Frauen bei der Polizei Auf der Spur krimineller Trends

Bettina Lühning an ihrem Arbeitsplatz. Foto: Büttner / ZVW

Waiblingen. Sie ermittelte wegen Sexualdelikten, war Falschgeldbanden und Bankräubern auf der Spur und fahndete nach Lkw-Aufbrüchen und Klau in großem Stil. Derzeit hat sie sich ihrer Kinder wegen bis auf weiteres für einen ruhigeren Schreibtischjob entschieden: Wegen der guten Vereinbarkeit von Familie und Beruf schätzt Kriminalhauptkommissarin Bettina Lühning, 39, ihren Job bei der Polizei.

Manchmal, sagt sie, komme man angesichts der ständig schlechten Nachrichten allerdings schon etwas an seine Grenzen. Polizeibeamte werden definitiv dauernd mit den schlimmen Seiten des Lebens konfrontiert, auch wenn sie mit den Straftaten „nur“ am Schreibtisch zu tun haben. „Man liest ständig von Vätern, die ihre Kinder missbrauchen, von Mord und Raub“, listet Bettina Lühning auf. „Das lässt niemanden kalt.“ Manche Gefahren rückten einfach näher, wenn man so oft mit ihnen zu tun habe. „Dass Kinder entführt werden, wird da präsenter, auch für die eigene Familie“, sinniert die zweifache Mutter. „Ich habe an unserem Haus einen Einbruchschutz anbringen lassen.“

Wie bewegen sich die Täter durchs Land?

Der Kinder wegen, ihrer sechsjährigen Tochter und ihres achtjährigen Sohnes, der mit Down-Syndrom auf die Welt kam, hat sich die 39-Jährige für einen relativ ruhigen Teilzeitjob am Schreibtisch entschieden. Derzeit wertet sie die Berichte aus den Revieren aus, erstellt Lagebilder zu allgemeinen Kriminalitätslagen im Präsidiumsbereich, die sie ans Landeskriminalamt weiterschickt. „Über diese Berichte bekommt man viele Informationen“, erklärt sie. Etwa Hinweise, ob sich Täter durchs Land bewegen und wo sie auftauchen. Aus Spuren und Vorgehensweisen, die sich wiederholen, versuche sie, Trends abzuleiten, sagt Bettina Lühning, die mit einem Kollegen aus dem LKA verheiratet ist. Der andere Teil ihres 40 Prozent-Jobs: Anfragen beantworten, die bundesweit oder aus den Präsidien gestellt werden und bei ihr eingehen.

Dass sie einmal Polizistin werden würde, hatte sich Bettina Lühning anfangs nicht vorgestellt. Nach dem Abitur habe sie eigentlich Biochemie studieren wollen, war trotz ihres sehr guten Abiturs aber am Numerus clausus von 1,0 gescheitert. Ihr Vater war es dann, der ihr vorschlug, zur Polizei zu gehen. Sie bewarb sich – und es klappte auf Anhieb. 2001, gerade mit der Ausbildung fertig, begann sie in Ludwigsburg im Dezernat Jugend- und Sexuladelikte und wechselte dann zur Landespolizeidirektion Stuttgart ins Dezernat Sonderfälle organisierter Kriminalität. Spannend seien die Fälle gewesen, erzählt Lühning. Etwa als sie nach einer Bande fahndeten, die im großen Stil Lkw klaute und aufbrach. Die Lastwagen seien in einer Lagerhalle in Einzelteile zerlegt und außer Landes gebracht worden. „Man hat sie erwischt, an die Hintermänner im Ausland sind wir aber nicht rangekommen“, so die Hauptkommissarin.

Gut erinnern kann sie sich auch an einen Fall von groß angelegter Verbreitung von Falschgeld in Pizzerien, in einem anderen Fall ging’s um Bankraub. In zwanzig Fällen seien zwei Bankräuber über den Tresen von Banken gesprungen und hätten die Tresore ausgeräumt. Am Ende gingen sie der Polizei ins Netz. Was wie im Krimi klingt, ist auch in der Realität kein Schreibtischjob. „Bei diesem Dezernat hat man keine Alltagsbeschäftigung. Man ermittelt nur in diesen Sonderfällen“, sagt Bettina Lühning. Vor allem aber ist es kein Nine-to-Five-Job. Zu Vernehmungen und Zugriffen sei sie bundesweit unterwegs gewesen, auch bei Observierungen, die das Mobile Einsatzkommando übernimmt, sei jeweils einer aus der Ermittlungsgruppe dabei gewesen.

Die Landespolizeidirektionen sind inzwischen aufgelöst

Auf die Verbrechensbekämpfung vor Ort folgte für sie eine Arbeit im Hintergrund. Nach fünf Jahren wechselte Lühning in den Stabsbereich der Landespolizeidirektion Stuttgart, wo sie allgemeine Grundsatzfragen wie die Abläufe bei großen Schadensereignissen bearbeitete und Einsätze der Bereitschaftspolizei koordinierte. Mittlerweile wurden die Landespolizeidirektionen im Zuge einer Strukturreform aufgelöst, nachdem sich die Bereiche der Polizeipräsidien stark vergrößert haben (siehe Box).

2008 kam Sohn Benjamin zur Welt, zwei Jahre später Tochter Maja. Gute Gründe für die Kriminalhauptkommissarin, runterzuschalten: Nach ihrer Elternzeit wechselte sie zur „zentralen integrierten Auswertung“, wie ihr Job im Fachjargon heißt. Eine 40-Prozent-Stelle, die sie auf drei Tage verteilt hat. Dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei der Polizei so prima funktioniert, empfindet sie als großen Vorteil und durchaus nicht als selbstverständlich: Dass sich Frauen für unterschiedliche Teilzeitmodelle ab 25-Prozent entscheiden können - „so eine Flexibilität gibt es in der Wirtschaft nicht.“ Ein interessanter Beruf ist Polizistin bestimmt. Weil sie ständig einen negativen Ausschnitt des Lebens mitbekomme, wünsche sie sich manchmal aber auch einen Beruf mit angenehmen Dingen – Ergotherapeutin zum Beispiel. Als tendenziell harmoniebedürftige Person beschreibt sie sich selbst, aber als eine, die „ihre Klappe nicht halten“ könne. Einfach habe sie es sich nie gemacht. Auch nicht mit Sohn Benjamin, der keine Behinderteneinrichtung besucht, sondern die Außenklasse einer Regelschule. Seit er auf der Welt ist, kennt Bettina Lühning die Vorbehalte mancher Menschen gegenüber Kindern mit Down- Syndrom. Den Kampf für mehr Akzeptanz kämpfen sie und ihr Mann gemeinsam.

Trotzdem: Wenn die Kinder größer sind, will Bettina Lühning beruflich wieder andere Aufgaben übernehmen. Im Präventionsbereich etwa, in der Öffentlichkeitsarbeit oder auch bei der internationalen Zusammenarbeit mit anderen Polizeien könnte sie sich ihren Job gut vorstellen.

Zwölf Präsidien

Im Zuge der Polizeistrukturreform wurden die vier Landespolizeidirektionen der Regierungspräsidien Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg und Tübingen aufgelöst. Sie verschmolzen mit den 37 Polizeipräsidien und Polizeidirektionen zu zwölf deutlich größeren Polizeipräsidien. Diese sind unmittelbar dem Landespolizeipräsidium im Innenministerium nachgeordnet.

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