Fußball im Rems-Murr-Kreis Die Eigenständigkeit des Bezirks ist bedroht

Symbolbild. Foto: pixabay.com / CC0 Public Domain

Seit fast 43 Jahren existiert der Fußballbezirk Rems-Murr. Womöglich aber wird sein 45. Geburtstag auch schon wieder der letzte sein. Der Württembergische Verband will die Zahl der Bezirke reduzieren, und der Bezirk Rems-Murr könnte dadurch seine Eigenständigkeit verlieren. Die Entscheidung darüber soll beim Verbandstag 2021 fallen.

Bisher, so der Bezirksvorsitzende Patrick Künzer, sei noch nichts entschieden. Eine Kommission jedoch prüfe, wie die Gebiete künftige sinnvoller gestaltet werden können.

Worum geht es bei der Gebietsreform?

Die Zahl der Bezirke, aktuell sind es 16, soll reduziert werden. In der Diskussion waren bereits neun neue Bezirke, Patrick Künzer hält zwölf für realistischer.

Doch warum will der Verband weniger Bezirke? Ausschlaggebend ist: Die Mitgliederzahlen der Fußballvereine sinken. Die kleineren Bezirke haben Probleme, ihre Staffeln zu füllen. So bringt beispielsweise der Bezirk Zollern in seinen beiden Kreisligen A nur noch 14 Mannschaften zusammen. Er bietet von Bezirks- bis Kreisliga B insgesamt nur sechs Staffeln auf, der Bezirk Riß sogar nur fünf. Große Bezirke dagegen wie Enz/Murr oder Neckar/Fils füllen ihre Bezirksligen mit 17 Mannschaften (Normzahl 15) und die A-Ligen zusätzlich noch mit 16 Mannschaften. Diesen Trend bestätigt Patrick Künzer: „Es gibt zu wenig Mannschaften, deshalb werden die Staffeln kleiner. Und es brechen immer mehr weg.“

Der Spielbetrieb leidet, gleichzeitig die sportliche Wettbewerbsfähigkeit der Bezirke – und irgendwann die des Verbandes. Das will der WFV verhindern. In jedem Bezirk soll es ausreichend Teams geben für einen Spielbetrieb in ordentlicher Qualität.

Was bedeutet das für den Bezirk Rems-Murr?

Der Bezirk könnte seine Eigenständigkeit verlieren. Er zählt zu den kleinsten Bezirken. Künzer sieht für den Bezirk Rems-Murr allerdings keine Notwendigkeit zu einer Fusion: „Es funktioniert ja alles.“ Er fürchtet dennoch, „dass wir das auf Dauer nicht verhindern können“.

Künzer bringt deshalb einen eigenen Vorschlag ins Spiel: Es sollen nicht Bezirke zusammengelegt, sondern von Grund auf neu eingeteilt werden, so dass alle in vergleichbarer Größe aufgestellt sind. „Das würde bedeuten: Kürzere Strecken, mehr Derbys, und wir wollen ja alle mehr Zuschauer auf dem Platz.“

Genau das aber geschieht nicht, würde der Bezirk beispielsweise mit Hohenlohe oder Unterland zusammengelegt. Beide Bezirke haben – wie auch Enz/Murr, Neckar/Fils, Ostwürttemberg und Stuttgart – eine gemeinsame Grenze mit dem Bezirk Rems-Murr und sind deshalb als Partner in der Diskussion. Dass sein Vorschlag allerdings umgesetzt wird, das sieht selbst Künzer als „nicht sehr realistisch“ an.

Was könnte mit dem Bezirk Rems-Murr geschehen?

Er könnte eigenständig bleiben. Das ist allerdings angesichts der Verbandsbestrebungen nicht realistisch. Er könnte mit dem Bezirk Stuttgart verschmelzen. Mit dem arbeitet er bereits im Frauenbereich zusammen, und bis 1976 waren Stuttgart und Rems-Murr ohnehin schon ein gemeinsamer Bezirk.

