Expo 2010 in China Zu neuen Ufern

 Foto: dpa

300.000 Menschen sind gekommen. Oder waren es sogar 400.000? Wer kann solche Massen schon zählen. Jedenfalls war es selbst für chinesische Verhältnisse voll, als Schanghais berühmte Promenade, die monumentale Uferzeile des Bund (sprich: Band), Ende März wieder eröffnet wurde. Mit großem Trara und rechtzeitig zur Expo.

Nach zweieinhalbjähriger Umbauzeit verlaufen nun sechs der elf Fahrspuren unterirdisch. Das dadurch gewonnene Terrain kommt den Flaneuren zugute. Die pompöse Phalanx der Kolonialbauten erstrahlt ebenfalls in neuem altem Glanz. Das Cathay Hotel, eines der Wahrzeichen, wurde sorgsam restauriert, in der einstigen Wetterstation am Kai hat ein Restaurant eröffnet, und in die letzten Lücken der Uferfront wurden behutsam neue Gebäude eingepasst, in halb nostalgischer und halb futuristischer Manier.

Dadurch gewinnt die Millionenstadt den Fluss zurück; umgekehrt ist sie nun vom Fluss besser erschlossen denn je. Kleine Wasserbusse verbinden das Hauptgelände der Expo mit den wichtigsten Stationen beiderseits des Huangpu. Das spart Zeit und lästige Umwege durch die Tunnels, und zugleich kann man so eine Minikreuzfahrt auf dem Fluss unternehmen.

Und dabei vielleicht von einer echten Kreuzfahrt träumen. Seit letztem Sommer kommen wieder Schiffe in die Stadt. Schanghais Skyline ist um eine spektakuläre Attraktion reicher: Mächtig große, leuchtend weiße, unwiderstehlich romantische Kreuzfahrtschiffe können bestaunt werden. Sie legen im Herzen der Stadt an, gleich hinter der frisch renovierten Waibaidu-Brücke, Ausländern eher unter dem alten Namen Garden Bridge geläufig.

Seit hundert Jahren verbinden ihre stählernen Arkaden den Bund mit dem Stadtteil Hongkou. So wie die Brücke den Mythos der Metropole beschwört, so will Schanghai mit dem Kreuzfahrtterminal anknüpfen an seine beste Zeit, an die turbulenten zwanziger und dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als internationale Luxusliner jährlich mehr als 40000 Passagiere ausspuckten.

Kreuzfahrten besitzen in China keinerlei Tradition. "Zwei Drittel aller Chinesen denken dabei als Erstes an das Unglück der Titanic", erklärt Leo Liu, örtlicher Direktor der italienischen Reederei Costa, die maßgeblich an der Errichtung des Terminals beteiligt war. "Wir müssen die Kunden erst einmal auf den Geschmack bringen", sagt er. Einem Volk maritime Kultur zu vermitteln, das mit historischer Wasserscheu geschlagen ist – zu diesem hehren Zweck kreuzen nun die Costa Classica und die Costa Allegra von Schanghai aus durchs Gelbe Meer, nach Taiwan und nach Südostasien.

Rund um das grün schillernde, wie ein riesiger Wassertropfen geformte Terminal ist eine neue Skyline emporgeschossen. Hongkou, bislang als letzter innerstädtischer Bezirk weitgehend unverändert, wandelt sich vom Hinterhof Schanghais zur ersten Adresse. Ungeniert nennt sich der neue Uferabschnitt North Bund, auch wenn es diese Bezeichnung historisch nie gab. Noch zwei Kilometer vom Fluss entfernt, nutzen Geschäfte und Büros dieses glamouröse Etikett.

"Better City, Better Life" – Hongkou macht die Probe aufs Exempel, setzt den Slogan der Expo so großflächig um wie kein anderer Stadtteil. Traditionell eher ein Viertel der kleinen Leute, wandelt es sich zum bevorzugten Quartier der neuen Mittelschicht. Anstelle der dürftigen ein- bis zweistöckigen Häuschen ragen nun 20- bis 30-stöckige Apartmenttürme empor. Die gemütlichen Hofgassen sind modernen Verkehrsschneisen gewichen, statt Kramläden und Garküchen ziehen Cafés, Bioläden und Boutiquen in die Sockelgeschosse ein. Vorreiter der Entwicklung sind die Doppeltürme des Hyatt on the Bund unmittelbar neben dem Terminal, eines der größten Hotels der Stadt. Sein elegantes, kühles Design hebt sich wohltuend ab vom gängigen Schwulst und Kitsch. Zudem genießt man von dieser Schlüsselstelle in der Flussbiegung einen der schönsten Rundblicke der Stadt, mitsamt der Traumschiffe vor der Haustür.

