Familienforum Warum es immer weniger Taufen gibt

Immer weniger Babys werden getauft. Eine Studie sucht nach Antworten. Foto: Koch / ZVW

Waiblingen. Über Jahrhunderte hinweg gehörte die Kindstaufe zu den wichtigsten Stationen im Leben eines Christen: Sie ist das erste der Sakramente, durch das der Mensch in die christliche Gemeinschaft aufgenommen und mit Christus verbunden wird. Heute gilt das so offenbar nicht mehr.

In der evangelische Gesamtkirchengemeinde Waiblingen wurden 2012 um die Hälfte weniger Menschen getauft als noch vor zehn Jahren. Der katholische Dekanatsbezirk Waiblingen verzeichnete 2011 einen Rückgang der Taufen um 19 Prozent gegenüber dem Jahr 2006.

Auch Stefanie Joppich aus Fellbach hat ihren Sohn nicht taufen lassen. „Wir finden, er soll später selbst entscheiden, ob er einer Kirche angehören möchte“, sagt Joppich. „Wir möchten ihm da keinen Weg vorgeben.“ Die junge Mutter ist vor einigen Jahren aus der evangelischen Kirche ausgetreten, ihr Mann ist katholisch, aber nach Aussagen seiner Frau nicht besonders gläubig.

Trotzdem geht Jona in einen katholischen Kindergarten, weil dort zufällig rechtzeitig ein Betreuungsplatz frei wurde, den die Eltern dankbar annahmen. Für diesen Zufall ist die junge Mutter mittlerweile sehr dankbar. Sie lobt den Kindergarten in den höchsten Tönen. Auch dass ihr Sohn dort mit christlichen Werten in Berührung kommt, freut sie: „Jona hat sich für die Weihnachtsgeschichte sehr begeistert und viele Fragen gestellt“, erzählt sie. Auch vor dem Essen werde gebetet. Das wollte Joppich dann auch zu Hause einführen und kaufte einen Würfel mit verschiedenen, kindgerechten Gebeten. Bislang ohne Erfolg. Ihre eigene Beziehung zum Christentum habe sich durch den katholischen Kindergarten aber nicht verändert.

„Du musst dich nicht entscheiden, Gott entscheidet sich für dich“

„Ich habe mit der Kirche nicht viel am Hut“, erklärt auch die 27-jährige Ines Stecher aus Leutenbach. Anders als Joppich hat sie ihren Sohn Anton im vierten Lebensmonat evangelisch taufen lassen, nicht aus Glaubensgründen, sondern „weil es einfach dazugehört.“ Die junge Mutter erinnert sich gerne an das Fest: „Meine Mutter hat für Anton ein wunderschönes traditionelles Taufkleid genäht“, erzählt sie und berichtet von der kleinen Feier mit den Taufpaten und den engsten Verwandten. Auch heute geht sie alle paar Monate in einen Kindergottesdienst, „weil ihm das Spaß macht.“ In Stechers Kindheit wurde noch vor jedem Essen gebetet, und am Sonntag war sie mit ihren Eltern häufig in der Kirche. Auch der Pfarrer ist mit der Familie bekannt. Daher wurde Anton auch evangelisch getauft und nicht katholisch, nach der Konfession seines Vaters.

Beide Beispiele zeugen von einem pragmatischen Umgang mit der Kirche und davon, wie die traditionelle Bindung zu ihr in heutigen Familien bröckelt. Und sie zeigt auch, wie viel Engagement seitens der Kirchen nötig ist, um auf die veränderten Lebenswirklichkeiten und spirituellen Bedürfnisse ihrer Mitglieder einzugehen.

Timmo Hertneck, seit kurzem evangelischer Dekan in Waiblingen, weiß das schon lange: Bereits in seinem vorherigen Pfarrbezirk in Feuerbach betrachtete er die rückläufige Zahl der Taufen mit Sorge und hat daher die bundesweit erste wissenschaftliche Studie zum Thema mit initiiert. Mehrere Hundert evangelische Eltern aus dem Stuttgarter Norden wurden im Rahmen des anderthalbjährigen Projekts „Taufentscheidungen erkunden und verstehen“ der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg, des Zentrums für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst der Evangelischen Kirche Deutschland, befragt. Den Ausgangspunkt für die Befragung beschreibt die Projektleiterin Prof. Dr. Claudia Schulz so: Fakt ist, dass die Taufzahlen erheblich zurückgehen, mehr als durch den reinen Rückgang der Kinderzahlen zu erwarten wäre. Zudem erfolge statistisch gesehen die Taufe immer später. Also nach dem ersten Lebensjahr des Kindes. Die vermuteten Hauptursachen sind der Wunsch vieler Eltern, die Kinder später selbst entscheiden zu lassen, Probleme finanzieller und räumlicher Art, etwa wenn sich die Familie eine Tauffeier nicht leisten kann, oder Streitigkeiten bei konfessionsverschiedenen Partnerschaften.

Klar ist jedenfalls, so Dekan Hertneck: „Wir in den Gemeinden müssen uns Gedanken machen.“ Er freue sich sehr, wenn sich Jugendliche im Rahmen der Konfirmation oder auch bereits Erwachsene noch taufen lassen. Dennoch beschreibt er seine Sorge, dass die Taufe in den Augen vieler Christen mehr und mehr auf eine Frage des Intellekts reduziert werde. „Die Kategorie der Entscheidung ist eine wichtige, aber eben nicht die einzige“, erklärt Hertneck. Die Taufe signalisiere einem neugeborenen Menschen: „Du musst dich nicht entscheiden, Gott entscheidet sich für dich.“

Sie schließe niemanden aus, niemanden, etwa Babys, Demenzkranke oder geistig behinderte Menschen, die sich vielleicht gar nicht für die Taufe entscheiden werden können. Auch das Thema finanzielle Notlagen hat er im Blick: „Die Taufe an sich ist kostenlos. Aber wenn Eltern sich anschließend kein Familienfest leisten können, dann sollten sie mit dem zuständigen Pfarrer sprechen. Da finden sie hier im Dekanatsbezirk Waiblingen sicher gute Zuhörer und auch eine Lösung. Da bin ich mir sicher.“

Der Taufspruch

Zu einer Taufe gehört ein persönlicher Bibelvers, der dem Täufling mit auf den Weg gegeben wird und den in der Regel die Eltern aussuchen. Vorschläge findet man unter anderem im Internet. Zum Beispiel auf www.taufspruch.de

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