Faszination Fliegen Von Korb bis Würzburg: Hundert Kilometer im Leichtgurt

Anrennen, abheben, schweben: So erheben sich Piloten am Kleinheppacher Kopf in die Lüfte. Wie lange sie fliegen, hängt von der Thermik ab. Foto: Zürn

Korb. Unversehens ist Thilo Schabers Kurzflug am Kleinheppacher Kopf zum Rekordtrip des Fliegervereins „Die Remstäler“ geworden: Mehr als hundert Kilometer weit glitt er mit seinem Schirm. Vor allem Glück mit Wind und Thermik braucht’s für solche Streckenflüge, sagt der Vereinsvorstand. Doch ohne Vorbereitung geht gar nichts: vom Flugwettercheck bis zur Batterie fürs GPS-Gerät.

So hat sich Thilo Schaber seinen Nachmittag nicht vorgestellt. Es ist Karfreitag, 2. April 2010. Hervorragendes Flugwetter ist angekündigt – doch ausgerechnet am Kleinheppacher Kopf scheinen die Windverhältnisse ungünstig. Keine Chance für einen längeren Flug, denkt er und rüstet sich für eine kurze Runde über Korb: Leichtgurt, GPS-Gerät, Kamera, Handy, Sonnenbrille und weiteres Equipment wandern ins Gepäck. Doch weit gefehlt. Zur Mittagszeit hebt er ab – und landet vier Stunden später in Lengfurt bei Wertheim, mehr als hundert Kilometer weit entfernt vom Startplatz.

Ein Rekord für die Flieger vom Gleitschirm- und Drachenflugverein „Die Remstäler“, die vom Kleinheppacher Kopf aus starten. Und ein Erlebnis, von dem Schaber noch heute stolz erzählt. Seinen „verpatzten Flug nach Pilsen“ nennt er die unverhoffte Reise nach Unterfranken, in Anlehnung an Karl Bauers rekordverdächtigen Segelflug vom Kleinheppacher Kopf bis ins heutige Tschechien anno 1939.

Auf alles vorbereitet – selbst auf Pinkelpausen mitten in der Luft

Einen Bericht über den Nachmittag hat ein Freund von Schaber auf der Vereinshomepage veröffentlicht – und dabei viele Dinge erwähnt, die Schaber normalerweise für so eine lange Strecke eingepackt hätte. Einen gemütlicheren Liegegurt zum Beispiel. Oder Ersatzbatterien fürs GPS-Gerät. Schließlich behalten Piloten mit GPS und Steigmesser Wegmarken, Höhe, Lufträume und Sperrgebiete im Auge. Zudem zeichnen sie damit ihre Strecke auf, als Nachweis für Vereinskollegen oder Wettbewerbs-Jurys.

Außerdem hätte Schaber sich einen Trinkrucksack mit Schlauch und Mundstück umgeschnallt, weil der Körper in der Höhe schneller austrocknet als am Boden. Und einen Apfel oder einen Müsliriegel eingepackt, damit die Konzentration nicht leidet. Ganz sicher mitgenommen hätte er auch ein Urinalkondom mit Schlauch und Urinbeutel. Denn sonst heißt es klemmen. Wenn nicht, geht’s buchstäblich in die Hose.

Zwei bis drei Flüge pro Woche

Was er für welche Flugdauer einpacken muss, weiß Schaber aus Erfahrung. Seit gut 25 Jahren fliegt der mittlerweile 54-Jährige Gleitschirm. Dazu kam er über einen folgenreichen Flirt: Zu dieser Zeit arbeitete der Winzersohn als professioneller Windsurfer auf Inseln wie Hawaii und Mauritius. Für einen Flug nach Hawaii hatte er ein Drachenflieger-Magazin gekauft – und lernte darüber am Flughafen eine junge Gleitschirmfliegerin kennen. Heute nennt er sie „meine Katja“: Sie wurden ein Paar. Und Schaber wurde Gleitschirmflieger.

