Fußball im Rems-Murr-Kreis Duell Alt gegen Jung: War früher alles besser?

Der Alte (Klaus Bihlmaier) erklärt den Jungen (Max Grau und Simeon Kramer), wo’s langgeht? So brav haben die beiden Jungen nicht lange zugehört. Foto: Ralph Steinemann

Früher war alles besser. Und die Kicker von heute können denen von früher niemals das Wasser reichen. Alt gegen Jung – da prallen Welten aufeinander und wir haben das ganz bewusst arrangiert. Wer setzt sich durch im Duell der Generationen?

Die Duellanten: Klaus Bihlmaier (62), früher Stürmer beim 1. Amateurligisten VfL Schorndorf (damals dritthöchste Liga), später Trainer, zuletzt beim Landesligisten TSV Schornbach. Maximilian Grau (23), Spieler beim Bezirksligisten SSV Steinach-Reichenbach, spielte in der Oberliga-B-Jugend der TSG Backnang. Simeon Kramer (25), war Spieler und dreieinhalb Jahre Trainer der zweiten Mannschaft der Spvgg Rommelshausen.

Klaus Bihlmaier: Wir hatten früher eine ganz andere Einstellung. Wir wären nie im Leben in der Vorbereitung oder während der Saison in Urlaub gegangen.

Simeon Kramer: Es gibt heute eben nicht mehr nur den Fußball. Es gibt 1000 Dinge, die wichtiger sind oder genauso wichtig. Und deshalb entscheiden sich Spieler eben manchmal für etwas anderes.

Max Grau: Fußball ist Hobby. Der Beruf ist wichtiger, und oft kann man eben nur Urlaub während der Saison nehmen.

Simeon: Unsere Generation unterscheidet sich von früheren, weil die Einflüsse von außen viel größer sind. Und dann entscheidet sich der eine oder andere eben für den Familienurlaub statt für das Fußballspiel.

Bihlmaier: Das ist eine Einstellungssache. Früher hast du gesagt, ich spiele Fußball, das ist neben Familie und Beruf der Mittelpunkt und dem ordne ich alles unter.

Simeon: Willst du jetzt behaupten, dass der 30-jährige Kapitän mit Kindern eine falsche Einstellung hat, bloß weil er nur in den Sommerferien mit seinen Kindern in den Urlaub kann?

Bihlmaier: Urlaub ist das eine, Kritikfähigkeit das andere. Wenn mich der Trainer früher zusammengeschissen hat, hab ich mir gesagt: Dir zeige ich’s. Wenn ich heute einen Spieler kritisiere, dann geht der. Das ist doch Feigheit.

Simeon: Ja, die Spieler sind heute weniger kritikresistent, vor allem die jungen.

Max: Man wächst ja heute auch fast ohne Kritik auf. Überall wird man gelobt, alles, was man macht, ist gut. In der Erziehung, in der Schule. Dann kommt man zu den Aktiven, wird kritisiert oder angeschrien. Da ist es für mich verständlich, wenn ein junger Spieler damit Probleme hat.

Bihlmaier: Aber wie intelligent muss ich sein, wenn ich denke, ich komme aus der Jugend raus und bin Ronaldo? Zu meiner Zeit war das so: Da kommen die Jungen aus der A-Jugend und sind als Erstes gleich mal samt Ball auf der Aschenbahn gelandet. Dann hast du gesehen, wer sich durchbeißt. Die haben auf die Socken gekriegt ohne Ende. Warum? Der Alte hat gewusst: Der will meinen Platz, da gibt’s Feuer. Heute stellen sich Spieler nicht mehr dem Kampf.

Simeon: Das kann ich leider nicht entkräften.

Die Jungen überschätzen sich doch alle

Bihlmaier: Heute sagen sie: Ich bin so gut, ich will spielen. Wenn ich nicht spiele, gehe ich woanders hin. Die Jungs überschätzen sich und sind dann zu feige, in den Wettkampf zu gehen, um dem Sportkameraden zu beweisen, dass sie der Bessere sind.

