Fußball „Es gibt sicher angenehmere Trainer“

Nach dem 5:0 gegen Frankfurt löst Großaspach die Stuttgarter Kickers an der Spitze ab. Foto: ZVW

Die SG Sonnenhof Großaspach spielt in der Fußball-Regionalliga eine tolle Saison, liegt auf Platz zwei. Großen Anteil daran hat Trainer Alexander Zorniger. Seit kurzem ist er Fußball-Lehrer, hat beim Lehrgang Nationalspieler wie Stefan Effenberg und Mehmet Scholl hinter sich gelassen. Im Interview spricht er über seine Erlebnisse, seine Sicht von Fußball und darüber, was er von der SG Sonnenhof hält.

Herr Zorniger, haben Sie damit gerechnet, dass Sie mit Ihrer Mannschaft eine derart gute Rolle in dieser Saison spielen würden?

Es war relativ früh zu sehen, dass sich die Mannschaft extrem von der in der letzten Saison unterscheidet. Ich habe vor der Runde gesagt, ich brauche andere Spieler. Ich brauche mehr Athletik, mehr Schnelligkeit und teilweise auch einen anderen Charakter. Und dann haben wir bei den Neuzugängen durch die Bank gut gelegen. Deshalb haben wir auch einen großen Schritt nach vorne gemacht.

Alexander Zorniger

  • Geboren am 8. Oktober 1967 in Schwäbisch Gmünd
     
  • Sportstudium in Tübingen
     
  • Unter Markus Babbel Co-Trainer beim VfB Stuttgart in der Bundesliga
     
  • Seit der Saison 2010 Cheftrainer bei der SG Sonnenhof Großaspach
     
  • Hat seit kurzem die DFB-Lizenz und war dabei Lehrgangs-bester.

Welche Ansprüche stellen Sie denn an Ihre Spieler?

Sie müssen ein Höchstmaß an Teamfähigkeit haben. Wir spielen ein modernes System mit schneller Balleroberung und schnellem Umschalten nach vorne, da brauche ich Tempo in der Offensive. Zudem gibt es sicher angenehmere Trainer als mich.

Das bedeutet?

Ich möchte Spieler an die Grenzen bringen, ich möchte, dass sie an ihr Maximum herankommen. Dazu muss der Spieler auf der einen Seite bereit sein und auf der anderen Seite akzeptieren, dass die Wahl der Mittel dem Trainer obliegt und sie für den Spieler nicht immer gleich verständlich ist.

Das funktioniert in dieser Saison besser?

Definitiv. Weil wir nicht so viel zufriedene Spieler haben. Wir haben eine Mannschaft, die gut, aber nicht einfach zu führen ist. Und wir haben einige Spieler, die mehr Potenzial haben, als sie bisher verwirklicht haben.

Zum Beispiel?

Matthias Morys, der von den physischen Fähigkeiten absolutes Zweitligaformat hat, aber immer wieder auf den richtigen Weg gebracht werden muss. Oder Michele Rizzi oder Nico Mazzola. Unser Bestreben ist es, sie immer wieder auf ein besseres Niveau zu heben. Und da arbeiten sie gut mit.

Was fehlt noch zur absoluten Spitzenmannschaft?

Konstanz und die Fähigkeit, unser System, egal gegen welchen Gegner, durchzudrücken. Wir haben unglaublich viele Punkte gegen untere Mannschaften liegenlassen. Der eine oder andere Spieler hat dann doch das Bestreben, es sich etwas einfacher zu machen. Und das reicht dann in der Regionalliga nicht.

Durch die Stuttgarter Patzer gibt es jetzt wieder die kleine Chance auf den Aufstieg.

Ein Aufstieg ist immer das Größte. Aber meine Mannschaft ist noch nicht so weit, konstant ihre beste Leistung abzurufen. Was nutzt es mir dann, mit einer Mannschaft hochzugehen, die diese Mängel noch nicht beseitigt hat? Die kommen in der 3. Liga noch viel stärker zum Tragen.

An den Aufstieg also denken Sie in Großaspach nicht. Mit welchen Zielen gehen Sie dann in die Spiele?

Wir konzentrieren uns gerade nur auf Aufgaben, nicht auf Emotionen wie beispielsweise: Heute muss uns ein Sieg gelingen.

Was sind das für Aufgaben?

Beispielsweise im Defensivverhalten, dass wir immer wieder in kürzester Zeit Kompaktheit herstellen. Dass auf den Außenbahnen, die bei uns sehr offensiv sind, auch die hintere Position schnell wieder eingenommen wird.

