Felix Huby – eine Begegnung Die Wahrheit über Bienzle

Manche denken, er sei Kommissar Bienzle: Felix Huby. Foto: Palmizi / ZVW

Schorndorf. Er ist einer unserer großen Schwabenschreiber: Dieser Tage weilt Felix Huby im Remstal – ein Gespräch mit dem Schöpfer von Kommissar Bienzle über die RAF und Pegida, Jean-Paul Sartre und Hans Filbinger, den König von Württemberg und den Tod des Sohnes.

Da stapft er daher durchs Dezembergrau, ein rüstiger Herr kurz vor dem Achtzigsten, den Rucksack geschultert, den Rollkoffer ziehend, den Charakterkopf gerahmt von Haar und Bart, und sieht dermaßen unverkennbar unbeugsam Huby-mäßig aus, als sei er immer da gewesen und werde immer da sein.

Er lebt jetzt in Berlin mit seiner Frau, Berlin ist „das ideale Altersheim“: Theater, Oper, „wunderbare Kneipen“ nah beieinander – und wie gut die S-Bahn dort funktioniert, wird ihm klar, wann immer er ins verkehrschaotisierte Stuttgart kommt.

Nun gut, er hatte Knieprobleme. Operieren? Ach, sagte der Arzt, so eine Arthrose kann man ausstehen, nehmen Sie 25 Kilo ab und fahren Sie jeden Tag zehn Kilometer Rad. So hat er das gemacht und dazu „Krafttraining und Qigong“. Und er schreibt: zehn, fünfzehn Seiten am Tag. Früher waren es bis zu 40, aber das lässt sich ja wohl kaum als Gebrechlichkeit bezeichnen, wenn der Auswurf von wahnsinnig auf ehrfurchtgebietend schrumpft.

700 Drehbücher hat er verfasst, von „Oh Gott, Herr Pfarrer“ bis zu „Ein Bayer auf Rügen“; 33 Tatorte, für Götz George oder Dietz-Werner Steck; 20 Kriminalromane um Schwaben-Kommissar Bienzle, sieben um den Berliner Kollegen Heiland; einen Stapel Hörspiele, Theaterstücke, Kinderbücher. „Da kommt scho a bissle was zamma. Manchmal erschreck ich.“

Ein großer Literat? „Hab ich nie behauptet.“ Er mache Unterhaltung, aber „mr muss es halt au gut macha“. Abgesehen davon hat Unterhaltung „mit Haltung zu tun“. Er ist „auf die Straße gegangen für alles Mögliche“ im Laufe seines Lebens, und derzeit „gehen wir wieder raus, auf unsere alten Tage, gegen Pegida und die AfD. Wir wissen ja aus unserer Geschichte, wie das ist, wenn man nicht gegenhält.“

Auch drei Erinnerungsromane hat Huby geschrieben, die zu Recht literarische Anerkennung finden für ihren unaufgedonnerten, klaren Ton. Nach „Heimatjahren“ und „Lehrjahren“ sind jüngst die „Spiegeljahre“ erschienen, über die Siebziger: Huby war, bevor er sich als Schriftsteller selbstständig machte, Baden-Württemberg-Korrespondent des Nachrichtenmagazins.

Sartre und die RAF: Reporter in den 70er Jahren

„Eine allgemeine Angst“ lastete in den siebziger Jahren „über dem ganzen Land wie ein grauer Schleier“, erinnert sich Huby, eine Angst „nicht nur vor dem Terrorismus“ der RAF, „sondern auch vor der Polizei und bei der Polizei“. Wenn dich eine Streife anhält, lass die Hände auf dem Lenkrad, „ja nicht in die Jackentasche fassen nach den Papieren!“ Vor allem junge Beamte waren „übernervös“. In der Stuttgarter Wohnanlage Asemwald erschoss ein Polizist durch die geschlossene Schlafzimmertür hindurch einen jungen Mann. Der tote „Terrorist“ entpuppte sich als harmloser Ballett-Liebhaber aus Schottland.

Huby begleitete den RAF-Prozess im monströsen Betonklotz von Stammheim. „Mein Chef hat gesagt, ich tät ihm leid, dass ich mir den Arsch absitzen müsste in dem Bunker.“ Die RAF-Zeit lehrt, dass eine demokratische Gesellschaft, die sich gegen Terror aufbäumt, Gefahr läuft, ihre freiheitliche Identität zu verlieren, wenn das berechtigte Bedürfnis nach Sicherheit sich zur Angstneurose auswächst.