Max: Es stimmt, die Jungen lassen sich von den Älteren deutlich weniger sagen. Die Hierarchie, die es früher in der Mannschaft gab, gibt’s heute nicht mehr. Ich glaube, die Vereine müssen Spieler anders einbinden.

Simeon: Wir fahren in Rommelshausen die Schiene, dass wir viele junge Spieler einbinden in die Jugendmannschaften als Co-Trainer oder Betreuer, damit mehr Identifikation mit dem Verein geschaffen wird. Dann ist auch die Kritikfähigkeit höher, dann geht der nicht gleich beim ersten Gegenwind.

Bihlmaier: Und wie lange hat’s gedauert, bis ihr das hingekriegt habt?

Simeon: Ewig.

Bihlmaier: Die meisten überschätzen sich heute doch vollkommen. Und dann ist es auch noch wichtiger, bunte Schuhe und tolle Frisuren zu haben.

Max: Das wird ja vorgelebt von Messi oder Ronaldo. Folglich gibt es auch kaum noch andere Schuhe zum Kaufen. Das ist aber keine Einschränkung der fußballerischen Leistung.

Simeon: Man braucht die neuesten Schuhe, damit man cool ist und dazugehört, vor allem im Jugendbereich. Wir wachsen in einer Gesellschaft auf, in der es um Äußerlichkeiten geht, Instagram, Facebook. Da ist es doch klar, dass junge Spieler auch im Fußball Wert auf Äußerlichkeiten legen. Aber die bunten Schuhe sind nicht wichtiger als der Erfolg der Mannschaft.

Bihlmaier: Aber ich versteh’s nicht, dass ein Kreisliga-B-Reservespieler mit Fußballschuhen für 280 Euro aufläuft.

Simeon: Warum denn nicht?

Bihlmaier: Bei der Qualität würden’s auch ein paar Schuhe tun für 90 Euro. Ich hab früher als Trainer auch Spieler gehabt, die sich nach dem Spiel oder dem Training tausend Mittel auf die Haut geschmiert haben. Aber jetzt erlebe ich, dass sich Spieler, bevor sie auf den Platz gehen, auch noch die Haare richten.

Simeon: Aber das ist doch egal, wenn er Leistung bringt. Bei euch Alten ist ein Spieler doch von Anfang an unten durch, nur weil er bunte Schuhe hat oder sich die Haare gelt.

Diese Bumm-Bumm-Musik stört doch nur die Konzentration

Bihlmaier: Ich muss mich doch als Spieler aufs Spiel vorbereiten, da ist doch das Äußerliche völlig nebensächlich. Oder der Kreis, den heute alle vor dem Anpfiff machen. Wozu? Fürs Team? Da lassen sie drei Schreie raus und wenn zehn Minuten gespielt sind, meckern sie sich gegenseitig an. Für mich ist das alles nur Show. Und dasselbe ist es mit der Musik. Bumm, bumm, bumm. Da stehen Riesenboxen in der Kabine. Wofür? Um uns zu motivieren, sagen die Spieler. Wir brauchen das.

Simeon: Da hast du’s doch schon. Außerdem: Die Musik läuft nur beim Umziehen, nicht mehr, wenn der Trainer kommt. Das ist das Ritual der Spieler vorm Spiel.

Bihlmaier: Ihr werdet mir doch nicht sagen wollen, dass ihr euch bei dieser Musik auf das Spiel konzentrieren könnt?

Max und Simeon: Aber das ist doch bei den Profis genauso, jeder hat Kopfhörer auf.

Bihlmaier: Aber doch nicht in der Kabine.

Max und Simeon: Doch, gerade in der Kabine!

Bihlmaier: Da können wir gleich Ulle (Sven Ulreich) anrufen und fragen, wie’s beim FC Bayern ist. (Will sein Handy zücken)

Simeon: Hast du Instagram?

Bihlmaier: Nein.

Simeon: Wie viele Videos werden da von den Bayern-Spielern gepostet, auf denen sie in der Kabine rumtanzen mit Musik, auch vor dem Spiel beim Warmmachen? Natürlich: Wenn der Trainer reinkommt oder der Schiedsrichter, ist die Musik aus.

Max: Es ist doch völlig egal, ob da Musik vor dem Spiel läuft. Die Spieler sind damit aufgewachsen.

