Faszination Fliegen Wie man die Reißleine zieht

Wurfübung in der Strümpfelbacher Halle: Mit dem Gurtzeug in Seile eingeklinkt wie ein Schaukelbrett soll ich durch die Luft schwingen und den Rettungsschirm zur Seite schleudern. Foto: Habermann / ZVW

Korb/Weinstadt. Einen Tandem-Flug wird unsere Autorin mit dem Korber Gleitschirmverein „Die Remstäler“ unternehmen. Noch nie zuvor ist sie mit einem Gleitsegel geflogen – und fragt sich: Was, wenn etwas schiefgeht? Dem Fliegen haftet schließlich das Etikett „Risikosport“ an. Bei einem vereinsinternen Rettungsschirm-Packkurs erfährt sie, was dran ist an diesem Label – und wie im Notfall der Rettungsschirm geworfen wird.

Vor, zurück, vor, zurück. Sanft schwinge ich immer höher, der Hallendecke entgegen. Fast wie früher auf dem Spielplatz, denke ich vergnügt. „Jetzt!“, schallt es mir plötzlich im Befehlston entgegen. Ich greife nach rechts, wie ich es erst wenige Minuten zuvor wieder und wieder im Stillstand üben musste. Nicht schauen, nur zupacken. Da, ich habe den Griff. Mit einem kräftigen Ruck ziehe ich den Rettungsschirm heraus und schleudere ihn zur Seite. Weiße Leinen entfalten sich, dann roter Stoff. Jubel vom Boden: „Jawoll!“, Gelächter. Rettungsmanöver geglückt.

Ein wenig stolz bin ich schon, als ich schließlich wieder einen halben Meter über dem Boden zum Stillstand komme. Im Hinterkopf höre ich eine leise Stimme, die mir zuwispert: „Also, mit ein bisschen mehr Schmackes wär’s besser gewesen ...“ Denn je weiter weg der Rettungsschirm geworfen wird, desto geringer ist die Gefahr, dass er sich beim Öffnen mit dem Gleitschirm verheddert. Das hat mir Thilo Schaber erklärt, Erster Vorstand des Gleitschirm- und Drachenflugvereins „Die Remstäler“, während er mir gemeinsam mit Vereinssprecher Hans Keim half, das Gurtzeug anzulegen.

Rettungsschirme müssen halbjährlich kontrolliert werden

Wie eine Schildkröte fühle ich mich darin, als ich mich aus den beiden Schaukelseilen ausspannen lasse und dem nächsten Werfer Platz mache. So gut wie jedes der zwanzig anwesenden Vereinsmitglieder, ob 25-jähriger Jungflieger oder 79-jähriger Drachenpilot, nutzt heute in der Strümpfelbacher Halle die Gelegenheit zum Üben. Auspacken müssen sie ihren Rettungsschirm sowieso: Denn angeleitet von den Packlehrern Klaus Hirsch und Hubert Thomas vom Deutschen Hängegleiterverband (DHV) lernen sie, ihn wieder selbst zu verstauen. Das dürfen nur geschulte Piloten.

Denn Rettungsschirme nicht zum Hersteller oder professionellen Packer schicken zu müssen, schenkt eine gewisse Unabhängigkeit. Sie haben eine Verwendungsdauer von etwa zehn Jahren. Jedes halbe Jahr müssen sie gelüftet, auf Schäden geprüft und in makellosem Zustand neu verpackt werden. Dafür gibt es Prüfhefte, die aus Versicherungsgründen ausgefüllt werden müssen. Geübte Packer brauchen dafür gerade mal zwanzig Minuten.

Mich betrifft der Packkurs nur am Rande. Ich habe andere Sorgen: Als ich zum Hallenrand laufe, klatscht mir eine Mischung aus Rucksack und Sitz bei jedem Schritt schwungvoll gegen Rücken und Oberschenkel. Mit Gurten ist mein Körper darin festgeschnallt. Das kann ja heiter werden, wenn wir für den Flug zum Startplatz hochlaufen, schießt es mir durch den Kopf.

Erst wenige Wochen zuvor habe ich mit Keim für eine Artikelserie einen Tandem-Flug vereinbart. Ob das wirklich so eine gute Idee war, weiß ich immer noch nicht. Denn seit feststeht, dass ein Vereinsmitglied mit mir fliegen wird, erscheint das Vorhaben plötzlich furchtbar leichtsinnig. Dass Unfälle mit dem Gleitschirm passieren, ist kein Geheimnis. Vor fast drei Jahren kam dabei eine Kleinheppacherin ums Leben; vor wenigen Monaten ein Weinstädter.

Packlehrer Hirsch beruhigt mich: Den Rettungsschirm bräuchten Piloten nicht häufig, er sei nur zur Sicherheit da. „Das ist wie ein Airbag im Auto.“ Die DHV-Statistik scheint ihm recht zu geben: Auf die Masse der Piloten gesehen passieren schlimme Unfälle relativ selten. Durchschnittlich neun tödliche Unfälle gebe es pro Jahr, bei rund 25 000 bis 30 000 aktiven Piloten in Deutschland. Unfälle bei Gleitschirm- und Drachenflügen endeten wegen der geringen Fluggeschwindigkeit (durchschnittlich 37 Stundenkilometer) seltener als in anderen Luftsportarten tödlich. Durchschnittlich hundertmal pro Jahr gebe es Verletzte.

„Luftsport hat halt ein Restrisiko, das ist einfach so“, gibt Hirsch zu. Deshalb seien Piloten zu Sorgfalt und Vorsicht angehalten. Bei rauem Wetter oder Seitenwind wird nicht geflogen, basta. Außerdem darf mich nur ein Pilot mit speziellem Tandem-Flugschein mitnehmen. Auch die Mitglieder, mit denen ich spreche, fliegen nach dem Motto: Sicher ist sicher. Nach und nach klingt meine Angst ab. Und wenn ich doch die Reißleine ziehen muss, weiß ich ja jetzt: Beine und Knie zusammen – Arme nach oben – und am Boden seitlich abrollen.


Ausbildung

Gleitschirmpiloten werden gründlich ausgebildet. Idealer Ablauf laut DHV: Beim ein- bis zweitägigen Schnupperkurs mit Start- Steuer- und Landeübungen lernen Anwärter das Fluggerät kennen. Es folgen ein mehrtägiger Grundkurs am Übungshang und ein Höhenflugkurs mit mindestens 40 Flügen/25 Theoriestunden.

Den Luftfahrerschein gibt es erst nach Theorie- und Praxisprüfung bei einem unabhängigen Prüfer. Für Tandem-Flüge ist ein gesonderter Schein nötig.

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