Aber Huby erlebte auch die Verblendung der Linken. Einmal besuchte Jean-Paul Sartre in Stammheim Andreas Baader. In der Pressekonferenz danach wirkte der greise Philosoph „gar nicht mehr hiesig“, es war „gespenstisch“. Sartre erzählte, die RAF-Häftlinge würden in kahlen, weißen Zellen gehalten – Huby war in dem Trakt gewesen: Moment, abgesehen davon, dass die Wände cremefarben sind, gibt es dort neben Bett und Schrank doch Schreibtische, Schreibmaschinen, Radios, Hunderte Bücher! Sartre sagte, jeder Häftling sei total isoliert – wusste er nicht, dass die Gruppe täglich Stunden gemeinsamer Zeit verbrachte? Das Licht gehe auch nachts nie aus, rügte Sartre – hatte ihm niemand gesagt, dass es allabendlich erlosch? Hatte der Halbblinde womöglich den kargen Besucherraum mit Baaders Zelle verwechselt?

Einen lichten Moment aber hatte der Berühmte: Er raunte etwas, das einige um ihn zu verstören schien – und Dolmetscher Daniel Cohn-Bendit hörte auf zu übersetzen. Französische Journalistenkollegen klärten auf: Sartre habe eben Andreas Baader als Dummkopf bezeichnet.

Filbingers Recht: Ein entlarvendes Interview

Im Herbst 1943 desertierte der 22-jährige Matrose Walter Gröger aus der Wehrmacht der Nazis, wurde gefasst und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, ein Generaladmiral aber kassierte den Spruch, und in der Neuaufnahme beantragte ein Ankläger namens Hans Filbinger die Todesstrafe. Am 15. März 1945, der Krieg war längst rettungslos verloren, wurde Gröger erschossen. Filbinger persönlich erteilte den Exekutionsbefehl und vermerkte den Todeszeitpunkt, 16.04 Uhr, im Protokoll.

Als gut 30 Jahre später all dies bekanntwurde, regierte Hans Filbinger als Landesvater Baden-Württembergs und würde, das schien ausgemacht, bald Bundespräsident werden: Deutschlands höchster Repräsentant. Zwei Spiegel-Leute besuchten ihn zum Interview. Einer war Felix Huby.

Im Buch „Spiegeljahre“ hat er das denkwürdige Gespräch zu einer knappen Szene ohne ein Gramm Schlacke verdichtet, gestaltet nach seinen damaligen Reporter-Aufschrieben: dreieinhalb Buchseiten, die alles erzählen, was man wissen muss über die Kälte der instrumentellen Vernunft, die Uneinsichtigkeit der Tätergeneration und die Unfähigkeit zu trauern.

Der Weg zu Filbingers Villa führt über „breit angelegte Freitreppen“, von „fackelähnlichen Lampen erleuchtet“. Jovial begrüßt der Hausherr die Journalisten – „dann wollen wir mal sehen, dass wir es hinter uns bringen“ – und fängt bald an zu klagen: Zurücktreten? Nein, er habe gar „nicht das Recht“ dazu, er stehe „ganz vorne im Kampf“ gegen „Extremisten“, und „diese Position darf auf keinen Fall geschwächt werden“. Hier sei ein „linkes Filbinger-Abschusskartell“ am Wirken.

Abschießen? Erschossen wurde doch ein anderer! Die irritierten Journalisten bauen dem Politiker goldene Brücken: Er müsse doch nur sagen, dass es ihm „heute leidtut“, dann könne er „mit einem gewissen Verständnis rechnen“.

Filbinger gießt Tee ein; und sagt den schaurigen Satz: „Was damals rechtens war, kann heute nicht unrecht sein.“

Er habe, erinnert sich Huby, gleich gespürt, dass dieses Gespräch entsetzlich entlarvend war, ein historischer Moment. Noch monatelang klammerte sich Filbinger ans Amt; endlich trat er zurück.

Die Wunde: Gedanken an den Sohn

Die Hauptperson der „Spiegeljahre“ heißt Ebinger, und das Buch trägt die Gattungsbezeichnung „Roman“: Dies ist, „ganz wichtig, keine Biografie“ und Ebinger „nicht eins zu eins der Felix Huby“.