Bihlmaier: Aber bei dem Getöse kann sich doch keiner konzentrieren.

Simeon: Es geht weniger ums Konzentrieren als ums Puschen.

Max: Das verbessert die Gemeinschaft.

Bihlmaier: Also, wenn man in der Landesliga, wo’s um Kohle geht, einen Spieler mit Musik motivieren muss …

Simeon: Nur weil ihr Alten es nicht kennt, heißt das nicht, dass es schlecht ist. Wir sind damit aufgewachsen, wir sind das gewöhnt. Uns puscht das, uns motiviert das.

Bihlmaier: Spitzensportler gehen vor dem Wettkampf in den Tunnel, das schafft ihr mit eurer Musik nicht. Das schafft ihr nicht!

Simeon: Ich finde es arrogant, dass die Alten immer sagen: Das war früher nicht so, das ist schlecht.

Max: In der Bundesliga untermalt beispielsweise Julian Nagelsmann sogar seine taktische Ansprache oder die motivierende Ansprache kurz vor dem Spiel mit Musik. Dazu hat er sicher Gründe.

Bihlmaier: Ja, heute wird sowieso alles viel zu kompliziert gemacht. Dabei ist Fußball immer noch ganz einfach. Wir müssen ein Tor mehr schießen als die anderen.

Simeon: Ja, manchmal wäre es nicht schlecht, den Fußball wieder auf die grundlegenden Dinge zu reduzieren. Aber der Fußball ist nun mal komplexer geworden. Wenn ich den Nagelsmann sehe, dann sag ich mir doch als Trainer: Mensch, das ist geil, das will ich auch umsetzen. Das ist doch völlig normal. Ich versteh nicht, dass das ein Problem ist.

Bihlmaier: Das ist kein Problem, aber du kannst das da unten doch nicht umsetzen.

Simeon: Aber einen Teil davon schon. Und das versuche ich.

Bihlmaier: Bei den vielen taktischen Vorgaben nehmen wir dem Spieler doch auch den Spaß. Heute spielt keiner mehr aus dem Bauch heraus.

Max: Einspruch: Wenn wir (der SSV Steinach-Reichenbach) in der Bezirksliga ohne taktische Vorgaben spielen würden, würden wir keinen einzigen Punkt holen. Der Gegner ist eben auch taktisch gut geschult.

Bihlmaier: Ihr mit eurer Taktik. Dazu bunte Kickstiefel (kurzes lautstarkes Tohuwabohu) und laute Musik. Aber wenn ich einem Kreisliga-B-Spieler die Taktik von Nagelsmann erkläre, der wird das nie kapieren.

Simeon: Das sehe ich nicht so.

Spieler werden hofiert, kommen mit der Badetasche ins Training

Bihlmaier: Und dann werden die Spieler auch noch viel zu sehr hofiert. Die laufen mit der Badetasche ins Training, alles ist schon gewaschen und liegt im Schrank bereit, zu jedem Trainingstag.

Max: Das sind Einzelfälle.

Simeon: Es gibt leider immer weniger Vereine, die kein Geld zahlen, immer weniger, bei denen das Umfeld passt. Dafür gibt’s immer mehr Vereine, die ihre Spieler bezahlen, betüteln, die Handtücher und Trikots in die Kabine hängen. Aber das ist ein Prozess, der nicht aufzuhalten ist.

Bihlmaier: Bei uns war Geld nie das Kriterium. Wir jungen Spieler waren noch per Sie mit den älteren Spielern. Wir hatten großen Respekt vor denen.

Simeon: Das ist heute anders, aber ich würde nicht den Fußballern oder unserer Generation die Schuld geben. Unsere Gesellschaft ist so schnelllebig und so global geworden, es gibt nicht mehr nur den Fußballverein im Ort, sondern so vieles anderes, das interessant ist.

Bihlmaier: Aber glaubt ihr nicht, dass sich die Spieler heute überschätzen?

Simeon: Manche vielleicht. Aber wir leben in einer Zeit, in der es um die Außendarstellung geht. Es ist wichtig, sich gut darzustellen, beispielsweise auf Facebook oder Instagram; tolle Haare, bunte Schuhe zu haben. Aber wenn man mit denen redet und hört, dass es ihnen auch nur um den Teamerfolg geht, ist mir egal, welche Schuhe die anhaben.

