Foto-Reporter Uli Reinhardt Mit Fotografien die Welt erklären

Ein großer Fotograf und Menschenfreund: Uli Reinhardt, Gründer der Weinstädter Reportage-Agentur Zeitenspiegel. Foto: Gabriel Habermann

Welzheim/Weinstadt.
In Mogadischu ist Uli Reinhardt einmal knapp dem Tod entgangen. 1992 war es, und das ostafrikanische Land von Bürgerkrieg und einer Hungersnot gebeutelt. Mitten in der Hauptstadt wurden er und seine Reporterkollegin von Männern mit Gewehren umstellt, die auch eine Panzerfaust auf sie richteten. Zum Glück griff ein Somali ein, befreite die Reporter aus der Not und fuhr rückwärts mit dem Auto davon. Währenddessen hörten sie Schüsse und die Detonation der Panzerfaust.

Brenzlige Situationen wie diese hat Reinhardt in seinen 47 Jahren als Fotograf häufiger erlebt. In nahezu allen Krisengebieten war er bereits als Reporter unterwegs. Besonders häufig auf dem Balkan, wo er nach dem Auseinanderbrechen von Jugoslawien alle Entwicklungen des Bürgerkriegs verfolgt hat. „Ich war dort so oft, dass ich irgendwann nicht mehr wollte.“ Auch weil zwei seiner Kollegen und ihr Übersetzer von einem russischen Söldner am Ende des Kosovo-Kriegs 1999 erschossen wurden – und er sich damals auf die intensive Suche nach den Hintergründen begeben hat.

Dabei ist der gebürtige Stuttgarter ein Spätberufener als Magazin-Reporter. Nach dem Mathematik-Studium arbeitete er zunächst als Gymnasiallehrer in Waiblingen. Abends und wochenends war er für die Stuttgarter Zeitung und den Zeitungsverlag Waiblingen als freier Fotograf unterwegs. 1973 bot ihm dann der damalige Verleger Albrecht Villinger eine Stelle an. „Zum Entsetzen meiner Familie nahm ich sie auch an.“ Noch heute schwärmt der 72-Jährige von dieser Zeit. „Ungewöhnlich viel Freiheit“ habe ihm damals Chefredakteur Richard Retter gegeben. Verrückte Ideen (wie einen Infrarotflug über die Wälder im Kreis oder Reportagen in Kambodscha und Chile) ließ man ihn einfach verwirklichen.

Mit „mehr Glück als Verstand“ zum Kriegsreporter geworden

Doch Reinhardt zog es in den Magazin-Journalismus. Mit vier Gleichgesinnten gründete er 1985 in Weinstadt die Reportage-Agentur Zeitenspiegel – und hatte „mehr Glück als Verstand“. Äußerst blauäugig seien sie damals nach Hamburg zu Gruner und Jahr, wurden als gänzlich Unbekannte beim wohl renommiertesten deutschen Reportage-Magazin, der Geo, vorstellig. Der Zufall wollte es, dass die Hamburger gerade an einem Themenheft zu Baden-Württemberg arbeiteten. Damit hatte Zeitenspiegel einen Fuß in der Tür. Genauso viel Glück hatten sie beim Stern. Auch wenn der Auftrag - eine CDU-Ortsvereins-Versammlung in Echterdingen - nicht das war, was Reinhardt sich vorgestellt hatte. Doch die Fotos überzeugten, er wurde fester freier Mitarbeiter des Sterns. Und die Aufträge immer anspruchsvoller. „Wie auf dem Silbertablett bin ich durch die Welt gereist, es war wirklich Wahnsinn.“ Politisch-soziale Reportagen wurden seine Spezialität, die Kriegs- und Krisengebiete der Welt sein zweites Zuhause.

Daher weiß er: „Das Letzte, was ein Mensch in Krisengebieten braucht, ist ein Reporter.“ Wenn jemand sich öffnet, gar ein Foto von sich machen lässt, dann muss ein Reporter damit auch respektvoll umgehen. Wie das gelingt, zeigt er in seinem Bilderzyklus „Die Würde des Menschen“, der auch Fotos aus seiner Zeit beim ZVW zeigt, recht anschaulich. Denn das ist eine Erfahrung, die Reinhardt immer wieder gemacht hat auf seinen Reisen: „Selbst jene, denen übel mitgespielt wurde, denen es rattenschlecht geht, sind in der Lage, diese auszustrahlen.“ Das Opfer einer Säureattacke in Bangladesch, eine von den Gräueltaten der Roten Khmer traumatisierte Kambodschanerin oder ein kriegsversehrter afghanischer Junge, der wieder laufen lernt – all diese Menschen sind bei allem Schlechten, das sie über die Menschheit an sich erzählen, voller Würde. Was auch am respektvollen Blick des Fotografen liegt.

Wahrscheinlich gelang es Reinhardt und seinen Mitstreitern ja deshalb auch, die Agentur zum Erfolg zu führen. 36 Mitglieder hat Zeitenspiegel heute. Wie in den Anfangszeiten erhalten alle dasselbe Grundgehalt – und obendrauf das, was jeder noch benötigt. Ein Stern-Chefredakteur habe das mal als den letzten real existierenden Sozialismus auf deutschem Boden bezeichnet – „und es funktioniert bis heute“.

Deshalb denkt Uli Reinhardt, der das Rentenalter längst überschritten hat und heute in Berglen lebt, noch lange nichts ans Aufhören. Auch wenn es ihn nicht mehr so sehr in die Ferne zieht, er für das Remstal-Magazin „Landluft“ inzwischen leichtere Themen fotografiert. Eindrucksvolle Geschichten mit dem Fotoapparat zu erzählen, davon wird der leidenschaftliche Reporter und Menschenfreund wohl nie ganz lassen können.


Info

„Die Würde des Menschen“ ist ab Sonntag in der Welzheimer Gallus-Kirche zu sehen. Die Bilder werden präsentiert von der Awo Welzheim, die ihr 70-jähriges Jubiläum feiert. Eröffnung am Mittwoch, 20. November, um 19.30 Uhr nach dem Gottesdienst. Reinhardt wird am Samstag, 30. November, um 14 Uhr im Dietrich-Bonhoeffer-Haus eine Auswahl seiner Foto-Reportagen zeigen. Der Eintritt ist frei.

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