Geisterspiele kaum abzuwenden Auf was sich VfB-Fans jetzt einstellen müssen

Fußball vor leeren Rängen. Was in Italien und Frankreich schon Realität ist, wird bald auch in Deutschland kommen. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Stuttgart.
Die allgemeine Verunsicherung in der Coronavirus-Krise hat den deutschen Fußball voll erfasst. Während RB Leipzig in der Champions League vor Zehntausenden spielen darf, muss Borussia Dortmund zum Geisterspiel nach Paris reisen. Das Montagabendspiel des VfB Stuttgart in der 2. Liga gegen Arminia Bielefeld (1:1) war hingegen nicht betroffen. Insbesondere aus sicherheitsrelevanten Aspekte sahen die Behörden nach eigenen Angaben kurzfristig davon ab, die Zuschauer auszuschließen. Doch die Situation könnte sich schon am kommenden Wochenende ändern.

Geisterspiele sind nur noch eine Frage der Zeit

Geisterspiele in der ersten und zweiten Liga sind wohl nur noch eine Frage der Zeit. „Wir würden am liebsten schon nächsten Spieltag mit Zuschauern spielen. Das ist aber leider nicht realistisch“, sagte der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga, Christian Seifert, am Montagmittag bei Bild live. In einer Mitteilung stellte die DFL aber klar, dass der Spieltag auf jeden Fall stattfinden wird. „Mit wie vielen Zuschauern und ob ohne, das ist eine Entscheidung, die die Behörden treffen müssen“, betonte Seifert.

Trotz der Verunsicherung über die Coronavirus-Folge waren am Montagabend über 54.000 Zuschauer in die Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena geströmt. „So einen Rahmen wünschen wir uns jedes Wochenende“, sagte Bielefelds Trainer Uwe Neuhaus nach dem Zweitliga-Gipfeltreffen. Angesprochen auf die drohenden Geisterpiele meinte der 60-Jährige: „Wahrscheinlich ist es das Vernünftigste, um noch größeren Schaden abzuwenden. Das muss man in Kauf nehmen.“ Auch VfB-Coach Pellegrino Matarazzo zeigte Verständnis, sieht aber auch einen Wermutstropfen:„Es ist sehr schade, wenn wir Spiele ohne Zuschauer austragen müssen. Unsere Fans peitschen uns in jedem Spiel nach vorne.“

Doch wer entscheidet eigentlich, ob ein Spiel abgesagt wird bzw. ohne Zuschauer stattfinden muss? Zuständig sind grundsätzlich die lokalen Behörden. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bekräftigte aber am Montag seine Empfehlung, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern auszusetzen. „Es ist sicher leichter, auf Konzerte und Fußballspiele zu verzichten als auf den Weg zur eigenen Arbeit“, sagte der CDU-Politiker in Berlin. Am dringlichsten ist eine Entscheidung für das Nachhol-Derby zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln am Mittwoch.

Kölns Sportchef Horst Heldt wünscht sich klare Ansagen

„Ich finde den Umgang mit dem Coronavirus konsequent inkonsequent“, sagte der FC-Sportchef und ehemalige VfB-Manager Horst Heldt. „Manche Spiele finden statt, andere nicht. Ich würde mir wünschen, dass es eine klare Ansage gibt.“ Die Verantwortlichen der Clubs diskutieren dem Vernehmen nach in zahlreichen Konferenzen das weitere Vorgehen. Auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung zu Beginn der kommenden Woche sollen mit den Vertretern der 36 Profivereine die möglichen Folgen für den Spielbetrieb der beiden Bundesligen im weiteren Saisonverlauf besprochen werden.

Die Behörden agieren unterdessen alles andere als einheitlich - und scheinen auf Zeit zu spielen. In Leipzig wurde am Montag entschieden, das Achtelfinal-Rückspiel in der Königsklasse am Mittwoch wie geplant auszutragen. Die Pariser Polizeipräfektur schob dem Prinzenpark für das BVB-Spiel am Mittwoch beim Club von Trainer Thomas Tuchel dagegen schnell den Riegel vor. DFL-Chef Seifert sprach von „einer Ausnahmesituation“.

