„Falsche Polizisten“ im Rems-Murr-Kreis Initiative Sicherer Landkreis klärt Bürger auf

Symbolbild. Foto: Pixabay/CC0 Public Domain

Waiblingen. Solange es andere trifft, kann man sich kopfschüttelnd über deren Leichtgläubigkeit wundern. Doch es sind schon Leute fiesen Betrügern auf den Leim gegangen, die das nie von sich gedacht hätten. Mit der Masche „falscher Polizist“ sind Kriminelle immer wieder erfolgreich. Sie ziehen alle Register, zielen mitten ins Herz, spielen mit tiefsitzenden Ängsten – und hinterher ist ein alter Mensch sein gesamtes Erspartes los. Ermittler des Landeskriminalamts ziehen die Schlinge enger.

Die Profi-Betrüger sitzen offenbar in Callcentern in der Türkei. Sie stellen Telefonlisten anhand von Vornamen zusammen: Wer Otto oder Hildegard heißt, befindet sich vermutlich im Seniorenalter – und eignet sich als potenzielles Opfer. Alte Menschen leben öfter allein, und vielleicht sorgen sie sich, weil doch so viel passiert heutzutage. Genau in diese Kerbe haut ein betrügerischer Anrufer zuerst: Bei Ihnen um die Ecke ist eingebrochen worden! Wir sind von der Polizei! Wir sorgen für Ihre Sicherheit! Haben Sie Bargeld im Haus? Wir müssen das sichern.

Die allermeisten Senioren legen jetzt auf. Sie wissen: Echte Polizisten rufen nicht bei Bürgern an und behaupten, Wertgegenstände müssten abgeholt werden.

Die Masche verfängt immer seltener, weil inzwischen viele davon gehört haben. Hin und wieder packt einen Senior aber doch die Furcht bei solch einem Anruf. Ein Einbruch? In der Friedhofstraße? Das ist direkt bei mir um die Ecke!

Für die Kriminellen in der Türkei ist es – google maps sei Dank – ein Leichtes, herauszufinden, welche Straße um die Ecke liegt. Jetzt beginnt der systematische Vertrauensaufbau, berichtet Martin Lang, Inspektionsleiter organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt. Einer der Ermittler, dessen Name nicht in der Zeitung auftauchen soll, zeichnet nach, wie die Anrufer vorgehen:

Ein erstes Gespräch kann eine halbe Stunde oder länger dauern. Unterdessen rufen sie vom Callcenter aus die echte Polizei an und behaupten, sie hätten da und dort was höchst Auffälliges bemerkt. Ob eine Streife kommen könne? Alsbald fordert der Anrufer den arglosen Senior auf: Schauen Sie mal aus dem Fenster. Sehen Sie den Streifenwagen? Das sind unsere Kollegen.

Die Betrüger rufen ungezählte Male an

Nun zappelt der Fisch schon an der Angel. Die Anrufer tun den lieben langen Tag nichts anderes, als diesen Betrug anzubahnen. Sie sind auf alles vorbereitet, auf jedes Zögern des Seniors, auf jedes Zweifeln, jeden Einwand. Kein Stottern, keine Unsicherheit – sie reden und reden und reden. Auch auf der Bank sei das Geld nicht mehr sicher, behaupten sie. Bankangestellte stecken mit den Einbrechern unter einer Decke! Der Fall eilt. Sonst ist das ganze Geld weg! Alles! Ob man es nun einsehe, dass die Polizei jetzt dringend die Hilfe des unbescholtenen Bürgers braucht?

Die Betrüger rufen ungezählte Male an. Der Senior soll keine Chance haben, mit irgendjemand anderem zu reden. Stillschweigen sei oberstes Gebot, heißt es. Steht er am Bankschalter, um das Konto leerzuräumen, steckt das Handy in der Tasche, die Verbindung zur falschen Polizei steht. Zum Schutz. Alles nur zum Schutz.

Manche Opfer geraten derart in einen gedanklichen Tunnel, dass sie selbst dann noch an all die Geschichten glauben (wollen), wenn der Betrug längst offenkundig und die echte Polizei eingeschaltet ist.

