Cervione ist ein historischer Ort. Seine Gründung wird auf das Jahr 813 datiert – damals als Zuflucht für die Inselbevölkerung, die Schutz vor den Sarazenen suchte. Um 1736 war Cervione Schauplatz einer bizarren politischen Episode: Theodor von Neuhoff, ein Hochstapler aus Köln, residierte dort für kurze Zeit als König. Er machte Cervione zur Hauptstadt der Insel und schmeichelte sich bei den Korsen durch diverse Geschenke ein, stiftete Kanonen und Silber. Die verarmte Bevölkerung hat ihn aus purer Verzweiflung zu ihrem Herrscher gemacht. Noch heute fühlen sich die Menschen dort im Abseits. Corinne Champier, Angestellte des Heimatmuseums, spricht vom "Entwicklungsland" Korsika. Mit der Magie des Ortes kann sie nichts anfangen.

Die Kommune strengt sich zwar an, einigermaßen gepflegt zu erscheinen – so lockt der Kinderspielplatz die Kleinen mit allerlei neuen Geräten, und die Barockkirche St. Erasme gehört zu den bedeutendsten Gotteshäusern der Insel, doch im Grunde hat der Ort wenig zu bieten.

Für Wanderer ist Cervione aber ein idealer Ausgangspunkt. Ein touristisches Kleinod liegt unterhalb des Ortes und ist in einer halben Stunde zu Fuß zu erreichen: Die Kapelle Santa Christina, die in den vergangenen zwei Jahren liebevoll renoviert wurde.

Die Fresken mit religiösen Motiven, die dort die Wände zieren, sind atemberaubend detailreich, die Farben wunderbar – so manches korsische Paar hat sich diese Kulisse schon für die Hochzeit ausgesucht. Die zwölf Apostel sind zu erkennen, und Gegenpapst Hippolyt, der 235 auf Sardinien starb. Das Kirchenschiff soll im 9. Jahrhundert gebaut worden sein, vergrößert wurde die Kapelle im 15.Jahrhundert. Hier, wo die Macchia duftet– dieses unüberschaubare Sträuchergemisch aus Erdbeerbaum, Myrte, Ginster, Zistrose, Rosmarin und Wacholder –, ist man der korsischen Magie ganz nah.