Geisterspiele im Fußball Was bedeutet das für die Fans?

, aktualisiert am 10.03.2020 - 16:25 Uhr
Die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus könnte nun auch für den deutschen Sport große Konsequenzen haben. Foto: Wolfgang Kumm/dpa Foto: dpa

Stuttgart.
Schmunzelnd machte Mittelfeldspieler Gonzalo Castro in dem drohenden Zuschauer-Ausschluss sogar einen Wettbewerbsvorteil für den VfB Stuttgart aus. Zweimal nacheinander muss der VfB im Aufstiegsrennen der 2. Liga nun auswärts ran, als Folge der Ausweitung des Coronavirus möglicherweise in ungewohnter Atmosphäre in beinahe leeren Stadien. „Es ist gut, dass wir Geisterspiele haben. Ich bin da großer Hoffnung, dass wir da gewinnen werden“, sagte der Routinier augenzwinkernd. Auch der Castro weiß, wie wenig aufstiegsreif sich der VfB Stuttgart in fremden Stadien in dieser Saison bislang präsentiert hat.

VfB spielt in Kiel ohne Zuschauer

Am Dienstagmittag war noch offen, ob es für die Stuttgarter beim SV Wehen Wiesbaden in trostloser Leere wie bei anderen Fußballpartien weitergeht. Sicher vor leeren Rängen stattfinden wird die Partie der Schwaben gegen Holstein Kiel am 21. März. Nach Bayern hat am Dienstagnachmittag auch Schleswig-Holstein Veranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen bis Karfreitag (10. April) verboten. Das 1:1 im Spitzenspiel gegen Arminia Bielefeld vor mehr als 54 000 Zuschauern war also womöglich für den VfB die vorerst letzte vor Publikum, nachdem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) empfohlen hatte, Veranstaltungen ab einer Größe von 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern bis auf weiteres abzusagen. „Ich bin ganz froh, dass die nächsten zwei Spiele auswärts sind“, sagte Verteidiger Pascal Stenzel. „Zuhause auf die Fans zu verzichten, tut noch mehr weh.“ 

Aber was bedeutet der Zuschauerausschluss für die Anhänger? Wer kann davon profitieren, und wer leidet besonders? Wir beantwortet die wichtigsten Fragen:

Wie sind Entschädigungen für Ticket-Inhaber im Fall von Geisterspielen geregelt?

Wenn Ticket-Inhaber von einem Spiel ausgeschlossen werden, können sie nach Ansicht von Verbraucherschützern ihr Geld vom Veranstalter zurückverlangen. „Der Veranstalter kommt damit seiner Leistungspflicht nicht nach“, sagt Parsya Baschiri, Verbraucherrechtsberater der Verbraucherzentrale Bremen. Gibt es Unterschiede zwischen Tagestickets und Dauerkarten-Inhaber? Einfach stornieren können Betroffene ihre Dauerkarte aus Sorge vor dem neuen Coronavirus nicht. „Allerdings ist es möglich, für eine einzelne Veranstaltung, die abgesagt wurde, den Preis anteilig zu ermitteln“, sagt Baschiri. Betroffene können sich diesen Betrag nach Auffassung des Verbraucherschützers zurückerstatten lassen – selbst wenn es in den AGB anders steht. Besitzer einer Dauerkarte sollten sich an die Kartenvorverkaufsstelle oder den Veranstalter wenden.

Wie viel Geld nehmen die Vereine bei ihren Spielen ein?

Rund 520 Millionen Euro kassierten die 18 Erstligisten in der vergangenen Saison durch direkte Spieleinnahmen - hauptsächlich Ticketverkäufe. Das sind rund 13 Prozent des Gesamtumsatzes der Clubs, wie aus dem DFL-Wirtschaftsreport 2020 hervorgeht. Zum Vergleich: Einen noch größeren Teil ihrer Einnahmen erzielen die Vereine durch Medienerlöse (rund 37 Prozent), Werbung (21 Prozent) und Transfers (rund 17 Prozent). In der 2. Liga erwirtschaftetet die 18 Teams in der abgelaufenen Spielzeit über Spieleinnahmen 131,1 Millionen Euro, was einem Anteil von knapp 17 Prozent des Gesamtumsatzes (782 Millionen Euro) ausmacht.

Was bedeutet der drohende Einnahme-Ausfall für Clubs in anderen Sportarten und unteren Fußball-Spielklassen?

Einige Verantwortliche fürchten um nicht weniger als die Existenz. „Wenn wir keine Tickets verkaufen könnten und sogar noch Geld zurückzahlen müssten, wäre das ein finanzielles Desaster“, sagte Sebastian Schmidt von den Basketball Löwen Braunschweig der Braunschweiger Zeitung. Anders als die Fußball-Bundesligisten, die Millionensumme durch den Fernsehvertrag generieren, sind Clubs aus anderen Sportarten oder dem Amateurfußball weit mehr auf Einnahmen durch die zahlenden Zuschauer angewiesen. Drittligist 1. FC Kaiserslautern muss zum Beispiel elf Millionen Euro auftreiben, um die Lizenz für die kommende Spielzeit zu bekommen - den Ticket-Vorverkauf stellten die Pfälzer vor lauter Ungewissheit aber erstmal ein. Spielabsagen wären für Vereine aus 3. Liga und Regionalliga womöglich sogar die bessere Alternative zu Geisterspielen.

Wie wird sichergestellt, dass tatsächlich keine Fans in die Stadien gelangen?

