Fellbacher Herbst Schraubenzieher in den Rücken gerammt

Symbolbild. Foto: Mogck / ZVW

Fellbach/Stuttgart. Ein 21-jähriger Grieche rammt in blinder Wut einem Kontrahenten mehrfach einen Kreuzschlitz in den Rücken. So geschehen beim Fellbacher Herbst 2017. Das Fest war überschattet von Randale und Prügeleien. Fünf Angeklagte, darunter zwei Frauen, müssen sich jetzt vor dem Landgericht verantworten. Versuchten Totschlag wirft die Staatsanwaltschaft dem Hauptbeschuldigten vor. Er sitzt seit Oktober in U-Haft und zeigt sich vor Gericht reuig.

Das Opfer musste in der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 2017 schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht und operiert werden. Zwei Wochen danach wurde der 21-jährige jetzt Angeklagte in U-Haft genommen. Dort wartet er seitdem auf seinen Prozess, der am Donnerstag vor der zweiten Großen Jugendkammer am Landgericht Stuttgart begonnen hat.

Auf der Anklagebank sitzt außer dem 21-Jährigen dessen ein Jahr ältere Freundin, ebenfalls Griechin und Betreiberin eines Cafés. Sie soll einem der beiden Geschädigten einen Fußtritt verpasst haben. Ihrer Schwester wirft die Anklage ebenfalls gefährliche Körperverletzung vor. Zwei junge Männer, ein 19-jähriger Deutscher und ein 25-jähriger Grieche, müssen sich wegen ähnlicher Vorwürfe verantworten, ferner wegen Widerstands gegen Polizisten. Die Vorfälle sind in Zusammenhang zu sehen mit ausufernden Turbulenzen, die den Fellbacher Herbst 2017 überschattet haben. Eine Vielzahl von Jugendlichen hatten sich gezielt zu Randale verabredet, wie die Polizei seinerzeit mitgeteilt hatte. Damit hatte die Schlägerei, um welche es jetzt am Landgericht geht, aber offenbar nicht direkt etwas zu tun; zu dieser Auseinandersetzung kam es wohl am Rande anderer Prügeleien.

Zu viel Alkohol, zu viel Aggression

Fünf Prozesstage sind angesetzt. Am ersten Tag hatte nun der 21-jährige Hauptbeschuldigte Gelegenheit, seine Sicht der Dinge zu schildern. Davon machte der überaus sprachgewandte junge Mann rege Gebrauch.

Zum Eklat kam es erst ganz am Ende eines ansonsten schönen, entspannten, von guter Laune und netten Begegnungen geprägten Abends. Der 21-Jährige, seine Freundin und andere Mitglieder seiner Gruppe wollten gehen; es war spät und die Stimmung auf dem Fest war gekippt. Zu viel Alkohol, zu viel Aggression. Es war bereits Pfefferspray zum Einsatz gekommen.

"Da hab ich nur noch rot gesehen"

Arglos rief der 21-Jährige, so schildert er es, seinen Freunden zu, ob sie wüssten, wo die Fellbacher seien, womit er ganz bestimmte Bekannte meinte. Daraufhin traten zwei ihm unbekannte junge Männer an seine Seite, erklärten, er und seine Freunde seien wohl keine Fellbacher. Der 21-Jährige versuchte den Arm loszuwerden, den der Fremde ihm alles andere als in freundschaftlicher Absicht um die Schulter gelegt hatte – und schon flog ihm sein Glas aus der Hand und schoss eine Faust in sein Gesicht. Nach einem weiteren Schlag auf den Hinterkopf, den ihm der zweite Fremde verabreicht hatte, eskalierte die Situation schnell. Der junge Mann, der ihn angegangen hatte, zog laut dem Angeklagten einen Elektroschocker aus der Tasche und traktierte unentwegt seinen Kumpel. Die Freundin trat dazwischen – und sah sich ebenfalls einer Attacke mit dem Elektroschocker ausgesetzt.

„Da hab ich nur noch rot gesehen“, berichtet der 21-Jährige. Einen Kreuzschlitz-Schraubenzieher, den er zufällig noch von einem Umzug in einer Bauchtasche gehabt habe, hatte er zuvor schon herausgezogen und die beiden Kontrahenten mit Stichen in Richtung Oberarme zu vertreiben versucht. Jetzt aber habe er „in blinder Wut“ auf den Nutzer des Elektroschockers eingestochen, räumt der 21-Jährige ein. Anschließend sei er in einer Art Schockzustand weggerannt – wohl wissend, er sei zu weit gegangen: „Ich wusste ja, dass jetzt Scheiße passiert ist.“

Angeklagter: Leben aus der Bahn geraten

Der 21-Jährige muss den Kreuzschlitz mit großer Wucht in den Körper seines Kontrahenten gerammt haben – denn ganz so leicht durchdringt solch ein Werkzeug nicht zuerst die Jacke und dann die Haut eines Menschen, wie die Vorsitzende Richterin Sina Rieberg anmerkte.

Die Gruppe um den 21-Jährigen hat sich kurze Zeit nach der Tat wieder zuhause getroffen und über die Vorfälle geredet. Jeder habe „eine andere Sicht auf das Fest gehabt“, erzählte der 21-Jährige. Sein sozialer und beruflicher Hintergrund wie auch jener der anderen Angeklagten kam am Donnerstag auch zur Sprache. Sein Leben geriet aus der Bahn, als seine Eltern sich trennten und sein Vater nach einem Schlaganfall seinen Laden nicht mehr betreiben konnte und nach Griechenland umzog.

Als Vermögensberater gearbeitet

Der junge Mann schaffte trotz erheblicher innerfamiliärer Probleme über Umwege die Fachhochschulreife und wollte später ein Betriebswirtschaftsstudium beginnen. Dazwischen versuchte er sich als selbstständiger Vermögensberater, während seine Freundin ein Café betrieb und noch betreibt. Wegen der Vorfälle auf dem Fellbacher Herbst, die sich natürlich schnell herumgesprochen hatten, seien die Kunden mehr und mehr ausgeblieben; inzwischen sitzt die junge Frau auf einem Berg von Schulden. Alkohol und Drogen spielten bei den beiden angeklagten jungen Frauen den Aussagen zufolge keine Rolle; bei den drei jungen Männern aber schon.

Wie die beiden Kontrahenten und vor allem das schwer verletzte Opfer die Vorfälle beim Fellbacher Herbst erlebt haben, darum wird es im Prozess noch gehen. Vermutlich werden sie das Geschehen ganz anders schildern. Der Prozess am Landgericht Stuttgart wird kommende Woche am Mittwoch, 18. April, fortgesetzt.

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