Sie sind seit kurzem Fußball-Lehrer, haben die DFB-Lizenz in der Tasche. Was haben Sie dabei gelernt?

Es gab im psychologischen wie auch im fußballspezifischen Bereich ein paar Dinge, die ich bisher schon gemacht habe, aber wahrscheinlich nicht bewusst. Jetzt haben wir Hilfsmittel an die Hand bekommen, mit denen ich klarer strukturiert arbeiten kann. Man macht jetzt alles viel bewusster.

Sie waren in einer interessanten Lehrgangsgruppe, unter anderem mit Stefan Effenberg und Mehmet Scholl.

Ja, es ist schon interessant, wenn Stefan Effenberg etwas über Champions-League-Spiele erzählt. Man profitierte davon, wenn man die Ohren aufmacht. Genauso aber auch von einem Jugendtrainer. Man diskutiert eben den ganzen Tag über Fußball. Da wird einem klar: Was hast du bisher gemacht? Gibt’s vielleicht eine andere Lösung? Welche passt zu dir?

Sind die Standpunkte eines Jugendtrainers und der eines ehemaligen Nationalspielers weit auseinander?

Teilweise schon, weil die Nationalspieler versuchen, stark zu vereinfachen. Wer studiert hat, hat eher den Ansatz, das zu verkomplizieren. Im Profisport wird alles aufs Einfachste/Effektivste heruntergebrochen.

Und als Teilnehmer profitiert man davon, wenn man sich auf die Ansichten der anderen einlässt?

Genau, wenn man sich darauf einlässt. Ich bin nicht mit allen supergut ausgekommen. In so einem Kurs hat’s eben ein paar absolute Alphatypen. Und wenn die aufeinandertreffen, dann kann’s schon Schläg’ tun. Aber ich habe mir von Anfang an gesagt: „Nutz jeden aus“, also im Sinne, lerne von jedem etwas. Auch von dem, mit dem du nicht so gut auskommst. In dem Kurs wird einem klar gemacht: Es gibt keinen richtigen Weg, es gibt nur den erfolgreichen Weg.

Ist es eine Genugtuung für Sie, bei der prominenten Konkurrenz als Lehrgangsbester abgeschnitten zu haben?

Es macht mich schon stolz und das Echo in den Medien war auch für die SG gut. Die Ex-Profis haben eben andere Fähigkeiten. Sie sind zum Beispiel noch nicht acht, neun, zehn Stunden in einem Vorlesungssaal gesessen, haben aber durch ihre Profilaufbahn viel Erfahrung gesammelt, die sie weitervermitteln können.

Die SG ist ja für viele immer noch ein Retortenclub. Wie empfinden Sie das?

Im regionalen Umfeld wird der Club negativer wahrgenommen als im weiteren Umfeld. Die wenigsten aber wissen, welche Philosophie dahintersteckt. Wir liegen im Etat deutlich in der zweiten Hälfte der Liga, aber es steckt ein gutes System dahinter. Wir haben keine reinen Profis im Team. Jeder arbeitet noch oder macht ein Studium; außer dem Trainer. Die Struktur im Verein ist nachhaltig aufgebaut.

Sie fühlen sich wohl im Verein?

Ich bin ein Kind der Region. Als ich beim VfB weg bin, war klar, ich will im Profibereich bleiben. Und die SG war die Chance, in der Gegend zu bleiben. Ich fühle mich extrem wohl in Stuttgart. Ich war bisher noch nicht weit weg. Ich komme aus Schwäbisch Gmünd, ich habe in Tübingen studiert, in Bonlanden Fußball gespielt, ich wohne jetzt in Sommerain. Ich fühle mich bei der SG sehr, sehr wohl, weil ich hier auch absolut das sportliche Sagen habe. Ich habe einen extrem guten Austausch mit allen Verantwortlichen und ich habe eine absolut gute Truppe, die mir viel abgenommen hat in den zehn Monaten, in denen ich wegen des Trainerlehrgangs immer nur die halbe Woche in Großaspach war.

Wie geht’s weiter? Was können Sie, was die SG erreichen?

Ich suche natürlich auch die Herausforderung nach oben. Ich würde zwar auch wieder ein Angebot als Co-Trainer in der Bundesliga annehmen, aber grundsätzlich ticke ich mehr als Cheftrainer. Und da will ich in den nächsten Jahren sehen, wie hoch’s geht.

Und mit der SG?

Erfolg ist nur bedingt planbar. Man kann nur Leistung planen. Das versuchen wir und wollen dabei auch die Region mitnehmen. Da entsteht etwas, das weit von einem Retortenclub entfernt ist. Das ist durchdacht, da steckt viel Herzblut drin.

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