsen war, zog er in das „Taubstummenasyl“, das Wohnheim der Paulinenpflege für erwachsene gehörlose Menschen. Dort scheint Paul sich wohlgefühlt zu haben. Er half bei den im Wohnheim anfallenden Arbeiten in Garten, Küche und Hauswirtschaft so gut er konnte und fühlte sich zu Hause. Hier hatte er Freunde und konnte er selbst sein.

Manche Bewohner freuten sich über den Bus - sie glaubten an einen Ausflug

Doch nach den staatlichen Untersuchungen am 5.10.1940 änderte sich alles. Am 10.3.1941 wurde Paul zusammen mit sechs weiteren Betreuten der Paulinenpflege von einem grauen Bus abgeholt. Manche der Bewohner freuten sich über den grauen Bus. Sie glaubten einen Ausflug machen zu dürfen. Stattdessen wurden sie nach Weinsberg gebracht. Paul wohnte eine Zeit lang in der Einrichtung in Weinsberg, arbeitete in der dortigen Gärtnerei und wurde währenddessen beobachtet.

Seine damalige Heimleiterin aus der Paulinenpflege, Marie Müller, machte sich große Sorgen um ihn. Sie versuchte Paul zu besuchen und möglichst zur retten, wurde aber an beidem gehindert. Schließlich wurde Paul am 16.6.1941 nach Hadamar gebracht und dort vermutlich noch am selben Tag ermordet. Er wurde 38 Jahre alt.

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