Fellbach/Waiblingen Rentner nach betrunkener Geisterfahrt vor Gericht

 Foto: Pixabay

Fellbach/Waiblingen.
Eine Nacht im Juli 2019: Die Polizei wird zu einer Tankstelle in Fellbach gerufen. Dort sitzt ein Rentner in seinem Auto. Das Warnblinklicht hat er eingeschaltet. Wieso, wollen die Beamten von dem Mann wissen. Um die anderen Autofahrer zu warnen, dass er betrunken sei, antwortet er freimütig.

Dann erzählt der 67-Jährige den Polizisten noch, dass er drei Gläser Wein getrunken habe, bevor er ins Auto gestiegen sei. Eine Schätzung seines Alkoholwerts liefert er gleich mit: 1,1 Promille. Kurz darauf, bei der Blutentnahme im Krankenhaus, stellt sich heraus, dass er fast richtig lag: 1,4 Promille misst der Arzt. In seinem Bericht notiert er, der Mann habe geschwankt – auch in seiner Stimmung.

Dass diese skurrile Geschichte beinahe böse geendet hätte, zeigt sich dann, als eine Kamera ausgewertet wird, die der Rentner an seinem Auto angebracht hatte, um den Verkehr aufzuzeichnen. Auf dem Video ist zu sehen: Der Mann war zwischenzeitlich als Geisterfahrer unterwegs und fuhr Schrittgeschwindigkeit, wo Tempo 100 erlaubt ist.

Angeklagter hatte Einspruch gegen Geldstrafe eingelegt

Der Fall landete jetzt vor dem Amtsgericht, wo ein Polizist im Zeugenstand davon berichtete. Zur Verhandlung war es gekommen, weil der Rentner seinen Führerschein abgeben und 1600 Euro zahlen sollte, gegen die Geldstrafe aber Einspruch eingelegt hatte.

Im Amtsgericht beschreibt der Polizist, der bei der Kontrolle dabei war, die Stimmung des Mannes in der besagten Julinacht als „euphorisch“. Ununterbrochen geredet habe der Angeklagte. Dieser selbst erklärt: „Ich war glücklich und euphorisch, weil ich den Glauben an Gott wiedergefunden habe.“ Nach dem Tod einer seiner beiden Töchter habe er diesen verloren, was zu einer manischen Depression geführt habe.

In der Verhandlung kommt zudem heraus, dass der 67-Jährige nicht nur drei Gläser Wein (nach seiner Aussage waren es nur Weinschorle) getrunken hat, sondern auch zwei kleine Flaschen Beruhigungstropfen – mit 53 Prozent Alkohol, also mehr als in üblichem Schnaps enthalten ist. „Ich war mir nicht bewusst, dass da Alkohol drin ist“, behauptet er.

Wie kommen 1,4 Promille ins Blut?

Wobei an der Geschichte des Mannes ohnehin etwas nicht stimmen kann, vermutlich hat er deutlich mehr getrunken: Ein Rechtsmediziner rechnet vor, dass der 67-Jährige nach dem Konsum von drei Gläsern Wein und den beiden Fläschchen Beruhigungsmittel nur auf knapp 0,6 Promille gekommen wäre, nicht auf 1,4 Promille. Bei Weinschorle ginge der Wert sogar gegen null. Ob Tropfen oder nicht, sein Promillewert sei also nicht zu erklären. Was die chronische Depression des Rentners angehe, so müsse sich dieser dringend in Behandlung begeben, sagt der Mediziner. „Das ist ein lebenslanger Prozess.“

Der Gutachter ist sich sicher, dass die Krankheit auch dazu beigetragen hat, dass er sich und andere Verkehrsteilnehmer gefährdet hat. Die Amtsrichterin sieht das genauso: „Am besten wäre, Sie melden sich zur Behandlung an.“

Seit sechs Monaten ist der 67-Jährige inzwischen ohne Führerschein. Gegen ihn wurde mittlerweile ein neues Verfahren eingeleitet: Im September ist er ohne Führerschein gefahren. Die Richterin urteilt, dass das Fahrverbot zunächst einmal drei weitere Monate bestehen bleibt. Es müsse aber geprüft werden, ob der Rentner seine Fahrerlaubnis überhaupt wiederbekommt. Die Geldstrafe allerdings fällt schlussendlich um 1000 Euro geringer aus, vor allem aufgrund der wirtschaftlichen Situation des Mannes. Er muss jetzt nur noch 600 Euro bezahlen.

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