Familienforum Sauteure Gratis-Spiele

Waiblingen. Einem geschenkten Gaul – schauen Eltern besser intensiv ins Maul. Gratis-Computerspiele können völlig unerwartet sehr viel Geld kosten. Kinder klicken flink – und die Kreditkarte der Eltern glüht. Um Haftungsfragen und Sicherheitseinstellungen geht es heute im Familienforum.

Ein besonders krasser Fall: In Großbritannien hat ein Fünfjähriger binnen zehn Minuten knapp 2000 Euro verzockt. Seine Mutter, genervt von endloser Quengelei, hatte für den Junior am Tablet PC eine Spiele-App heruntergeladen. „Gratis“ stand dran. Nur ließ sich mit der nackten Gratis-Version nicht viel anfangen. Der Junge kaufte fleißig Zubehör, weil sein Spiel ohne Bomben, Dart-Pfeile und Juwelentruhen keinen Spaß machte. Seine Mutter hatte ihm im Vertrauen auf das Etikett „gratis“ das Passwort verraten.

Der Waiblinger Rechtsanwalt Dr. Sven Mühlberger bezeichnet das als „klare Aufsichtspflichtverletzung“. Shopping-Passwörter behalten Eltern besser für sich. Kinder und Jugendliche kommen trotzdem leicht an virtuelles Spielezubehör heran, sofern sie beispielsweise Guthabenkarten besitzen. Im Streitfall prüfen Juristen, wie es um vertragliche und um Schadenersatzansprüche bestellt ist. Diese zwei paar Stiefel gilt’s zu trennen. Kindern bis sieben Jahren bescheinigt der Gesetzgeber Geschäftsunfähigkeit. Sie können beim besten Willen keine gültigen Verträge abschließen. Tun sie es trotzdem und geben ihr Alter bei Internet-Einkäufen mit 18 an, ist zwar kein Vertrag abgeschlossen.

Haben Eltern ihre Aufsichtspflicht verletzt oder nicht

Die Gegenseite kann sich in solchen Fällen auch nicht darauf berufen, sie habe im guten Glauben auf wahre Altersangaben vertraut. Auf Eltern könnten trotzdem Schadenersatzansprüche zurollen, warnt Mühlberger. Die entscheidende Frage in solcherlei Auseinandersetzungen lautet, ob Eltern ihre Aufsichtspflicht verletzt haben oder nicht. Wenn ja, werden sie womöglich den Schaden begleichen müssen. Wobei sich heftig streiten lässt, welche Schadenshöhe beim Kauf virtueller Dart-Pfeile entstanden ist.

Nur in seltenen Fällen verzocken Fünfjährige 2000 Euro. Hier ein Zehn-Euro-Handyguthaben verschwunden, dort eine 25-Euro-Guthabenkarte eben mal aufgebraucht – auf diesem Niveau dürften sich die meisten Fälle bewegen, und wegen solcher Beträge rennt keiner zum Anwalt. Darauf spekulieren Abzocker, und vermutlich kennen sie den Taschengeldparagrafen: Kinder ab einem Alter von sieben Jahren dürfen ohne Zustimmung der Eltern kleinere Geschäfte abschließen und dafür ihr Taschengeld verwenden. In solchen Fällen kommt ein gültiger Vertrag zustande.

Auf den Taschengeldparagrafen können sich Vertragspartner von Minderjährigen nicht unbegrenzt berufen, erklärt Mühlberger anhand eines Beispiels: Spart ein Kind ein paar Hundert Euro aus Geldgeschenken und Taschengeld zusammen, kann es damit keine Großeinkäufe im Internet tätigen.

Im Streitfall wird die Gegenseite Eltern vorwerfen, sie hätten ihre Aufsichtspflicht verletzt. Ob sie das wirklich nachweisen kann, steht auf einem anderen Blatt. Aus Mühlbergers Sicht müssen Eltern natürlich ihre Kinder auf Gefahren hinweisen, sie über Kostenfallen informieren und genau hinschauen, womit sich der Nachwuchs am PC und am Smartphone beschäftigt. Dass sie auch noch jedes Gratis-Spiel ausgiebig zu Prüfzwecken selbst durchspielen müssen – das fällt aus Mühlbergers Sicht bei älteren Kindern nicht unter die Aufsichtspflicht.

