Fast zehn Jahre in Haft Palmpreisträger kommt endlich nach Schorndorf

Salidjon Abdurakhmanov im Büro der Palmstiftung in Schorndorf. Foto: ZVW/Gaby Schneider

Schorndorf. Fast zehn Jahre verbrachte der Journalist Salidjon Abdurakhmanov in Haft. Er war dem usbekischen Regime ein Dorn im Auge. In dieser Zeit zeichnete ihn das Kuratorium der Palmstiftung mit dem Palmpreis für Meinungs- und Pressefreiheit aus. Jetzt endlich, fünf Jahre später, konnte der nach wie vor unerbittliche und kritische Journalist nach Schorndorf kommen.

Die Preisverleihung war im Jahr 2014. Salidjon Abdurakhmanov wurde ausgezeichnet. Das Kuratorium der Palmstiftung wollte damals seinen „unerschrockenen Einsatz für eine freie Presse in Usbekistan würdigen und ein Zeichen gegen das Vergessen setzen“. Denn Salidjon Abdurakhmanov war in Haft. Er saß schon lang und noch einige weitere Jahre – bis Oktober 2017 musste der Journalist, der über Justizskandale, Korruption und Umweltverschmutzung schrieb, im Lager Ziegelsteine schleppen. Über fast zehn Jahre. Er wurde schwer krank, magerte ab – von 80 auf 54 Kilo. Er hatte, sagt er, „keine Hoffnung, zu überleben“.

Endlich ist der inzwischen 69-Jährige in Schorndorf angekommen

Salidjon Abdurakhmanov sieht wieder besser aus. Auch wenn er nach wie vor schmal ist. Auch wenn ihn die Reise anstrengt. Der inzwischen 69 Jahre alte Mann ist endlich in Schorndorf angekommen. Im Büro der Palmstiftung. Bei jenen, die sich fast auf den Kopf stellen mussten, um ihrem Preisträger den Preis auch aushändigen zu können, die keine Bank fanden, die nach Usbekistan überwies, weil das Land noch immer als Schurkenstaat gilt, die die Hilfe des Außenministers brauchten, damit der Journalist irgendwann, lang nach der offiziellen Würdigung, die versprochenen 10 000 Euro auch wirklich hatte. Endlich. Salidjon Abdurakhmanov sieht die Stadt, lernt die Leute kennen, denen er sein neues Auto verdankt.

Ein neues Auto, sagt er, sei eine gute Investition. Denn er arbeite mit dem Auto. Dieser Teil des Preisgeldes vermehre sich also immer weiter. Und er habe nach der Haft so viele Ideen. Er habe Sorge, dass ihm die Seiten nicht reichen könnten. Fünf bis sechs Monate wollte er nach der Entlassung noch als Journalist arbeiten. Die würden jetzt allerdings schon gute zwei Jahre andauern. Hat er keine Angst? „Njet!“ – nein! Er hat noch nie daran gedacht, ins Ausland zu gehen.

„Man kämpft für mich da draußen“

Die politische Situation in Usbekistan ist eine andere. Und auch wieder nicht. Der alte Präsident, Islom Karimov, lebt nicht mehr. Unter dem neuen Machthaber Shavkat Mirziyoyev müsste der eine oder andere Politiker schon Interviews geben, gar Fehler eingestehen.

Der missliebige Journalist Salidjon Abdurakhmanov allerdings wurde 2016, nach dem Regierungswechsel, nicht entlassen. Obwohl der Anklage wegen Drogenbesitzes und Drogenhandels keinerlei Tatsachen zugrunde lagen. Ein Jahr lang musste er noch warten, wurde immer und immer wieder unter Druck gesetzt: Er möge gestehen, dann komme er sofort frei. Salidjon Abdurakhmanov gestand nicht. Er hätte nie mehr arbeiten können. Das Regime hätte die Lorbeeren für seine Menschlichkeit eingesackt und Salidjon Abdurakhmanov wäre trotzdem vernichtet gewesen.