Im Allgäu machte er seinen Flugschein. Er genoss es, fürs Fliegen nicht so weit fahren zu müssen wie fürs Windsurfen, und nicht auf Windstärke 5 warten zu müssen. Für Gleitschirmfliegen sei nämlich Windstärke 0 bis 3 ideal, erklärt er. Zwei-, dreimal pro Woche fliegt der Stuttgarter nun, wenn es Zeit und Wetterlage erlauben. Er beschreibt sich selbst als Genussflieger. Am liebsten sind ihm Streckenflüge. Dafür startet er zum Beispiel vom Hohenneuffen. Meistens trampt er zurück. Viele tolle Gespräche habe er da schon geführt.

Kleinheppacher Kopf: Schlechte Chancen für Langstreckenflüge

Am Kleinheppacher Kopf sind die Chancen für Langstreckenflüge vergleichsweise schlecht. Eine halbe Stunde lang können Gleitschirmpiloten dort im Normalfall fliegen, schätzt Schaber – umso größer seine Überraschung, als er sich selbst in Lengfurt wiederfand. Um überhaupt fliegen zu können, müssen Wind und Thermik stimmen.

Um vom Hang aus starten zu können, muss entweder Wind frontal von Südwesten her auf den Kleinheppacher Kopf wehen. Nur dann trägt Hangaufwind Gleitschirme in die Höhe (siehe Grafik). Wind aus anderen Richtungen, Südosten zum Beispiel, sei gefährlich, warnt Schaber.

 

Die Alternative: thermischer Wind. Wie abgebildet steigt warme Luft auf – umso schneller, je kälter die Luft in der Höhe ist. Entweder in Form einzelner Warmluft-Pakete oder als steter Schlauch. Piloten lenken ihre Schirme in diese warme Luft hinein und schrauben sich kreisend in die Höhe. Erfahrene Flieger entwickeln ein Gefühl dafür, wo solche Thermikblasen zu finden sind. Wenn sie nicht weiter steigen wollen, lenken sie den Schirm aus der Thermikblase heraus und sinken ab. Natürliche Grenze sind die Wolken – höher geht’s nicht, weil dort die Luft gesättigt ist, erklärt Schaber. Außerdem gibt’s gesetzliche Grenzen. Am Kleinheppacher Kopf zum Beispiel ist nach 1050 Metern Schluss, weil es oberhalb Flugverkehr gibt.

 

Und wie klappt’s mit dem Streckenflug? Nun, der Pilot fliegt aus einer Thermikblase heraus, lenkt seinen Schirm in eine nahegelegene weitere Blase, dann in die nächste, und so fort – bis er keine mehr findet. „Dann landet man halt wieder.“ Auch dafür gibt’s übrigens Vorgaben: Über die Kreisstraße zwischen Korb und Kleinheppach zum Beispiel müssen Flieger in mindestens 50 Metern Höhe hinweggleiten.

Die ganze Serie finden Sie unter www.zvw.de/faszination-fliegen


Rekorde

Thilo Schabers Flug war weit – doch bei Gleitseglern (also Flächenfallschirmspringern und Gleitschirmpiloten) geht noch mehr, zeigt die Rekordliste des Deutschen Hängegleiterverbandes (DHV) von 2017.

Der deutsche Rekordhalter auf freier Strecke Konrad Görg zum Beispiel hat vor eineinhalb Jahren in Brasilien rund 440 Kilometer zurückgelegt. Rekord weltweit laut FAI (Fédération Aéronautique Internationale): 764 Kilometer (2012). Zum Vergleich: Von der Süd- zur Nordgrenze Deutschlands sind es etwa 1000 Kilometer.

Die höchste Geschwindigkeit hat Thomas Schweers im Jahr 2011 erreicht, bei einem Ziel-Rück-Flug über hundert Kilometer in Kenia: 38,5 Stundenkilometer. Rekord weltweit: 90,4 Stundenkilometer (2014).

Hoch hinaus flog Ralph Schlöffel vor zweieinhalb Jahren in Namibia mit etwa 3850 Meter Höhengewinn. Rekord weltweit: 4526 Meter (1993).

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