In Liga zwei werden auch Spielverlegungen geprüft

Eine Spielpause in der Bundesliga über den Sommer hinaus sei jedoch „illusorisch“. Diesbezüglich will sich die DFL aber mit dem DFB und der UEFA darüber austauschen, ob eine Verlagerung von Liga-Spieltagen bis Ende Mai theoretisch möglich sein könnte. Die Saison in den Bundesligen endet wegen der EM im Juni regulär Mitte Mai. Viel Spielraum bleibt aber nicht. „Wir brauchen den geregelten Spielbetrieb. Aufzuhören ist keine Option“, sagte Seifert. In der 2. Liga dagegen würde die DFL Spielverlegungen prüfen. 

Der VfB spielt an den kommenden Spieltagen zweimal auswärts: Am nächsten Wochenende geht’s zum SV Wehen Wiesbaden (15. März/13.30 Uhr) und eine Woche später in den hohen Norden zu Holstein Kiel (21. März/13.30 Uhr). Das nächste Heimspiel der Schwaben ist das Duell mit dem Hamburger SV am 6. April (20.30 Uhr). 


Geisterspiele im Fußball: Drei Fragen, drei Antworten

Wie kurzfristig können Behörden oder Veranstalter eingreifen?

Das kann bis zur Öffnung der Stadion- oder Hallentore wenige Stunden vor dem Anpfiff geschehen, wie die jüngsten Beispiele gezeigt haben. Sowohl das Fußball-Bundesligaspiel zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln am 9. Februar als auch die Europa-League-Partie von Eintracht Frankfurt bei RB Salzburg am 28. Februar wurden wegen Sturmwarnungen jeweils am geplanten Spieltag abgesagt. Gesundheitsminister Spahn rät allerdings zu frühzeitigen Entscheidungen, um allen Beteiligten und Betroffenen die nötige Planungssicherheit zu geben.

Falls es Geisterspiele gibt: Wer darf dabei sein und welche Folgen hätte dies für die Vereine?

Zuerst: Auch ein Spiel ohne Zuschauer kann nur von den lokalen Gesundheitsbehörden angeordnet werden. Sollte es dazu kommen, würden neben den beteiligten Mannschaften noch Betreuer, Ballkinder, Arena-Personal und Journalisten dabei sein. Eine solche Entscheidung würde den gastgebenden Verein aber praktisch das Heimrecht kosten und diesen zugleich um Einnahmen aus dem Ticketverkauf bringen. Die DFL prüft aus diesem Grund derzeit die Möglichkeit von Anpassungen des Lizenzierungsverfahrens für die Saison 2020/21, um mögliche finanzielle Nachteile für einzelne Clubs infolge von Auswirkungen des Coronavirus entsprechend zu berücksichtigen. Möglicherweise könnten auch Einnahmen aus der Zentralvermarktung früher ausgezahlt werden, um Clubs im Fall von möglichen Liquiditätsengpässen zu entlasten.

Wer entschädigt die Fans?

Solche Forderungen müssten sich an die betroffenen Vereine als Veranstalter der Spiele richten. Die Frage von Entschädigungen für Fans, die Tickets erworben haben, stehe bei den Clubs daher «ganz oben auf der Agenda», sagte DFL-Boss Seifert. Borussia Dortmund kündigte am Montag bereits an, seinen Fans die Kosten für die Eintrittskarten für das Champions-League-Spiel in Paris zu erstatten. Der SC Freiburg setzt bis auf Weiteres „ob der nicht vorhersehbaren Lage“ den Ticketverkauf für Heim- und Auswärtsspiele aus.

  • Bewertung
    1
Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

 

Heute in Ihrer Tageszeitung

Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!