Fellbach Wie Wohninvest zum Weserstadion kam

Harald Panzer, Geschäftsführer des Immobilienunternehmens Wohninvest. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Fellbach/Bremen. Weserstadion? Wohninvest Weserstadion! Der Fellbacher Immobilien-Unternehmer Harald Panzer, 55, hat auf zehn Jahre die Namensrechte am Bremer Fußballtempel erworben, per anno zahlt er drei Millionen. Hintergründe eines spektakulären Deals.

Die Geschichte, wie Panzer zum Weserstadion kam, erzählt viel über die Art, wie der Mann Bauchgefühl und Betriebswirtschaft kombiniert und in Zufällen Chancen wittert: Sie beginnt in der Kneipe.

Vor Jahren war Panzer in Bremen, eine Verwandte lebt dort. Abends zogen sie um die Häuser, versackten in einer Pinte, und als es vier Uhr morgens war, saßen sie immer noch. Panzer kam ins Gespräch mit zwei Fremden: Tätowierte; Werder-Fans. Ein Wort gab das andere, bis Panzer – draußen mag schon der Morgen gegraut haben – sagte: Kommt mal nach Stuttgart, ich hab eine Loge beim VfB, ich lade euch ein.

Mit den Jahren wuchs eine lose Freundschaft. Offenbar sprach sich das herum bis zum Werder-Vorstand: Vor einem Jahr kam die Anfrage, ob Wohninvest auch im Weserstadion eine Loge mieten wolle. Panzer nahm eine, „direkt neben der Ostkurve“. Er merkte: „Ich find Bremen gut.“ Die Atmosphäre: „familiär“; nahbarer, lässiger, hemdsärmeliger als „beim VfB“.

Das Angebot, oder: Tücken der Grundrechenarten

Eines Tages rief ein Kontaktmann an: Den Namen des Weserstadions gebe es zu kaufen. 3,3 Millionen Euro auf sieben Jahre. Panzer rechnete: 3,3 geteilt durch sieben macht 470 000 per anno – nicht viel für den Werbewert, das mach ich!

Moment, sagte der Anrufer: Nicht 3,3 geteilt durch sieben. 3,3 mal sieben.

„Aber jetzt war es im Kopf“, Panzer wog ab: Sein Unternehmen war seit der Gründung 2005 heftig gewachsen, 300 Millionen Euro Jahresumsatz, 80 Mitarbeiter im Stammhaus, weitere 120 Leute bei diversen Immobilienprojekten – der Aktionsradius aber beschränkte sich bislang schwerpunktmäßig auf Baden-Württemberg. War Wohninvest nicht reif für den nächsten Expansionsschritt? Ausgreifen nach Norden? Der Stadionname könnte ein Hebel sein.

Und der Preis? „Wir erwerben öfters Immobilien, die weit über 20 Millionen Euro kosten.“ Sollte die via Stadion erhöhte Bekanntheit „zwei bis drei weitere Geschäfte per anno“ bringen, hätte es sich gelohnt.

Eine Bremer Delegation pilgerte nach Fellbach, am Ende stand der Deal: zehn Jahre Laufzeit, jährlich drei Millionen.

Die Werder-Ultras aber zogen schon vor der Vertragsunterzeichnung 600 Mann stark durch die Bremer Innenstadt. Ihr Protest, hatte ein Sprecher angekündigt, werde „laut, bunt und vielfältig“ sein – was er damit meinte, offenbarten die Plakate: „Immobilienhaie zu Fischstäbchen“, „Scheiß auf Wohninvest“, „Krieg den Palästen, Friede den Stadien“, „Für bezahlbaren Wohnraum“, „Raus aus unserem Wohnzimmer“, „Fick dich, Investor“! Panzers Einstiegs-Pressekonferenz, das war klar, würde kein Heimspiel werden.

Die Pressekonferenz, oder: Eis brechen mit Joker

Und da saß er nun, im grauen T-Shirt – nicht ganz die übliche Geschäftsmann-Uniform –, das Podium war grell ausgeleuchtet für die TV-Kameras, das Licht spiegelte sich auf Panzers Glatze, und den ersten Hänger hatte er im ersten Satz: „Schönen guten“ ... ach ja, genau: „Tag“.