Theoretisch möglich wäre auch eine Fusion mit Ostwürttemberg, Unterland oder Hohenlohe, die ebenfalls direkt an den Bezirk Rems-Murr grenzen. Allerdings brächte das für alle sehr weite Fahrtstrecken mit sich.

Eine Fusion mit Enz/Murr und Neckar/Fils scheint am unwahrscheinlichsten, da die beiden größten Bezirke voraussichtlich nicht noch größer gemacht werden sollen.

Wie ist der weitere Ablauf?

Der urspüngliche Auftrag des Verbandes 2015 lautete, die Spielklassenstruktur zu überarbeiten. Der daraus resultierende Vorschlag, eine Verbands-, drei Landesligen, neun – neue – Bezirks-Oberliga-Staffeln, darunter die Bezirksliga zu installieren, scheiterte am Protest der Bezirke.

Daraus ergab sich der Plan, die Gebiete zu überprüfen und eventuell zu reformieren. Daran arbeitet derzeit eine Kommission. Bis zum Verbandstag 2021 soll sie ihre Vorschläge vorlegen. Stimmt ihnen der Verbandstag zu, begänne sofort die Umsetzung, die sich, das vermutet Patrick Künzer, bis 2024 hinziehen könnte. Die Vereine sollen 2019 in vier Regionalkonferenzen über das Projekt und die Erkenntnisse der Kommission informiert werden. Eine Regionalkonferenz findet am 16. April im Bezirk Rems-Murr statt. Der Ort ist noch offen.

Rems-Murr-Chef Künzer rechnet nicht damit, dass alles bleiben kann, wie es ist. Grundsätzlich kann er die Beweggründe des Verbandes nachvollziehen. Er sagt allerdings auch: „Wenn das so kommt, bin ich raus.“ Ihm ist die Nähe zu den Vereinen wichtig. In einem großen Bezirk wäre das nicht mehr umsetzbar.


Statistik

Die Zahl der Vereine im Bereich des WFV ist von 2005 bis 2017 (aktueller Zahlen gibt es nicht) von 1634 auf 1591 zurückgegangen. Im Bezirk Rems-Murr von 80 auf 77. 2001 waren es noch 95 Mannschaften.

Rems-Murr steht damit gemeinsam mit Zollern und Nördlicher Schwarzwald auf dem vorletzten Platz. Mit nur 60 Vereinen ist Riß Schlusslicht. Der Bezirk Neckar/Fils führt mit 132 Vereinen vor Ostwürttemberg und Enz/Murr (jeweils 128).

Die Zahl der Jugendmannschaften hat sich von der Saison 2016/17 auf 17/18 von 8367 Teams auf 8473 erhöht. Im Bezirk Rems-Murr ging sie jedoch von 493 auf 475 zurück. Zum Vergleich: 2001 waren es über 500.

Allerdings ist in den zurückliegenden Jahren die Zahl der Jugend-Spielgemeinschaften im Verband explodiert: 2005 waren es noch 752 Spielgemeinschaften, in der aktuellen Spielzeit sind es 2115.

Eine aktuelle Statistik über die Zahl der Aktiven-Mannschaften gibt es derzeit nicht. Einige Einzelwerte aus WFV-Veröffentlichungen im Jahr 2016: Enz/Murr 207 Mannschaften, Neckar/Fils 199 Mannschaften, Donau/Iller 129, Böblingen/Calw 130, Donau 107, Ostwürttemberg 148. Im Bezirk Rems-Murr sind es aktuell 129 Männer- und 11 Frauenteams.

Schon einmal wollte der Verband die Bezirke neu strukturieren. Im Jahr 2000 sollte Rems-Murr mit den Stuttgartern fusionieren. Damals stemmten sich die Bezirke erfolgreich dagegen.

Die Rems-Murr-Handballer haben schon im Jahr 2000 mit Stuttgart fusioniert. Dennoch beschäftigen sich die Handballer bereits seit eineinhalb Jahren mit einer Spielklassenstrukturreform. Die Struktur auf Verbandsebene soll zum Spieljahr 2020/21 umgestellt werden.

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