Fellbach Erste inklusive Realschule im Kreis

Unterricht für Real- und für Förderschüler: Rektor Jörg Dieter, Lehrerin Charis Urlauber, Rektor David Coronel und Konrektor Andreas Wersch (von links nach rechts) arbeiten gemeinsam, damit die Inklusionsklasse erfolgreich durch das Schuljahr kommt. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Fellbach.
Er macht’s der Zeitung wirklich schwer: kein Foto, ja nicht mal ein Gespräch mit den Kindern. Ein Schnupperbesuch in der Klasse? Ganz ausgeschlossen. Rektor Jörg Dieter ist da rigoros. Dabei ist eine seiner zwei fünften Klassen doch was Besonderes. Nein, eben nicht. Es sei, sagt Jörg Dieter, eine normale Klasse in einer normalen Schule. Hier soll nichts und niemand hervorgehoben werden.

Kinder mit Lernbehinderung gehen in die Realschule

In der Fellbacher Auberlen-Realschule werden seit diesem Schuljahr vier Kinder mit Lernbehinderung inklusiv unterrichtet. Die Auberlen-Realschule ist die erste Realschule im Kreis, die sich dieser Aufgabe stellt. Bislang waren es stets Gemeinschaftsschulen, die inklusiv beschulte Grundschulkinder mit in die Klassen nahmen. Meist, weil die Grundschule und die Gemeinschaftsschule zusammengehörten, die Kinder quasi in ihrer Schule blieben.

In Fellbach ist’s genauso: Die zwei Jungs und die zwei Mädchen waren in der Maickler-Grundschule. Und gingen nach der vierten Klasse zusammen mit ihren Klassenkameraden gleich nach nebenan in die Auberlen-Realschule. Man kannte sich, war sich vertraut. Nichts war neu, nichts seltsam.

Inklusion – eine Utopie, die wohl nie vollkommen verwirklicht wird

Inklusion ist, sagt David Coronel, immer eine Utopie. Denn der Wunsch, dass die Menschen, die inklusiv leben, und die Menschen, die mit inkludierten Menschen leben, gar nichts von der Inklusion merken, weil die Welt so geschaffen ist, dass für alle der perfekte Platz zu finden ist – dieser Wunsch ist ein vermutlich auf ewig unerfüllbarer. David Coronel ist Rektor der Fellbacher Wichernschule, einer Förderschule für Kinder mit Lernbehinderung. Aus seiner Schule kommt jene Sonderpädagogin, die die Lehrerinnen und Lehrern, die die Kinder der besagten fünften Klasse unterrichten, vierzehn Stunden pro Woche unterstützt. Sie ist in allen Hauptfächern mit dabei. Außerdem können sich die Lehrer zwei Stunden wöchentlich sonderpädagogischen Rat holen. Die Kollegin habe, sagt Charis Urlauber, Englisch- und Geografielehrerin, einen unglaublichen Blick für die Befindlichkeiten der Kinder. Sie erkenne die Emotionen, sehe Über- oder Unterforderung, lese Körperhaltung und Mimik. Kompetenzen, die die Realschullehrerin aus ihrem Studium längst nicht in dem Maß mitbringt.

Und da fängt’s schon an mit der Ungleichheit im Gleichsein: Keine andere Klasse hat diesen Bonus, eine zweite, besonders geschulte Lehrerin mit dabei zu haben, die nicht nur für die vier Inklusions-Kinder, sondern, wann immer möglich oder nötig, auch für die anderen da ist. Denn tatsächlich kann auch von den Regelschülern der eine oder die andere zusätzliche Hilfe gebrauchen. Die Leistungsspanne in der Realschule ist längst eine große. Der Wegfall der Grundschulempfehlung hat’s verursacht. Gezielt differenziert wird, seit auch der Hauptschulabschluss gemacht werden kann. Eine Herausforderung für die Lehrerinnen und Lehrer. Aber keine andere Klasse ist mit 22 Kindern so klein wie die Inklusionsklasse, die ja letztlich die Differenzierung nur um eine Stufe weitertreibt. Keine andere Klasse hat ein zweites Zimmer zur Verfügung. Jede andere Klasse könnte all das aber bestens brauchen.

Inklusion verändert die Unterrichtskultur. Frontalunterricht kann bei so verschiedenen Kindern nicht funktionieren. Von Inklusionsmaßnahmen würden alle Kinder profitieren – auch die Überflieger. Inklusion ist eine Frage der Ressourcen.

Warum hat der Nachbar eine Zwei, wo der doch viel weniger kann?

Noch machen die Kinder der Klasse ganz viel gemeinsam. Doch das wird sich ändern. Je höher die Klasse, je schwieriger der Stoff, desto öfter werden die vier ihre eigene Lerngruppe bilden, nicht mehr mitgezogen werden können. Sie werden einfachere Aufgaben bekommen, im kleineren Zahlenraum rechnen, kürzere Aufsätze schreiben, weniger Vokabeln lernen müssen. Vielleicht taucht dann irgendwann bei den anderen der Wunsch auf, das eigene Köpfchen auch ein bisschen weniger anstrengen zu müssen. Oder die Bemerkung, dass der Sitznachbar ja nur Baby-Aufgaben löst. Und die Frage, warum da eine Zwei unter der Klassenarbeit steht, obwohl der oder die ja viel weniger kann. Dann wird die Inklusion wieder zum Thema. Dann muss mit den Kindern besprochen werden, dass hier in der Klasse alle gemeinsam lernen, alle gleich sind, aber vier Kinder eben doch nach einem anderen Lehrplan arbeiten.

In den ersten Tagen des Schuljahres hat Konrektor Andreas Wersch, der die Klasse in Geschichte unterrichtet, nicht gewusst, welche vier Kinder die Inklusionskinder sind. Und er ist in seinen Stunden auch nicht drauf gekommen. Solche Tage sind Inklusions-Sternstunden. Inklusion ist dann gelungen, sagt David Coronel, wenn die Kinder sich wohlfühlen, wenn alle einen Lernerfolg haben, wenn die Lehrer ihr Tun als sinnhaft empfinden. Wenn das nicht mehr der Fall ist, muss neu entschieden werden. Vielleicht machen die vier in ihrer Realschulklasse in ein paar Jahren ihren Hauptschulabschluss, vielleicht ihren Förderschulabschluss. Vielleicht machen sie diesen dann aber auch in einer Förderschule. Die Frage muss stets lauten: Geht es dem Kind gut? Und diese Frage muss für alle Kinder der fünften Klasse mit „Ja“ beantwortet werden.

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