Fusion Vodafone/Unitymedia Was bedeutet die Fusion für die Kunden?

Hans-Jürgen Bahde, Breitbandbeauftragter der Region Stuttgart. Foto: Privat (Wirtschaftsförderungsgesellschaft)

Waiblingen/Stuttgart. Vodafone will den Kabelnetz-Anbieter Unitymedia übernehmen, der im RemsMurr-Kreis das Kabelnetz betreibt. Was bedeutet dies für die Kunden und für den geplanten Ausbau der Glasfasernetze? Die Fragen an Hans-Jürgen Bahde, Breitbandbeauftragter Region Stuttgart, stellte unser Redaktionsmitglied Martin Winterling.

Herr Bahde, Vodafone will Unitymedia übernehmen. Überrascht Sie das?

Nein das überrascht mich nicht, im Gegenteil, das ist eine durchaus nachvollziehbare strategische Entscheidung der Vodafone zur Verbesserung und zum Ausbau der eigenen Marktposition. Insbesondere der Zugang zu weiteren Endkundenpotenzialen, vor allem zu Kabelkunden, wird verbessert und die eigenen Backbone-Netze werden für die weitere Netzabdeckung im Mobil- und Festnetzbereich ergänzt, verdichtet und komplettiert.

Weniger Anbieter, weniger Markt. Was bedeutet die Übernahme für den Telekommunikationsmarkt?

Ich bin der Auffassung, dass der Wettbewerb im Markt durch diese potenzielle Übernahme - sofern sie von den Kartellbehörden gegebenenfalls unter Auflagen genehmigt wird - zunächst gestärkt wird, da ein zweiter sehr großer und wettbewerbsfähiger Player neben der Telekom im Markt entsteht. Diese beiden Unternehmen werden sich beim Dienstangebot, bei der Qualität, bei der Netzabdeckung und beim Preis einen sehr starken Wettbewerb liefern. Ich sehe allerdings auch eine Markt- und Wettbewerbsschwächung insbesondere bei den kleineren und mittleren Telekommunikations- und Dienstanbietern im Markt, einschließlich der kommunalen Versorger und Stadtwerke, die sich im Breitbandausbau bewegen. Deren Geschäftsmodelle werden durch diese Marktstellung der zwei großen Anbieter langfristig infrage gestellt, da Vodafone und Telekom durch ihre Marktmacht und die Skaleneffekte durch die vielen Endkunden eine ganz andere Preispolitik betreiben können, als die kleineren Anbieter im Markt.

Werden sich die Verhältnisse so ändern, dass die Region Stuttgart und der Rems-Murr-Kreis ihre bisherige Breitband-Strategie anpassen müssen?

Diese Marktkonzentration hat keinen Einfluss auf unsere Breitbandausbaustrategie in der Region bzw. im Rems-Murr-Kreis.

Die Gemeinde Schwaikheim hat dieser Tage den 14 Millionen Euro teuren Glasfaser-Ausbau für superschnelles Internet abgelehnt. Schnell mit VDSL2 reiche aus. Wird das Backbone-Netz ein Flop?

Das Backbone-Netz wird kein Flop, da wir in unserer Breitbandstrategie eine enge Zusammenarbeit mit der Privatindustrie vorgesehen haben. Das heißt, wenn uns die Privatwirtschaft ein leistungsfähiges und wirtschaftliches Backbone-Netz zur Verfügung stellt, um unsere definierten glasfaserbasierten Breitbandziele in der Region und im Rems-Murr-Kreis zur erreichen, werden wir durch Anpachtungen oder Kooperationen diese ebenfalls mit in den Ausbau einbeziehen.

Kritiker der Übernahme befürchten, dass der Ausbau mit Glasfaser wegen der Marktkonzentration nicht mehr voranschreitet, weil das Kabelnetz zumindest kurz- bis mittelfristig höhere Leistungen ermöglicht. Wie sehen Sie das?

In der Tat sehe ich hier eine potenzielle Gefahr, dass insbesondere der Übertragungsstandard DOCSIS 3.1 Standardbandbreiten von mehr als einem Gigabit pro Sekunde zulässt und damit für Privathaushalte, aber auch für kleine und mittelständische Betriebe durchaus die Breitbandanforderungen der nächsten Jahre abdecken kann. Dennoch handelt es sich aber um ein sogenanntes „Shared Medium“, das heißt, je mehr Anwender sich auf diesem Netz befinden, umso geringer werden die Übertragungsgeschwindigkeiten für die einzelnen Anwender. Glasfaserbasierte Netze bleiben deshalb auch zukünftig die einzigen nachhaltigen, investitionssicheren und leistungsfähigen Übertragungsnetze, um die stark steigenden Bedarfe nach Bandbreite auf Jahrzehnte hinaus abzusichern.


Breitband für alle

Im April 2017 hat die Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Region Stuttgart (WRS) Hans-Jürgen Bahde als Breitbandbeauftragten bestellt. Zu seinen Aufgaben gehört die Planung eines Backbone-Netzes, also von Glasfaser-Zubringerleitungen, an die sich kommunale Netze anschließen können. Zudem soll Bahde den Ausbau regional koordinieren und eng mit den Breitbandbeauftragten der Kreise und der Stadt Stuttgart zusammenarbeiten und sie beraten.

Bei Glasfaseranschlüssen gehört Deutschland mit einer Quote von 6,7 Prozent zu den schlecht versorgtesten Ländern in Europa.

Im Rems-Murr-Kreis startete der Ausbau des insgesamt 312 Kilometer langen Backbones Ende Februar, als der Kreistag die ersten Teilstücke des Netzes im Weissacher Tal und im Raum Welzheim ausschrieb. Vorrang beim zehnstufigen Ausbau des Breitbandnetzes im Kreis haben die Notstandsgebiete im Norden und Nordosten.

Für Bahde ist es nur eine Frage der Zeit, bis jedes Haus am Glasfasernetz hängt: „Der Druck der Bürger und des Gewerbes wird dafür sorgen, dass es überall schnelles Internet geben wird.“

An Glasfasernetzen führt kein Weg vorbei, weil der Datenhunger unermesslich ist. Der Breitbandbeauftragte sieht im Rems-Murr-Kreis gute Chancen, dass das schnelle Internet dank der Fördermittel des Bundes und des Landes speziell für den ländlichen Raum schnell vorankommt.

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