Er beharrt darauf, wenngleich er weiß: Die Leute neigen dazu, solch feine Grenzlinien forsch zu überschreiten. Manche denken gar, wenn sie ihm begegnen, sie stünden vor Kommissar Bienzle. In dem Band „Heimatjahre“ hat Huby eine Jugend in einem schwäbischen Ort namens Fleckenhausen beschrieben – und als der Autor einmal in seinem Heimatdorf Dettenhausen las, fragte es aus dem Publikum: Diese eine Figur im Buch, „gell, mit dera do moinsch dui do?“

Huby lacht. „Zum Teil stimmt’s ja auch.“ Aber seine persönliche Geschichte, das Privateste, habe er an vielen Stellen „chiffriert“, verändert, frei umgestaltet.

Nicht Huby, Ebinger: Vielleicht ist es nur dank dieser literarischen Überformung gelungen, die wahre Geschichte vom Tod des Sohnes endlich in Worte zu fassen.

Sie lebten damals in Fellbach. Der Bub, er hieß Götz, war sechs und stand kurz vor der Einschulung, ein „ausgesprochen fröhliches, ganz unkompliziertes Kind“. Einmal war er schon auf dem Nachhauseweg mit seinem achtjährigen Bruder, als die beiden bemerkten, dass sie auf dem Spielplatz etwas vergessen hatten. Sie kehrten um und sausten um die Wette. Unweit lag eine US-Funkerkaserne, Soldaten kürzten den Weg dorthin durchs Wohngebiet der Hubys ab. Ein Wagen „hat Götz mit hoher Geschwindigkeit voll erfasst, er war sofort tot“.

Die Bilder von der Beerdigung, die nicht weichen wollten, das peinigende Gedankenkreisen um Rache – vielleicht ließe sich all das in einen Text bannen, einkapseln, therapieren. Er versuchte es mit einem Drehbuch, es misslang. Er versuchte es mit einer Erzählung, „sie ist auch schiefgegangen.“ Es hat Jahrzehnte gebraucht, bis der Verlust sich schreiben ließ: auf unpathetische Weise bewegend, hineingewoben in die große Zeitgeschichte der „Spiegeljahre“.

Man sagt, nach einem schweren Verlust trauert der Mensch ein Jahr, und manche brauchen sieben. Huby lacht. Unsinn, „das bleibt bis ans Ende des Lebens“, eine tiefe Wunde, „oberflächlich vernarbt. Sicher, ganz viele Wochen denkt man überhaupt nicht drüber nach. Aber wenn man dann dran denkt, ist alles wieder da.“ Jetzt wäre der Bub 50 „und ich vielleicht Großvater“.

Der König: Oder: Ein Texthänger

Und dies ist die schönste Geschichte, die Huby erzählt, weil sie in einer Nussschale den ganzen Kerl enthält, sein ganzes Temperament, seinen ganzen Schwabenwitz. Zur 900-Jahr-Feier von Dettenhausen schrieb er ein Stück für die Theatergruppe eines alten Freundes: Ein ortsbekannter Querkopf und Wilderer, „den ich noch selber gekannt habe“, schießt dem König von Württemberg an dessen 50. Geburtstag einen Sechzehn-Ender vor der Nase weg. Das Ding hatte Schwung, „ich war sicher, dass mir da was Besonderes gelungen war“. Nur war der Enkel des Wilderers CDU-Gemeinderat und die Enkelin Kirchensekretärin. Es gab einen „Riesenaufstand“, am Ende „war das ganze Dorf zerstritten“, die Aufführung platzte, und Huby beschloss: „No lasset’s, aber lecket mich am Arsch“, keinen Fuß mehr setz ich in dieses Kaff.

15 Jahre später: Versöhnung. Einer Inszenierung stand nichts mehr im Weg. Huby fuhr nach Dettenhausen zur Vorbesprechung. „Ich hab mich sauwohl gefühlt, viel getrunken und in meinem Suff gesagt: Was, ihr habt noch keinen Darsteller für den König? Spiel ich ihn halt selber.“

Und so kam es, dass Wilhelm II. von Württemberg vor vollem Saal stand – und mitten in der Rede stille schwieg, heimgesucht von einem bösen Texthänger.

Endlich aber sprach der Monarch: „Ich weiß nicht, wer das geschrieben hat – aber des Zeug ko mr oifach net bhalta.“


Huby im Remstal

Felix Huby liest am Samstag, 8. Dezember, um 17 Uhr in der Stettener Glockenkelter auf Einladung der Allmende Stetten aus seinem Buch „Spiegeljahre“. Und wenn am Sonntag, 9. Dezember, die Stadt Schorndorf Karl-Otto-Völker die Ehrenbürgerwürde verleiht, wird Huby – selber seit rund 60 Jahren SPD-Mitglied – als prominenter Bühnengast mit dabei sein.

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