Entlang der neuen Uferpromenade sind weitere Hotels entstanden, hinzu kommen ein Tunnel für den Autoverkehr und zwei neue U-Bahn-Linien. Nicht nur die Infrastruktur wird aufgerüstet, Hongkou legt sich zugleich ein neues Image als Kulturbezirk und als Schanghais "Tor zur Welt" zu. Im Ausland war es bisher vor allem als Zuflucht für 18.000 jüdische Flüchtlinge bekannt. Auch sie kamen vor 70 Jahren per Schiff, nach einer dreiwöchigen Passage aus Europa. Die Gedenkstätte in der Ohel-Moishe-Synagoge wurde generalüberholt und zeigt derzeit eine sehenswerte Sonderausstellung über die Schicksale der Flüchtlinge.

Jüngste Beispiele der Kulturoffensive sind ein glamouröses Varieté namens Chinatown, das mit Jazz und Cabaret den Mythos der dreißiger Jahre beschwört. Ganz in der Nähe lockt ein wuchtiger Komplex, der schlicht nach seinem Baujahr benannt wurde: 1933. Es handelt sich um eines der bedeutendsten Beispiele der architektonischen Moderne in Schanghai – den alten Schlachthof. In seine kühnen Betongewölbe sind Designerbüros, Multimediafirmen und Modeschöpfer eingezogen, kultige Restaurants und trendige Boutiquen. Einmal mehr erfindet Schanghai sich hier neu. Die sprießende Skyline am Huangpu kommt einer Kampfansage an den großen Bruder gegenüber gleich: Pudong war gestern – jetzt gibt Hongkou Contra. Dort, wo die großen Schiffe liegen.

Informationen zu Schanghai

Anreise
Lufthansa/Air China fliegen ab Frankfurt und München nach Schanghai, derzeit für rund 800 Euro. Günstige Verbindungen bieten u.a. Qatar Airways, KLM und Hainan Airlines. Für die Einreise ist ein Visum von der Botschaft und den Konsulaten der Volksrepublik China erforderlich.

Unterkunft
Hyatt on the BundLe Royal Meridien: Futuristischer Gigant des deutschen Architekturbüros Ingenhoven und Partner.  Holiday Inn Shanghai Vista: Gut geführtes Mittelklassehotel unter deutscher Leitung.

Was Sie tun und lassen sollten
Auf jeden Fall sollten Sie immer ein Kärtchen des Hotels mitnehmen. Den Taxifahrern sind viele Häuser nur unter dem chinesischen Namen geläufig. Zur blauen Stunde sollten Sie einen Drink in der Bar im 65. Stock des Royal Meridien nehmen. Und Sie sollten zu Fuß gehen. Dank seiner europäischen Prägung ist Schanghai eine der wenigen chinesischen Großstädte, die sich auf diese Weise erkunden lassen, zumindest die inneren Bezirke. Speisen sollten Sie im M on the Bund. Eine Institution, nicht allein der Lage und der erlesenen Küche wegen, sondern auch, weil es als Kulturinstitution und Impulsgeber für die ganze Stadt wirkt. Jedes Jahr im März richtet M das Schanghaier Literaturfestival aus, das feinste in ganz Asien. Wenigstens einmal sollten Sie sich eine Fußmassage gönnen. Die meisten größeren Hotels bieten dieses Verwöhnprogramm an; billiger und aufregender wird es, wenn Sie sich von chinesischen Bekannten ein Massagestudio empfehlen lassen. Generell sollten Sie chinesisch essen gehen, so oft und so ausgiebig wie möglich.

Auf keinen Fall sollten Sie zu Stoßzeiten ein Taxi nehmen. Mit der U-Bahn kommt man schneller ans Ziel; freilich ist sie dann auch entsprechend voll. Die offizielle Website der Expo ist in typisch chinesischem Verlautbarungsstil gehalten – dröge, uncharmant und wenig inspirierend. Trinken Sie keinen chinesischen Wein – ganz gleich, was die Gastgeber Ihnen versichern. Das leichte, süffige Bier dagegen mundet immer. Chinesischen Schnaps sollten Sie nur im äußersten Notfall trinken – ein Gebräu für Fakire. Europäisch essen gehen ist nicht empfehlenswert. Auch wenn die Küchenchefs sich Mühe geben, schmeckt es doch nur halb so gut wie in heimischen Gefilden, ist aber doppelt so teuer. Im Paulaner etwa kostet ein 0,3-Liter-Gläschen Weißbier unverschämte sieben Euro.

Preise
Fahrt mit der U-Bahn 0,30 bis 0,60 Euro
Basispreis für eine Taxifahrt 1 Euro
Flasche Bier (0,64 l) 0,80 Euro
Essen im Restaurant 4 Euro
Essen in der Imbissstube 1 bis 2 Euro
Jian Bing (Crêpe mit Koriander, Zwiebeln und etwas Knusperzeug) in einer Garküche 0,30 Euro

Wetter
In Schanghai herrscht subtropisches Klima, die Sommer sind sehr heiß und schwül, die Winter mild. Beste Reisezeit ist von September bis November und April bis Juni. Im Juli und August ist es fast unerträglich heiß.

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