In Mönchengladbach sollen Ordner dafür sorgen, dass keine Fans zum Rheinderby gegen den 1. FC Köln am Mittwochabend in den Borussia-Park kommen. Bremens Innensenator Ulrich Mäurer ist in Bezug auf das Geisterspiel zwischen Werder und Bayer Leverkusen am kommenden Montag im Austausch mit den Bremer Vereinsverantwortlichen. Er sorgt sich auch darum, dass sich möglicherweise Fans außerhalb des Stadions versammeln könnten. „Im Zweifel müssen wir auch dann wieder starke Polizeikräfte zur Verfügung stellen“, sagte er.

Wie reagieren die übertragenden Sender auf Geisterspiele?

Hinter den Kulissen wird über kostenfreie TV-Übertragungen bei möglichen Geisterspielen der Fußball-Bundesliga diskutiert. Eine Entscheidung gibt es aber noch nicht, die ARD hat Live-Übertragungen ausgeschlossen. Der Pay-TV-Sender Sky überträgt für seine Kunden die Partien am Samstag und Sonntag. Der ebenfalls kostenpflichtige Streamingdienst DAZN zeigt am Freitag die Begegnung Fortuna Düsseldorf gegen SC Paderborn. In Liga zwei werden alle Spiele von Sky übetragen.

Rechnen Fan-Kneipen jetzt mit einem Ansturm?

Für das stadionnahe Dortmunder Sportlokal Mit Schmackes ist das Geisterspiel im Revierderby zwischen dem BVB und Schalke eine „mittlere Katastrophe“. Die Tische seien ohnehin schon seit fünf Wochen ausgebucht, sagt Geschäftsführer Christopher Reinecke, der das Lokal vor vier Jahren mit dem ehemaligen Dortmund-Profi Kevin Großkreutz eröffnete. Ihm entgingen nun durch den Ausschluss des Publikums vor und nach dem Spiel hunderte Reservierungen von Stadiongängern. „Bei 300 Reservierungen und etwa 20 Euro Umsatz pro Person, kann man sich ja ausrechnen was uns dabei entgeht“, sagt Reinecke.

Andere Kneipen wittern dagegen die Chance auf höhere Umsätze: In der Münchner Sportsbar Cafe Schiller wolle man im Falle des möglichen Zuschauer-Ausschlusses bei kommenden Heimspielen für einen Ansturm der Fußballfans alle Kapazitäten frei machen, sagte Eigentümer Walter Staudinger. „Eventuell werden wir dann Sitzplätze zu Stehplätzen umfunktionieren, damit mehr Leute Platz finden.“ Die Bayern spielen an diesem Samstag beim 1. FC Union Berlin. Das Spiel wird nach Auskunft örtlichen Behörden im Berliner Stadtbezirk Treptow-Köpenick mit Zuschauern ausgetragen.


So reagieren andere Ligen

Spanien: Die nächsten zwei Spieltage der ersten und zweiten Fußball-Liga Spaniens werden wegen der Coronavirus-Epidemie ohne Zuschauer stattfinden. Die Zentralregierung in Madrid habe bereits eine entsprechende Entscheidung getroffen, berichteten Medien unter Berufung auf die linke Koalition von Ministerpräsident Pedro Sánchez. Die spanische Profi-Liga (La Liga) bestätigte auf Anfrage, es sei eine beschlossene Sache. Die Gesundheit von Fans, Spielern, Clubangestellten und Journalisten gehe vor.

Portugal: Wegen der Cornavirus-Epidemie werden auch die Spiele der ersten und der zweiten Fußball-Liga in Portugal am Wochenende vor leeren Rängen stattfinden. Das teilte die Profiliga am Dienstag in Lissabon mit. Zuvor hatte Gesundheitsministerin Marta Temido empfohlen, alle Veranstaltungen unter freiem Himmel mit mehr als 5000 Teilnehmern oder Zuschauern bis zum 3. April abzusagen. Diese Empfehlung galt auch für alle Events in geschlossenen Räumen mit mehr als tausend Teilnehmern. Was mit den Fußball-Spielen der nächsten Meisterschaftsrunden geschehen soll, wurde vorerst nicht mitgeteilt. Die Zahl der mit dem Covid-19-Erreger infizierten Menschen lag am Dienstag in Portugal bei 41.

Österreich: Als Reaktion auf den Notfallplan der Regierung hat Österreichs Bundesliga die Spiele der 1. und 2. Liga vorerst ausgesetzt. Wie die Liga am Dienstag mitteilte, betrifft dies zunächst die ersten beiden Runden in der Meister- und Qualifikationsgruppe sowie die Spiele der 20. und 21. Runde der 2. Liga. Über die Nachholtermine will die Bundesliga kommende Woche entscheiden. Die österreichische Regierung hatte wegen der Ausbreitung des Coronavirus am Dienstag alle Veranstaltung im Freien mit mehr als 500 Menschen bis Anfang April untersagt.

USA: Die vier der fünf großen Sportligen in den USA haben auf die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus reagiert und den Zugang zu den Umkleidekabinen massiv eingeschränkt. Das teilten NBA, NHL, MLB und MLS am Montag (Ortszeit) in einer gemeinsamen Stellungnahme mit. Die NFL-Saison ist seit Anfang Februar beendet. Nur noch Spieler und elementar wichtige Betreuer haben von Dienstag an bis auf Weiteres Zugang zu den Räumlichkeiten der Profiligen im Basketball, Eishockey, Baseball und Fußball - Journalisten beispielsweise dürfen nicht mehr rein. In den USA ist es üblich, dass die Medien nach Spielen, teilweise sogar davor, für Interviews mit Spielern in die Umkleidekabinen können. Die Regel gilt auch für die Clubhäuser der Teams.

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