„Fällt Entscheidungen, keine Bäume!“ So lief der Klimastreik im Rems-Murr-Kreis

Ende der fossilen Energieträger, Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad: Gratian Riter von der Initiative Offene Gesellschaft Schorndorf sprach auf der Kundgebung in Schorndorf. Foto: Ralph Steinemann

Schorndorf/Winnenden/Backnang. Großer Aufruf zum Klimastreik und die Schüler können nicht hin? Mitnichten! Aus dem ganzen Kreis waren Jugendliche am Freitagvormittag unterwegs – entweder auf dem Weg nach Stuttgart oder im Kreis. Denn auch in Backnang und Schorndorf gingen die Menschen auf die Straße.

Sie fanden, dass es einfach nicht sein kann, dass in Schorndorf alle die Füße stillhalten, womöglich sogar mit dem Auto zur großen Klimademo nach Stuttgart fahren. Und deshalb haben Jasmin Ruffner und Gratian Riter von der Offenen Gesellschaft Schorndorf beschlossen, dass sie eine Kundgebung organisieren: 11.30 Uhr auf dem Schorndorfer Marktplatz. Genehmigt und angemeldet. Und weil’s so schön passte, war der Stadtkirchen-Pfarrer Steffen Kläger-Lissmann direkt mit dabei. Er ließ um fünf vor zwölf die Glocken läuten und schloss sich damit dem Aufruf von Churches for Future an. Übrigens: Die vielen, die an einem Freitagvormittag auf den Marktplatz geströmt waren – es waren bestimmt deutlich über 500 –, bewiesen nicht nur Solidarität mit den Fridays-for-Future-Demonstranten, sondern auch Humor. Da hielt tatsächlich eine „Tante for Future“ ihr Schild hoch.

Jeder Einzelne sollte was tun, erklärte die 15-jährige Ella. Ella war dem Aufruf der Backnanger Fridays-for-Future-Gruppe gefolgt und bewies damit, dass es ihr auf keinen Fall um Freitagsbequemlichkeit geht. Die Backnanger nämlich starteten schon um neun Uhr mit ihrer Kundgebung. Viele Jugendliche dort betonten: Man muss nicht perfekt sein und zum Beispiel hundert Prozent vegan leben, sollte aber seinen Lebensstil überdenken und anpassen.

Josie und ihre Freunde aus Winnenden streikten in Stuttgart. Ein Teil von ihnen wollte sogar das ganze Wochenende bleiben und gemeinsam mit anderen Klimaaktivisten auf dem Schlossplatz übernachten.

Nein, die Stadt Schorndorf hat ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht dazu aufgefordert, zur Kundgebung auf den Marktplatz zu gehen. Aber für diesen Freitag wurde der Beginn der Gleitzeit von üblicherweise 12 Uhr auf 11 Uhr vorverlegt. Und noch andere Möglichkeiten gab’s, um den Weg freizumachen: Das Burg-Gymnasium schickte die Schülerinnen und Schüler nach der vierten Stunde ins Wochenende. Denn in der fünften und sechsten Stunde hatten die Lehrer einen Ausflug. Acht Jungs, die Schulranzen noch auf dem Rücken, freuten sich. Ein Kumpel allerdings, der mit dabei stand, rechnete mit einem Eintrag ins Klassenbuch. Er nämlich geht aufs Max-Planck-Gymnasium. Und dort fand der Unterricht ganz regulär statt.

„Wir sind die Welt“: Zwei Kindergartengruppen sind dabei

Klimaschutz ist für die Winnender Schüler ein großes Thema. Sie versuchen, im Alltag mehr darauf zu achten, wie man die Umwelt schützen kann. So versuchen Franziska und Lena, weniger mit dem Auto zu fahren. Zur Schule laufen sie inzwischen oder nehmen das Fahrrad. Sie sagen: „Wir versuchen so viel wie möglich.“

Josies ganze Familie zieht mit. Die Mutter kauft nur selten Fleisch und wenn, dann „vom Metzger nebenan, wo man weiß, dass das Fleisch aus der Gegend kommt“. Außerdem trinkt Josie Hafermilch anstatt Kuhmilch – das schmeckt ihr auch besser.

Sie tanzten, klatschten, trillerten, klingelten und erklärten im Chor: „Wir sind die Welt!“ Zwei Schorndorfer Kindergartengruppen des Awo-Kinderhauses am Schloss waren „ganz spontan“ auf ihren Marktplatz spaziert. Ein Plakat, aufgehängt von einer Mutter, hatte die Erzieherinnen und Erzieher auf die Idee gebracht.