Aber dann taute er auf. Was macht Wohninvest? Das Unternehmen kaufe, entwickle, verkaufe zu „etwa 90 Prozent“ Gewerbe-Immobilien, also meist keine Wohn-Objekte. Was sagt er zu den Wutplakaten? „Mein Gott, das ist Fußball“ – der Name Weserstadion sei „nicht antastbar“, er setze „lediglich den Vornamen“ dazu. Was, wenn die Leute den Vornamen nicht über die Lippen bringen? Kein Problem, er gehe doch auch bis heute ins „Neckarstadion“. Hat er überhaupt einen Draht zum Fußball? „Ich hätte eigentlich Profi werden sollen, so wie alle – das hat dann in der Bezirksliga jäh geendet.“ Er sei „Fan von Stuttgart“, und der SV Fellbach „ist mein Lieblingsverein in der Landesliga“. Das Eis brach.

Und dann trat Panzers Joker auf: ein 1,35 Meter großer Weltathlet. Niko Kappel, Paralympics-Sieger im Kugelstoßen, erzählte: Wohninvest habe ihn schon früh unterstützt. Eine Story fürs Herz hatte Kappel auch parat: 2007, Treffen des Kleinwuchsverbandes in Bremen, die Teilnehmer erhielten Karten für ein Spiel gegen Bielefeld – „Stehplatz-Tickets“ im Werder-Fanblock! „Ich war zwölf und noch ein Stück kleiner als heute.“ Die Fans aber machten ihm „eine Schneise auf“, damit er was sah. Bremen gewann 8:1.

Szenenapplaus für Kappel, Bremen „isch herzlich“, schwäbelte Panzer – danach im Werder-Fanforum schrieb einer: Dieser Auftritt sei „sehr sympathisch, bodenständig und absolut Werder-like“ gewesen.

Die Zukunft, oder: Vertrauen muss man erarbeiten

Wobei: Alle Vorbehalte sind damit garantiert nicht verdunstet. Sicher, Panzer sagt: „Ich würde mich schämen, wenn wir Geld generieren auf Kosten einfacher Mieter.“ Altbauten kaufen, luxussanieren, Altmieter rausschmeißen, teuer neuvermieten? „Nicht mein Geschäftsmodell. Null.“ Sicher, Panzer sagt: Er finde es „ungesund“, wenn „frühere Arbeiterviertel“ und erschwingliche Gegenden, „Stuttgart-West, Hamburg-Eppendorf“, heute „nicht mehr bezahlbar“ sind. Aber er kann viel erzählen – mit diesem Deal ist er aus der schwäbischen Anonymität herausgetreten, fortan ist Wohninvest ein Fall für die Rechercheteams der gesamten deutschen Sport- und Wirtschaftspresse. Er ist „kein Immobilienhai“? Die Bremer werden genau hinschauen.

Harald Panzer ahnt, was er sehen wird in seiner Loge beim ersten Werder-Heimspiel der neuen Saison: „Da wird’s Plastikbecher regnen aus der Ostkurve.“ Aber „wenn wir uns ordentlich benehmen ... Vertrauen werden wir uns erarbeiten.“


Und der VfB?

Harald Panzer ist bekennender VfB-Fan – warum eigentlich hat er sich nicht dort engagiert, die suchen doch dringend Investoren? Die Antwort kommt schnell: „Die haben uns nicht gefragt. Und ohne fragen geht’s nicht.“ Zu fragen – vielleicht gehöre das nicht zum „Habitus“ des VfB.

Das heißt, er hätte sich ein VfB-Invest vorstellen können? „Unter Umständen.“ Hätte er dabei denn keine Sorge gehabt, dass Wohninvest im langen Schatten von Hauptinvestor Daimler verschwinden könnte? „Im Schatten von Daimler fühlen wir uns immer noch unter der Sonne.“

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