Anders sieht’s aus, wenn Eltern Jugendlichen ihr eigenes Ebay-Konto oder dergleichen für Einkäufe zur Verfügung stellen – was sie natürlich nicht tun sollten. Je nachdem, wie’s im Einzelfall aussieht, „kommt eine Haftung durchaus in Betracht“, warnt Mühlberger.

Die Masche, in Gratis-Apps kostenpflichtige Angebote Dritter zu integrieren, beschreibt die Waiblinger Medienpädagogin Christa Rahner-Göhring als inzwischen „alten Trick“. Abgebucht wird in solchen Fällen schlicht über die Telefonrechnung. Rahner-Göhring empfiehlt, bei Geräten, etwa Smartphones, die von Kindern und Jugendlichen genutzt werden, eine Sperre zu aktivieren, damit Drittanbieter keine Gebühren abbuchen können (siehe Infobox). Eine solche Sperre lässt sich über den Telefonanbieter einrichten. Allerdings haben die Telefonanbieter natürlich kein Interesse daran, weshalb sie „auch nicht offensiv darüber informieren“, sagt Christa Rahner-Göhring.

Es hilft alles nichts: Eltern kommen nicht drum herum, sich mit der Materie zu befassen. Am besten arbeiten sie sich von Anfang an zusammen mit dem Nachwuchs in die Thematik ein, rät die Medienpädagogin. Zumal sich hinter den netten bunten Programmen nicht nur Kostenfallen verbergen. Nutzer können sich leicht Spione oder sonstige üble Software aufs Gerät holen.

Info
An Infomaterial von unabhängigen Stellen und Kursen fehlt es nicht. Seriöse Infos für Familien finden sich beispielsweise hier: www.klicksafe.de, www.verbraucher-sicher-online.de, www.surfer-haben-rechte.de, www.saferinternet.at oder schau-hin.info.

Mehr Sicherheit: So funktioniert’s

Auf Geräten wie Smartphones oder Tablet PCs sind Sicherheitsfunktionen nicht voreingestellt. Nutzer müssen diese selbst aktivieren. Auf Apple-Geräten unter dem Punkt „Einstellungen“ die Rubrik „Allgemein“ anklicken, dort „Einschränkungen“. Einer von vielen Punkten heißt dort „In-App-Käufe“. Dieser Punkt lässt sich deaktivieren, so dass Kinder nicht innerhalb einer Anwendung auf dem Smartphone, die zunächst kostenlos war, Geld ausgeben. Mittels Passwort lässt sich sicherstellen, dass Kinder diesen Schutz nicht einfach wieder rückgängig machen können.

Bei jedem Handymodell gilt es zu prüfen, wo sich die Sicherheitsrubriken verbergen. Meist sind sie zu finden unter „Einstellungen“ – „Optionen“ – „Systemsteuerung“ – oder „Sicherheit“.

Mobilfunkanbieter unterscheiden sich in ihrem Umgang mit Jugendschutzthemen. Eltern bleibt nichts übrig, als gezielt bei ihrem Anbieter zum Beispiel diese Fragen zu klären: Gibt es spezielle Tarife für Kinder und Jugendliche? Welche Sperren etwa von Sonderrufnummern oder dergleichen mehr stehen zur Verfügung? Und vor allem, ganz wichtig: Ermöglicht es der Anbieter, gezielt das Inkasso für Drittanbieter zu sperren?

Eine Jugendschutzhotline ist täglich übers Handy erreichbar, 8 bis 20 Uhr. Die Nummer: 2 29 88 (kostenfrei).

Noch übler als ungewollte Einkäufe innerhalb von Gratis-Apps sind Abofallen. Vordergründig harmlose Spielereien am Handy, die Eltern gern mal den Kleinen überlassen, damit sie eine Weile beschäftigt sind, können sich als perfide Abzockmaschinen entpuppen. Ein Klick auf einen Werbebanner kann reichen – und es folgen Abbuchungen für irgendwelche Anwendungen, die keiner bewusst bestellt hat. Zum Nachlesen klicken Sie hier.
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