Schulpflicht? Kein Problem, sagten sich Schülerinnen und Schüler der Johann-Philipp-Palm-Schule. Sie waren auf dem Marktplatz und dennoch im Unterricht. Lehrerin Tatjana Zenker, zuständig für Gemeinschaftskunde, machte mit ihnen einen Lerngang zur Kundgebung. Damit im Unterricht endlich mal gelebte Demokratie besprochen werden kann. Das Ganze war im Übrigen abgesegnet von der Schulleitung.

„Wir bitten für alle politischen Entscheidungsträger, dass du ihre Gedanken und Pläne mit deinem Licht erhellst“, hieß es in der Fürbitte im ökumenischen Gottesdienst, der sich ans Fünf-vor-zwölf-Läuten in der Stadtkirche anschloss. Die Plätze in den Kirchenbänken waren belegt wie sonst nur an Weihnachten oder „zur Konfirmation“, wie eine Besucherin bemerkte.

„Hey CDU, du alter Klimazerstörer“ stand auf dem einen Schild. Und auf dem anderen „Fällt Entscheidungen, keine Bäume“. Die meisten der Jugendlichen, die in Backnang demonstrierten, hätten in der Schule sitzen müssen. Ihren Aussagen zufolge hätten aber Klassenlehrer und Rektoren Verständnis gezeigt. Es sei ja keine Überraschung, dass sie heute fehlten. Konsequenzen befürchteten sie nicht.

Schulen und Lehrer reagierten sehr unterschiedlich auf die Streikwünsche der Winnender Schüler, erzählen sie. Viele Lehrer würden sie unterstützen. Ein Lehrer sei sogar mit Schülern zu der Demonstration nach Stuttgart gefahren – aber nur, weil er eine Freistunde hatte. Im Unterricht werde zwar über Umweltschutz gesprochen, aber nicht über Fridays for Future. Und die Eltern? Die würden sogar Entschuldigungen schreiben, allerdings bekämen die Schüler trotzdem Fehlzeit angekreidet. Das ist auch gut so, meinte Josie, „die Leute sollen ruhig wissen, dass wir streiken gehen“.

Die Politiker, waren sich Maya und Sophia, beide Siebtklässlerinnen vom Schorndorfer Burg-Gymnasium, einig, sollten lieber endlich mal was machen, anstatt immer nur zu „labern“. Davon würde nichts besser. Und am Ende, brachte Maya das Klimaschutz-Generationen-Problem auf den Punkt, „sterben die Politiker. Und wir haben den Scheiß!“


Klimaschutz zum Mitmachen: Ideen gesucht

Der Rems-Murr-Kreis startet einen Klimaschutz-Ideenwettbewerb und ruft Bürgerinnen und Bürger zur Einreichung ihrer Klimaschutz-Ideen auf.

Vielleicht haben auch Sie neue Ideen oder Projekte zur CO2-Reduktion umgesetzt, die auch für andere interessant sind? Dann reichen Sie jetzt Ihre Ideen zum Klimaschutz-Ideenwettbewerb ein.
Der Grund: Über die Hälfte der CO2-Emissionen im Rems-Murr-Kreis entstehen durch den Strom- und Wärmeverbrauch sowie das Mobilitätsverhalten der Bürgerinnen und Bürger. Vor diesem Hintergrund begrüßt der Rems-Murr-Kreis bürgerschaftliches Engagement und unterstützt das Aktionsbündnis Klimaschutz.

Bis zum 20. November 2019 können alle Bürgerinnen und Bürger sowie Vereine und Unternehmen aus dem Kreis Klimaschutz-Ideen zum Wettbewerb einreichen. Die drei besten Ideen werden durch das Landratsamt ausgezeichnet und mit einem Preisgeld prämiert.

Alle Infos rund um den Klimaschutz-Ideenwettbewerb unter www.rems-murr-kreis.de/ideenwettbewerb.

Oder Sie besuchen den Landratsamt-Stand während der Aktionswoche Klimaschutz am Montagabend, 23. September, im Kino Universum in Backnang, Mittwoch, 25. September, vormittags, im Kulturhaus Schwanen in Waiblingen, Samstag, 28. September, auf dem Zukunftsmarkt ebenfalls im Kulturhaus Schwanen.

In der Woche vom 20. bis 28. September veranstaltet das Aktionsbündnis Klimaschutz Rems-Murr eine Aktionswoche Klimaschutz. Die Woche bietet Inspiration zu Themen wie nachhaltige Lebensmittelversorgung, alternative Mobilitätsformen und erneuerbare Energien. Das Programm finden Sie hier.

#allefürsklima

Die Online-Redaktion hat am Freitag live von Veranstaltungen zum weltweiten Klima-Streik-Tag #allefürsKlima im Rems-Murr-Kreis und der anschließenden großen Demonstration in Stuttgart berichtet. Bilder, Informationen und Videos finden Sie unter zvw.de/klimastreik.


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