Fünf Monate nach Großbrand in Urbach Hausbesitzer leiden weiter unter den Folgen

In einigen Tagen dürfte die Ruine des Hauses in der Beckengasse in Urbach verschwunden sein. Der Abrissbagger hat am Freitag schon mal kurz zugegriffen, nimmt aber erst kommende Woche richtig seine Arbeit auf. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Urbach. In der Urbacher Beckengasse haben in diesen Tagen Mitarbeiter eines Abbruchunternehmens begonnen, die Brandruine auszuräumen. Ende März hatte ein Feuer das historische Gebäude völlig zerstört. Ein Bewohner starb in den Flammen. Eine Abbruchfirma ist nun angerückt, um die Überreste des Hauses verschwinden zu lassen – des Hauses, das einmal das Zuhause der Familie Pendica-Kapaktsis war und deren Welt damit zusammengebrochen ist.

Große Container stehen seit dieser Woche dort, wo in der Beckengasse in Urbach eine verkohlte, wirre Trümmerlandschaft klafft, unverändert seit mehr als fünf Monaten. Seit dem verheerenden Brand Ende März, als die Flammen und ein von der Feuerwehr gerufener Bagger das Haus verwüsteten. Männer mit Staubschutzmasken vor Mund und Nase tragen Gerümpel aus dem Keller. Teile von Schränken, ein Lattenrost landen in den Containern. Das Haus wird von Hand ausgebeint, ein großer Bagger steht bereit, um es kommende Woche vollends auseinanderzunehmen.

„Dieser Moment wird schlimm sein“, sagt Tanina Pendica-Kapaktsis. Sie blickt dem Abriss mit gemischten Gefühlen entgegen. Es ist das Zuhause ihrer Familie, dass da verschwindet. Seit 1981 war das uralte Haus, in dem früher der Gasthof „Ochsen“ war, im Besitz ihres Vaters. Aber sie ist auch froh, wenn es endlich so weit ist: „Der Anblick ist grauenvoll.“

Allgegenwärtige Erinnerung

Es sind vom Brandort nur ein paar Schritte zu Fuß bis zu der Wohnung, in der die Familie Pendica-Kapaktsis untergekommen ist, nachdem sie nicht nur ihr Hab und Gut, sondern auch ihr bisheriges Leben komplett verloren haben. Wenn sie nun im Wohnzimmer auf der Couch oder am Esstisch sitzen und aus dem Fenster schauen, dann fällt ihr Blick, ob sie es wollen oder nicht, immer wieder durch eine schmale Gasse genau auf das Durcheinander aus angekokelten Holzbalken, Steinen und Wohnungseinrichtung, der einmal ihr Zuhause war.

Sie sehen es als großes Glück, dass die Besitzer der Wohnung ihnen diese angeboten haben. Doch der tägliche, unvermeidliche Tunnelblick auf die Katastrophe, die über sie hereingebrochen ist, wirkt wie eine üble Laune des Schicksals. „Der Anblick erinnert uns jeden Tag daran, dass uns unverschuldet alles genommen wurde“, sagt Tanina Pendica-Kapaktsis. „Er belastet uns in jedem Moment.“

Sie sitzt am Esstisch und hält einige handschriftlich beschriebene Blätter in den Händen. Sie hat sich notiert, ausformuliert, was sie loswerden möchte. „Ich will klarstellen für die Bürger drum rum, warum die Sache so lange gedauert hat.“ Diese hätten das auch alles ertragen müssen, den grauenvollen Anblick, den Gestank, der von der Ruine ausgeht. Die Leute fragten sie immer wieder: Wann kommt das endlich weg? Viele Gerüchte gingen durch den Ort. Jetzt will Tanina Pendica-Kapaktsis erzählen, was sie seit dem Brand erlebt haben und warum es so schwierig und langwierig war, bis nun endlich der Abriss beginnt.

Der 29. März - „Wann gehen wir wieder nach Hause?“

Es war um 7.26 Uhr am 29. März, als eine Urbacherin die Flammen aus dem Haus in der Beckengasse schlagen sah und die Feuerwehr rief. Es gab sechs Wohnungen im Gebäude. Tanina Pendica-Kapaktsis bewohnte eine davon mit ihrem Mann Anastasios und Sohn Alexandros; Tochter Romina mit Großvater Giuseppe Pendica eine weitere. Drei Wohnungen waren vermietet. Und eine gehörte der Gemeinde Urbach, die dort drei obdachlose Männer untergebracht hatte. Der Brand begann in dieser Gemeindewohnung. Einer der drei Männer kam in den Flammen um. Alle anderen Hausbewohner konnten ihr Leben retten, aber sonst praktisch nichts als das, was sie am Leib trugen. Ein Mann kam nur durch einen Sprung aus dem Fenster davon. Nachbarn und Passanten griffen beherzt ein, eine Frau half Tanina Pendica-Kapaktsis und ihrem Sohn dabei, ihren Vater Giuseppe im Rollstuhl aus dem Haus zu tragen.

Die spontane Hilfsbereitschaft der Urbacher ist der Lichtblick in all dem Elend. Insgesamt 24 Menschen wurden durch den Brand obdachlos, aus dem Haus in der Beckengasse und aus dem angrenzenden Haus Kirchplatz 9. Nachbarn nahmen die Leute bei sich auf, bis durch Organisation der Gemeinde Urbach und anderer für alle Notquartiere gefunden waren.

