Fellbach/Waiblingen Verkehrssünder beschimpft Bauarbeiter

Symbolbild. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Fellbach/Waiblingen.
Eine Ära ist am Mittwochmorgen im Amtsgericht Waiblingen zu Ende gegangen: Richterin Christel Dotzauer, die hier 25 Jahre lang Recht sprach, leitete ihre letzte Sitzung. Dotzauer musste dabei Schimpfworte wiederholen – und ließ am Ende Gnade walten.

Was war geschehen? Im Südosten von Fellbach wurde im August vergangenen Jahres eine Gasleitung saniert. Autofahrer, die regelmäßig auf der Strecke unterwegs sind, werden sich vielleicht erinnern: Vier Wochen lang war die Rommelshauser Straße in Fahrtrichtung Kernen und zur B-14-Auffahrt halbseitig gesperrt.

Eilig hatte es ein Fellbacher mit türkischen Wurzeln auf dem Weg zu seiner Ausbildungsstelle in Waiblingen. Aus der Kleinfeldstraße bog er in die Rommelshausener Straße ein und fuhr in falscher Richtung an den Absperrungen vorbei. Ein entsprechendes Verbotsschild sei ihm nicht aufgefallen, sagt der 34-Jährige im Amtsgericht. Als er dann bemerkt hatte, dass er falsch unterwegs war, habe er sich gedacht: „Jetzt probier’ ich es mal.“ Eine Fehlentscheidung. Denn der 53 Jahre alte Baukoordinator vor Ort, der schon wegen anderer Verkehrssünder mit dem Fellbacher Ordnungsamt in Verbindung stand, zückte seinen Fotoapparat. „Ich habe aus einiger Entfernung ein Foto gemacht“, sagt der Mann im Zeugenstand. Auto und Nummernschild seien zu erkennen gewesen, der Fahrer aber nicht.

„Das sollten Sie sich abgewöhnen“

Dem 34-Jährigen schmeckte es überhaupt nicht, bei einer Ordnungswidrigkeit fotografiert zu werden. Er bemerkte den 54-Jährigen, hielt sein Auto an, das nun die Fahrbahn blockierte, und stieg aus, um den Mann zur Rede zu stellen. „Ich hab gesagt: Löschen Sie das Foto, dann gehe ich meines Wegs“, sagt der Angeklagte vor Gericht. Doch der andere habe alle Umstehenden gegen ihn aufgebracht. Da sei er sauer geworden, habe seinerseits das Handy gezückt, als fotografiere nun er den Baukoordinator, und habe sich zu einer Beleidigung hinreißen lassen: „Ich hab gesagt: Ich ficke dich.“

Was das denn zu bedeuten habe, will die ehrwürdige Richterin wissen und wiederholt die Beleidigung. Der Angeklagte antwortet: „Das heißt bei uns umgangssprachlich so viel wie: Jetzt zeig ich’s dir.“ Dotzauer trocken: „Das sollten Sie sich abgewöhnen.“ Der Mann zerknirscht: „Das mache ich.“

Sehr unterscheidet sich die Version des Baukoordinators (und die eines weiteren Zeugen) nicht vom Geständnis des Angeklagten, lediglich die Beleidigung hat er in leicht abgewandelter Form in Erinnerung. „Jetzt habe ich ein Foto von dir“, habe der äußerst aggressive Autofahrer zu ihm gesagt, „jetzt ficke ich dein Leben!“ Er habe sich dadurch und durch die körperliche Nähe des Mannes bedroht gefühlt, berichtet der 54-Jährige, und deshalb den Notruf gewählt. Als die Polizei eintraf, war der Mann aber schon davongefahren.

Dieser zeigt sich vor Gericht reumütig und entschuldigt sich bei dem 54-Jährigen für sein Verhalten: „Wenn ich heute darüber nachdenke, tut’s mir aufrichtig leid“, sagt der Angeklagte.

Angeklagter mehrfach vorbestraft

Richterin Dotzauer hakt beim Baukoordinator nach: „Können Sie die Entschuldigung annehmen?“ Der antwortet: „Ich denke ja.“ Dotzauer: „Gut! Dann haben wir etwas Frieden geschaffen heute.“

Wäre der Mann ein unbeschriebenes Blatt, hätte es die Richterin womöglich sogar dabei belassen. Für die Ordnungswidrigkeit, die er mit seinem Fahrzeug begangen hat, wurde der 34-Jährige ohnehin schon zur Kasse gebeten. Doch eine Einstellung kommt nicht infrage, weil der Mann mehrfach vorbestraft ist. Zuletzt wurde er 2017 zu einer Geldstrafe wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte verurteilt. Er hat vor vielen Jahren aber auch schon eine Bewährungsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung kassiert und stand schon einmal wegen Beleidigung vor Gericht.

Weil sein Ausbildungsgehalt allerdings nicht viel hergibt, der Mann geständig und einsichtig ist und sich in den vergangenen Jahren offenbar gebessert hat, lässt Dotzauer am Ende ihrer letzten Sitzung noch einmal Gnade walten. 20 Tagessätze zu je 25 Euro muss der 34-Jährige zahlen, weniger als von der Staatsanwältin gefordert und ursprünglich im Strafbefehl festgelegt.

Und einen letzten guten Tipp von Richterin Dotzauer gibt’s für den Angeklagten obendrauf: „Arbeiten Sie an sich! Man regt sich immer wieder auf, ein bisschen Aufregung ist auch nicht schlecht. Aber man sollte doch immer Respekt vor anderen zeigen!“

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