Wusste er eigentlich, dass er einen Journalistenpreis gewonnen hatte? Er wusste: „Man kämpft für mich da draußen.“ Und er sagte sich: „Man kann mich nicht vergessen.“ Aber eins weiß er auch: Niemals hätte die Gefängnisleitung ihm von seiner Auszeichnung berichtet, ihm gar den entsprechenden Brief weitergeleitet. Deshalb war die Post auch an seine Familie gegangen. Deshalb hörte er vom Palmpreis. Seine Gefühle? „Schwer zu beschreiben“, sagt er. „Keine Euphorie. Und es war unerwartet.“ Aber er wollte gleich danken. Doch er konnte ja nicht.

„Der Mensch achtet auf den Menschen“, denkt Abdurakhmanov

Schorndorf? Nein, die Stadt kannte er natürlich nicht. Zur Vorbereitung auf seine Reise hierher habe er Gogol gelesen. Und Turgenjew. Ersterer reiste vor rund 150 Jahren durch Deutschland, Zweiterer studierte vor rund 200 Jahren in Berlin. Aktuell ist was anderes. Doch Salidjon Abdurakhmanov ist nicht enttäuscht. Sucht nicht nach vergangener Folklore. Das Land, sagt er, das nach dem Krieg doch in Schutt und Asche lag, es stehe wieder so gut da. Er sehe Sauberkeit. Er nehme Achtung vor den Menschen wahr. Vor dem Fußgängerüberweg blieben sogar die Autos stehen. „Was ist das für eine Nation, die das aus dem Nichts wieder aufbaut?“

Und dass es so ruhig sei! In Berlin, seiner Station vor Schorndorf, habe er eine Bootsrundfahrt auf der Spree gemacht. Die Motoren habe man fast nicht gehört. Und er habe erfahren, dass diese extra so konstruiert worden seien, dass die Leute sich wohlfühlen können. „Der Mensch achtet auf den Menschen.“

Und da macht er wieder den Schlenker zum Stifter seines Preises. Johann-Phillip Palm habe sein Leben für andere riskiert. Und hat es verloren. Er selbst, sagt Salidjon Abdurakhmanov, sei auch kein Journalist von der Mächtigen Gnaden. Er habe nie überlegt: Was passiert mir jetzt. Er sei gewarnt worden: Tote Journalisten schreiben nicht! Es habe ihn nie interessiert. Salidjon Abdurakhmanov wird weiter schreiben. Über Sport und Kultur. Über Politik. Oder über den Aralsee, die „ökologische Katastrophe“.

Im Grund aber, sagt er, schreibe er immer über das Gleiche. Bei allen Problemen nämlich, sagt er, stecke eines dahinter: die „moralische Deformation“.


Warten auf Rehabilitation

Nach wie vor ist Salidjon Abdurakhmanov nicht offiziell rehabilitiert. Wie so viele andere Dissidenten auch.

Eine Rehabilitation, sagt Abdurakhmanov, habe keine Auswirkung auf sein Schaffen. Doch sie sei wichtig für Usbekistan. Es geht um Gerechtigkeit.

Ins Gefängnis brachte ihn aller Wahrscheinlichkeit nach ein Bericht über Korruption beim Militär. Er hatte damals eine Korrespondentin der Washington Post begleitet und erlebt, dass Soldaten sich dafür bezahlen ließen, dass sie Fahrzeuge durch ein Gebiet fahren ließen, das offiziell gesperrt war.

Im Gefängnis wurden politische Gefangene voneinander getrennt und mit Verbrechern jedweder Couleur zusammengesteckt.

Politisch Inhaftierte brauchten, wenn sie krank wurden, eine Sondergenehmigung, damit sie in ein Krankenhaus verlegt werden konnten. „So“, sagt Salidjon Abdurakhmanov, „wurden schon viele Dissidenten entsorgt.“

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