Der Pflegedienst Bethel besorgte Giuseppe Pendica einen Kurzzeitpflegeplatz. Als er dann mit einem Krankentransport wieder nach Urbach kam, in die Wohnung, in der die Familie Pendica-Kapaktsis jetzt lebt, waren seine ersten Fragen: „Wann gehen wir zurück? Wann gehen wir wieder nach Hause?“

Das Haus in der Beckengasse, erzählt Tanina Pendica-Kapaktsis am Esstisch, es war der ganze Stolz ihres Vaters. „Wir waren stolz auf ihn und das Haus“, sagt sie. „Es war das Zuhause von drei Generationen unserer Familie.“ Ein wunder Punkt dabei war schon seit langem die eine Wohnung, die früher auch Giuseppe Pendica gehörte, die dann aber vor etwa 15 Jahren in den Besitz der Gemeinde kam. „Er bereut den Tag, an dem er die Wohnung aus der Hand gab“, sagt Tanina Pendica-Kapaktsis.

Brandherd: Schwierige Ermittlungen

Immer wieder habe es Ärger mit den Leuten gegeben, die die Gemeinde dort unterbrachte, erzählen die Pendica-Kapaktsis. Für die Nachbarn und für sie als Hausbewohner sei es teilweise schwer erträglich gewesen. Es habe Zeiten gegeben, als beinahe täglich die Polizei da gewesen sei.

Dass der Brandherd in der Gemeindewohnung liegt, das hat die Kriminalpolizei recht schnell ermitteln können. Die genaue Ursache ist aber immer noch unklar. „Die Ermittlungen sind nahezu abgeschlossen“, sagt Pressesprecher Ronald Krötz dazu auf Anfrage. Es sei angesichts des zerstörten Zustandes des Hauses sehr schwierig gewesen. Die Ermittlungsakten sollen kommende Woche der Staatsanwaltschaft übergeben werden. Dann wolle man das Ergebnis auch der Öffentlichkeit mitteilen.

Einstweilen bleibt jede Theorie, jeder Verdacht über die Ursache des Feuers pure Spekulation.

Schandfleck - „Die Zeit heilt keine Wunden“

Die Zeit nach dem Brand war brutal für die Familie Pendica-Kapaktsis. Sie waren zunächst damit beschäftigt, sich zu ordnen, sich neu einzurichten, mit der Versicherung zu korrespondieren und auf den Abbruch hinzuarbeiten. „Wir hatten das größte Interesse daran, das Gebäude baldmöglichst abzureißen“, sagt Tanina Pendica-Kapaktsis. Eben weil sein Anblick die Erinnerung an den schrecklichen 29. März immer wieder aufwühlt. Aber das mit dem Abriss, es war nicht so einfach. Sie mussten dafür eine Baugenehmigung einholen, als ob sie ein neues Haus hätten bauen wollen. All die Bürokratie stürzte ungebremst auf die Familie ein. „Ich saß am Anfang hier am Tisch vor den Papieren und habe nur noch geheult“, erzählt Tanina Pendica-Kapaktsis. „Und wir müssen ja auch noch arbeiten und Geld verdienen, um die Miete zu zahlen.“

Ihr Architekt Günter Ostertag habe viel persönliche Zeit geopfert, dafür seien sie ihm sehr dankbar. Sie nahmen sich einen Anwalt. Als dann die bürokratischen Hürden überwunden waren, kam die Schwierigkeit, ein Abrissunternehmen zu finden, das vor Ende des Jahres überhaupt Zeit hat.

Das alles sollen die Nachbarn wissen, das ist den Pendicas ungeheuer wichtig. Die Gerüchte im Ort, all die Fragen, wann kommt dieser „Schandfleck“ endlich weg? Das alles hat ihnen zugesetzt. „Es war unser Zuhause“, sagt Tanina Pendica-Kapaktsis. „Auch wenn es durch den Brand zu einem Schandfleck geworden ist.“

Wofür sie und ihre Familie dabei bis heute nicht wirklich Zeit hatten, sind sie selbst. „Wir hatten bis heute keine Möglichkeit, die Tragödie zu verarbeiten“, sagt Tanina Pendica-Kapaktsis. Die Versicherung wird ihnen einen Teil des materiellen Schadens ersetzen. Einen kleinen Teil, wie sie betonen. Aber Geld kann ohnehin nicht ersetzen, was sie mit ihrem Haus verloren haben. „Meine Kinder sind dort groß geworden“, sagt Tanina Pendica-Kapaktsis. „Das Emotionale, die Erinnerungen – das kann mir keiner wiedergeben.“ Sie hätten viel Geld, aber auch Herzblut und Schweiß in das Haus investiert, vor ein paar Jahren zum Beispiel die Fassade gestrichen.

„Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden“, zitiert sie das geflügelte Wort, das Trost spenden soll. Doch das stimme nicht, das habe ihr Leben sie gelehrt: „Die Zeit heilt keine Wunden. Man lernt, damit umzugehen. Aber die Zeit heilt keine Wunden.“

Die Lücke, die das Haus in der Beckengasse hinterlässt, wenn es einmal abgerissen ist und die Trümmer abgefahren sind, sie bleibt ebenfalls. Doch sie wird sicherlich irgendwann wieder geschlossen. Wie und wann, das ist offen. „Mein Vater ist mit schwerem Herzen am Überlegen, ob er seinen Grundstücksanteil verkauft“, sagt Tanina Pendica-Kapaktsis. Und: „Die Entscheidung ist noch nicht gefallen.“

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