Der heikelste Moment: Die Übergabe

Zuvor managen die Kriminellen den wohl heikelsten Moment ihres Feldzugs: die Übergabe. Alles Geld ist von der Bank abgehoben und säuberlich verpackt, zusammen mit dem Familienschmuck und dem Silberbesteck. Wer bis an diesen Punkt gekommen ist, der wird, so die Erfahrung des LKA-Ermittlers, meist nicht mehr misstrauisch angesichts der Person, die dann klingelt. Es könnte sich um einen Kleinkriminellen handeln, den die mittlere Ebene des Verbrechernetzwerks angeworben hat. Dahinter stecken Logistiker, die deutschlandweit Abholer dirigieren, und hinter diesen wiederum agieren ranghöhere Absahner. Am ehesten kommt die Polizei an die Abholer heran; unter anderem an dieser Flanke gelang es laut LKA bereits, das Betrügernetzwerk zu schwächen.

Für 5000 bis 6000 Euro Beute sind diese Leute bereit, die gesamte Maschinerie durchlaufen zu lassen. Meist liegen die Verlustbeträge deutlich höher. Schmuck wird eingeschmolzen. Der Süden Deutschlands gilt als lukratives Gebiet, denn dort sitzt viel Geld, nicht zuletzt in Händen alter Menschen. Ein Paar aus dem Rems-Murr-Kreis entging dem Betrug nur knapp. Man war um 23 Uhr an einem Waldparkplatz verabredet zwecks Übergabe der Vermögenswerte, die es angeblich zu sichern galt. Auf dem Parkplatz stand eine schwangere Frau mit Hund. Es kamen Zweifel auf.

Diese beiden haben ihr Geld behalten. Anderen blieb kein Cent vom gesamten Ersparten. Die Scham sitzt tief; die Menschen sind „regelrecht traumatisiert“, berichtet Martin Lang. Kommt es dann noch zu Zerwürfnissen in der Familie wegen des verlorenen Erbes ... Martin Lang: „Die Leute sind ruiniert. Das ist ein ganz dramatisches Erlebnis.“

Warnhinweis auf Bäckertüten

Die Bäckerei Maurer warnt mit Aufdrucken auf ihren Bäckertüten vor der Betrugsmasche „falscher Polizist“. Das Unternehmen gehört der Initiative Sicherer Landkreis Rems-Murr an und unterstützt laut einer Mitteilung seit Jahren die Aufklärungsarbeit des Vereins. Nun hat Tobias Maurer 250 000 Bäckertüten auf eigene Kosten drucken lassen; über die 43 Bäckereien soll eine große Öffentlichkeit für das Phänomen sensibilisiert werden. Auf den Tüten ist eine Warnung aufgedruckt vor falschen Polizisten und ihren Machenschaften.

Der Aufdruck enthält ferner Hintergrundinformationen und Verhaltenstipps. Auch auf den Papieren, die bei der Bäckerei Maurer als Auflage für die Tabletts dienen, sind Warnhinweise aufgedruckt. Es handelt sich um ein Pilotprojekt der Initiative Sicherer Landkreis und der Bäckerei Maurer. Eine Ausweitung zum Beispiel über die Bäckerinnung oder Kooperationen mit anderen Betrieben, etwa Metzgereien oder Einkaufsmärkten, sei angedacht.

Laut der Initiative geben sich Betrüger am Telefon nicht nur als Polizisten aus, sondern auch als Staatsanwälte oder andere Amtspersonen. Seit 2017 läuft das Präventionsprojekt „Sicher leben im Rems-Murr-Kreis“. In einer Vielzahl von Vorträgen wurden insbesondere Senioren informiert. 


Der Schaden

Laut Landeskriminalamt führt die Masche „falscher Polizist“ bei einem bis drei Prozent der Anrufe zum Erfolg für die Betrüger. Vor einigen Jahren lag die Quote noch viel, viel höher - bei etwa einem Drittel.

Inzwischen sind es dank intensiver Aufklärung häufig Bankangestellte, die Verdacht schöpfen und die Polizei rufen.

Es gab mehrere Festnahmen in letzter Zeit, erst jüngst im Rems-Murr-Kreis.

2018 belief sich die Schadenssumme in Baden-Württemberg laut Landeskriminalamt auf knapp sieben Millionen Euro.

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