Bihlmaier: Und quälen die sich auch für den Erfolg oder gehen sie den leichten Weg?

Simeon: Die Tendenz, sich den Arsch aufzureißen, ist sicher niedriger als früher. Aber die Äußerlichkeiten, die heute immer wichtiger sind, haben nichts damit zu tun, welchen Charakter ein Spieler hat oder wie er sich für die Mannschaft einsetzt. Das ist nur Außendarstellung!

Bihlmaier: Deswegen ist heute auch die Qualität niedriger.

Max: Das sehe ich überhaupt nicht so. Steck heute mal einen Pelé in die Mannschaft von Barcelona - keine Chance.

Bihlmaier: Falsch. Gegen Stan Libuda (Dribbelkünstler, in den 1960er Jahren beim FC Schalke und bei Borsussia Dortmund) würde der Ronaldo heute noch Kreislaufprobleme bekommen.

Simeon: Das stimmt nicht. Das spielerische Niveau vor 40, 50 Jahren war viel limitierter als heute. Das taktische und technische Niveau heute ist viel, viel höher. Was muss ein guter Innenverteidiger heute mitbringen? Nicht nur zwei Meter Körpergröße und Zweikampfstärke, sondern guten Spielaufbau, Diagonalbälle in die Spitze. Er eröffnet das Spiel. Das kann man mit damals nicht vergleichen. Von den Spielern wird viel mehr erwartet, technisch wie taktisch.

Bihlmaier: Wir reden doch von den unteren Ligen und nicht von der Bundesliga. Und die sind technisch sicherlich nicht stärker als früher. Und ihr Fußballer heute lauft auch nicht mehr als wir früher. Ihr spielt heute einen Fußball 20 Meter vor und hinter der Mittellinie. Ihr spielt Pressing und versucht, das Spielfeld so eng wie möglich zu machen. Früher mussten wir immer als Außenstürmer den Verteidigern hinterherrennen.

Max: Du hast in einem recht: Heute kommt alles nur aufs Kurzpassspiel an und das im Zentrum. Früher waren es mehr Einzelaktionen, die den Unterschied gemacht haben, heute ist es das Kollektiv.

Simeon: Heute wird nicht mehr versucht, ins Eins-gegen-eins zu gehen. Ziel ist, sich mit sauberen Kombinationsketten vors Tor zu spielen.

Bihlmaier: Aber wie viel können das in eurer Liga? Wenn ihr mir was erzählen wollt von Taktik, dann brauche ich auch alle Spieler im Training. Und die hast du nicht. Wie wollt denn ihr sonst Taktik üben?

Simeon: Das ist halt das Leid von Trainern in den unteren Ligen, dass Fußball nicht mehr die Nummer eins ist im Leben.

Bihlmaier: Und nach dem Training oder Spiel rennen alle gleich weg. Wo ist da die Gemeinschaft?

Simeon: Die Frage ist schon berechtigt: Warum sitzt man nach dem Training nicht noch zusammen? Das heißt aber nicht, dass wir ein weniger gutes Team sind als ihr früher.

Max: Wir machen halt andere Sachen, treffen uns in kleineren Gruppen in unterschiedlicher Zusammensetzung. Trotzdem wäre es schön, wenn man nach dem Spiel noch länger zusammensitzen würde.

… Und weil das ein Satz ist, auf den sich alle drei einigen können, soll’s das jetzt gewesen sein.


Und dann waren da noch ...

Fast drei Stunden lang haben Klaus Bihlmaier, Max Grau und Simeon Kramer diskutiert und gestritten. Zuweilen waren sie sich einig, zuweilen ging es hoch her. Das Interview oben kann nur einen Teil des Gesprächs wiedergeben. Debattiert wurde unter anderem auch über Vereinskultur, die Taktik des modernen Fußballs (und warum Dribbler kaum noch gebraucht werden), die Probleme des Ehrenamts und dass sich gerade jüngere Spieler wieder mehr engagieren.

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