Friedwald Der Förster im Friedwald

Förster Eckard Freist mit seinen Wachtelhunden kümmert sich um den Friedwald bei Pappenheim. Foto: privat

Es ist still im Friedwald bei Pappenheim. Ruhiger und friedlicher als in anderen Wäldern, meint man. Vielleicht, weil man weiß, dass rund um die Bäume Menschen begraben sind. Ohne Einfassungen und meist namenlos, weil Grabsteine nicht erlaubt sind. Ein Friedwald ist ein natürlicher Friedhof, die Asche der Verstorbenen wird in Bio-Urnen aus Holzfasern beigesetzt. 'Bei uns werden die Verstorbenen Teil des Naturkreislaufes', sagt der 51-jährige Förster Eckard Freist. Asche sei ein guter Dünger. Freist trägt grüne Dienstkleidung und hat ausgebildete Jagdhunde. Seine Beziehung zur Natur ist eine professionelle. Er wuchs im niedersächsischen Hannoversch Münden auf. Schon sein Vater war Förster, Forstamtsleiter in staatlichem Dienst. Der Sohn machte eine Ausbildung zum Waldarbeiter, dann bildete er sich zum Förster weiter. Jäger sind Förster sowieso. Sein erster Job war der als Revierleiter in der Nähe von Bielefeld.


Träger des Friedwalds ist die evangelische Kirche des örtlichen Dekanats

Allerdings gehörte die Jagd hier nicht zu seinen Aufgaben. 'Holz ohne Jagd war mir zu einseitig', sagt Freist. Also kündigte er den Staatsdienst und wechselte in die Privatwirtschaft zum Grafen von Pappenheim. 'Die Aufgabe war spannend: Holzwirtschaft, Revierleitung und Jagd auf einer Fläche von 2000 Hektar.' Seit 25 Jahren arbeitet Freist in der Gräflich Pappenheim'schen Verwaltung. Vor zwei Jahren wurden etwa 80 Hektar als Friedwald ausgewiesen. Das entspricht einem knappen Quadratkilometer. Das Areal liegt inmitten des Naturparks Altmühltal und ist der südlichste von 54 Standorten der Fried-Wald GmbH, einem Unternehmen, das diese Naturfriedhöfe betreibt. Träger des Friedwalds ist aber die evangelische Kirche des örtlichen Dekanats. Hier sind zwar Gräber, Grabschmuck und Gießkannen verboten, anderes dafür umso mehr erlaubt. An wenige Bäume sind Metalltafeln genagelt. Darauf stehen sinn­stiftende Sprüche und manchmal auch die Namen der Toten. 'Die stimmen aber nicht zwangsläufig', erklärt der Förster.


Eine ältere Frau habe sich in ihre Tafel den Mädchennamen eingravieren lassen. 'Ihre Ehe war offensichtlich nicht gut.' Auf einem normalen Friedhof geht das nicht, im Friedwald schon. Wirtschaftlich gesehen sei ein Friedwald aber lediglich eine neue Form der Waldbewirtschaftung. Trotzdem gibt es Augenblicke, da macht ihm seine Arbeit Sorgen. 'Ich weiß nicht, was im Unterbewusstsein mit mir passiert, wenn ich permanent mit dem Tod und Trauernden konfrontiert bin.' Schwere Gedanken versucht er durch Arbeit zu verdrängen. Die Bestattung kann christlich oder ohne geistlichen Beistand stattfinden. Einäscherung wird allerdings vorausgesetzt. Mit dem Verbrennen aber tun sich Katholiken bekanntlich schwer. 'Wir haben hier nicht nur Freunde', sagt Freist. Die Katholische Kirche mag diese Form der Bestattung nicht. 'Und Bestatter meinen, wir nehmen ihnen die Arbeit weg.' Dabei können auch die einen Baum erwerben und Plätze darunter an ihre Kundschaft weiterverkaufen.


Bäume gibt es für Familien, Partner oder Alleinstehende. Bis zu zehn können unter einem Baum begraben werden. Der Durchmesser des Baumes und die Zeitdauer der Grabruhe bestimmen den Preis. Die verpflichtende Totenruhe sind 15 Jahre, die maximale Mietdauer im Friedwald 99 Jahre. Mit dem Friedwald kamen neue Aufgaben für Förster Freist. Alle zwei Wochen wird eine Waldführung angeboten, bei der er das Konzept vorstellt. Er berät Kunden bei der Baumauswahl. 'Manche haben eine klare Vorstellung darüber, wie ihr Baum aussehen soll, andere nicht', erzählt er. Gerader oder krummer Stamm, hohe Krone oder tiefe Äste. 'Viele interpretieren ihr Leben in die Form der Bäume und wählen danach aus.' Freist vermarktet die Bäume, das ist der Unterschied zum Nutzwald, wo es ums Holz geht. 'In der Beratung habe ich es manchmal mit schwer kranken Menschen zu tun, die wissen, dass sie bald sterben.' Bestattet wird freitags und samstags. 'Das sind belastende Tage.'


Zu Freists Aufgaben gehört es, die Trauernden in Empfang zu nehmen

Etwa 250 Tote sind in seinem Friedhofsrevier begraben. Die Urnen verschicken die Krematorien mit der Post, sie stehen dann bis zur Beerdigung in einem Regal am Eingang zu Freists Büro. 'Daran gehe ich jeden Tag vorbei.' Der Tod sei für ihn Alltag geworden. Mit einer Supervision wurde er von der Fried-Wald GmbH auf seine Arbeit vorbereitet. Gebracht habe ihm das nicht wirklich etwas. Sie entsprach nicht dem, was er sich vorgestellt hatte. 'Ich hätte gerne etwas darüber erfahren, wie man mit der psychischen Belastung von Trauer und Tod umgeht', sagt der Förster. Zu Freists Aufgaben gehört es, die Trauernden in Empfang zu nehmen. 'Manche tragen die Urne selbst zum Grab, oder das machen wir.' Die Urne absenken ist das Äußerste, auf das sich Freist einlässt. Die Position des Grabes wird mit GPS-Daten im Computer eingegeben.


Das ist Vorschrift fürs Totenregister. 'Diese Daten werden auch in unserer App genutzt, mit der die Hinterbliebenen aufgrund der Koordinaten ihren Baum finden können', erklärt er. Das ist High Tech im Totenwald. Bei den Beisetzungen trägt Freist meist seine typische Försterkleidung. Den bisherigen Nutzwald baut er zum Urwald um. Waldpflege gibt es ebenso wenig wie Grabpflege, beides übernimmt die Natur. Im Bestand sind junge Buchen, knorrige alte Eichen und einige wenige Fichten. 'Es ist eine kreative Arbeit, einen Friedwald herzurichten', sagt der Förster. Diese Kreativität schätzt er. Vor allem muss er bei der Pflege auf die Sicherungsmaßnahmen achten und beispielsweise dürre Äste abschneiden. Freist wird sich in jedem Fall einen Baum im Friedwald Pappenheim kaufen. Im Reinhardswald bei Hannoversch Münden steht der Totenbaum seiner Eltern. Dort gab es den ersten Friedwald Deutschlands - im Revier seines Vaters.

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