Fußball Vom Torjäger zum Heuandi

Zu Zeiten, da auch im Rems-Murr-Kreis noch Hunderte von Zuschauern Fußballspiele besuchten, als die Kreis-Vereine die Landesliga beherrschten, da dirigierte Andi Hilf den SC Urbach und schoss zudem Tor um Tor. Diese Karriere liegt lange hinter ihm, eine andere dagegen hat er erst begonnen: die als Heuandi.

Pfiffig war Andi Hilf (45) schon immer. Dazu auf dem Fußballfeld kaum zu halten und vor dem Tor eiskalt. Für die Stuttgarter Kickers hat er gespielt, für den SC Korb in dessen guten Zeiten und seinen Heimatverein, den SC Urbach.

Mit 16, erinnert er sich, sei er immer mit dem Fahrrad – die Kickschuhe im Gepäck – zum Training der Aktiven vom TSV Urbach gekommen und habe gehofft, dass eine ungerade Zahl an Spielern auf dem Platz steht. Dann standen die Chancen gut, dass Trainer Wolfgang Tinter den Jugendspieler zum Abschlussspiel auf den Platz winkte.

So verrückt waren die 80er noch. Die Urlaubszeit musste sich nach dem Fußball richten, nicht umgekehrt wie heute. „Für mich gab’s nur Fußball“, sagt Hilf. Und so spielte er auch schon mit 17 in der ersten Mannschaft.

Andi Hilf (45) wurde in der Saison 1996/97 im Trikot des SC Urbach Landesligatorschützenkönig. 21-mal hatte er getroffen. Für den SCU spielte er 165-mal in der Landesliga und erzielte 101 Tore.

Der SC Urbach hielt sich in den 90er Jahren immer im Mittelfeld der Landesliga, bis er 1999 abstieg.

Das Heu erntet Hilf zwischen Mai und August. Schneiden, mehrfach wenden, pressen, dann wird’s eingelagert, verpackt und ausgeliefert. Geernet wird in der Nähe von Lorch und rund um Urbach.

Hilf hat Großabnehmer wie ein Zoogeschäft in Lörrach, das 100 Kilo im Monat bekommt, und auch Kleinabnehmer, oft Frauen.

Zusätzlich zum Heu bietet er Knabberholz an und Kork, den er aus Portugal bezieht. Kork ist für alle Nagetiere, Terrarien und für Vögel geeignet .

400 Zuschauer beim Landesligakick

Er hat die große Zeit des SC Urbach mitgestaltet, als regelmäßig 400 und mehr Zuschauer hinter der Balustrade saßen und den SC gewinnen sehen wollten. Oder Spielertrainer Jonny Fotarellis mit seiner langen Mähne; das betraf den weiblichen Teil.

Während der Grieche lange wieder weg war, versuchte Andi Hilf den SC noch über die Jahrtausendwende in der Landesliga zu halten. Ganz hat’s nicht gereicht. 1999 stieg der SCU ab, mit Hilf als Spielertrainer. Ein Jahr in der Bezirksliga hängte er noch dran, dann wollte der Körper nicht mehr mitmachen. Die Hüfte!

Und was nun? In der Nähe von Lorch hat die Familie ein Grundstück. Schwester Jutta hält dort Alpakas und Pferde. Hilf half dort unter anderem bei der Heuernte. Einmal, erzählt er, war die Ente viel zu ergiebig gewesen. Wohin jetzt mit dem Zeug?

„Da hab ich mir gedacht: Es gibt doch bestimmt Menschen in der Stadt, die kein Auto haben und die Heu brauchen für ihre Hasen oder Meerschweinchen. Wie kommen die zu ihrem Heu?“

Er setzte eine Anzeige ins Internet – „und dann ging das los.“ Ein Kaninchenforum wurde darauf aufmerksam, bestellte Heu, testete es und gab den Tipp weiter. Seitdem ist Andi Hilf, der sein Heu auf der Internetseite www.heuandi.de anbietet, gut im Geschäft. 72 Kilogramm verkaufte er im ersten Monat, heute verschickt er monatlich im Schnitt fünf Tonnen. Früher packte er zwei Kartons in sein Auto und fuhr zur Post, „heute kommt der Lkw“ zu ihm. Früher machte er alles selbst („Ich hab von morgens sieben bis Mitternacht gearbeitet“), vor einem Jahr hat er einen Mitarbeiter (Klaus Fritz) eingestellt. Der Umsatz stieg noch einmal um 50 Prozent.

Im Urbacher Industriegebiet hat er ein kleines Büro mit großer Halle und mittlerweile zusätzlich ein Außenlager. Acht Meter hoch würden hier die Heuballen gestapelt, nach Qualitätsstufen getrennt, denn: „Heu ist nicht gleich Heu.“

Zwei Schnitte gibt es. „Für die Ernährung ist der erste Schnitt besser“, sagt der Heuexperte. Der zweite allerdings hat mehr Eiweiß, duftet stärker und schmeckt wohl auch besser. „Aber wenn du zu viel davon fütterst, dann gibt das Matschkot und Blasengrieß.“

Davon hatte der Fußballer Andi Hilf keine Ahnung. Der aber bekam auch keine Post vom sowjetischen Landwirtschaftsministerium, aus Belgien, aus Wien oder Yokohama wie heute der Heuandi. Anselm Reyle, ein Künstler aus Tübingen, orderte spezielle Ballen für ein Kunstwerk. Sogar nach Tunesien hat Hilf schon geliefert. „Da hat mir eine deutsche Familie geschrieben: Hier gibt’s weit und breit kein Heu.“ Aber in Urbach.

Apfelbäume zum Knabbern

Was es hier auch gibt, sind Obstbäume. Die werden nach der Ernte zurechtgestutzt. Um diese Zeit treibt es auch den Heuandi auf die Wiese. Er fragt dann die Besitzer, ob er die abgeschnittenen Äste mitnehmen kann. Die Leute wundern sich, sind aber auch froh, das Holz los zu werden. Andi Hilf wiederum macht das Holz noch ein bisschen kleiner und verkauft es als Knabberholz. Bei den eigenen Hasen hatte er nämlich bemerkt: „Die nagen das gern ab.“

Rund um die Uhr muss Andi Hilf mittlerweile nicht mehr arbeiten, gut beschäftigt ist aber allemal. Der Fußball, der einmal alles für ihn war, spielt jetzt nur noch eine Nebenrolle: Andi Hilf beteiligt sich am Bundesliga-Tippspiel des Zeitungsverlags Waiblingen. Aktuelle Platzierung: 387.

Darüber kann der Heuandi nur müde lächeln. Denn in der Heuliga spielt er ganz vorne mit.

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