Geldwäsche-Ring im Rems-Murr-Kreis Der 45-Millionen-Fall: Eine Beamtin schaut hin

Symbolbild. Foto: Pixabay

Schorndorf/Stuttgart. 45 Millionen Euro in bar. Goldbarren, die durch halb Europa wandern. Briefkastenfirmen in London. Geheimnisvolle Adressen in Dubai: Das sind die Zutaten dieses Stuttgarter Landgerichtsthrillers. Hauptangeklagt: ein 45-jähriger Schorndorfer. Vorwurf: Geldwäsche nach Drogen-Geschäften.

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Wie viel wiegen 45 Millionen Euro in bar? Bestünde die Summe aus 500-Euro-Scheinen – 90 000 Stück, je 1,12 Gramm leicht – ergäbe das gut zwei Zentner. In Fünf-Euro-Scheinen – neun Millionen zu je 0,71 Gramm – kämen knapp sechseinhalb Tonnen zusammen; mehr, als ein afrikanischer Elefantenbulle auf die Waage bringt.

Angeklagt: ein türkischer Goldhändler aus Schorndorf, 45; seine in Deutschland geborene Frau, 44; ein Deutscher türkischer Herkunft, 34, ebenfalls aus Schorndorf; und ein pakistanischer Staatsbürger, 51, der zuletzt in Dubai lebte. Alle vier sitzen in Untersuchungshaft. Sie haben zwischen September 2017 und Januar 2018 eben jene insgesamt 45 Millionen Euro in bar nach Dubai geschafft, aufgeteilt in 39 Tranchen.

Es handelte sich um sauberes Geld zum Zwecke des Ankaufs von Goldbarren, sagt die Verteidigung. Es handelte sich um dreckiges Drogengeld, das mit Hilfe eines vorgetäuschten Goldankaufs gewaschen werden sollte, glaubt die Anklage.

Eine Recherche nimmt ihren Lauf

Am zweiten Verhandlungstag erzählt eine Zollfahndungsbeamtin, wie der Fall ins Rollen kam. Die 50-Jährige ermittelte im Jahr 2017 gegen zwei Karlsruher Goldhandelsfirmen, wunderte sich über die „ungeklärte Herkunft großer Mengen Geld“, die da in Umlauf waren, und stieg tiefer ein, in immer weiter ausgreifende Recherchen. Dabei geriet ihr noch ein dritter Goldhändler in den Blick: die Schorndorfer Firma Noble Glitter (Name geändert).

Noble Glitter, 2009 in Mannheim gegründet, 2016 nach Schorndorf umgezogen, war bereits 2010 erstmals aufgefallen: Die Polizei in Offenbach hielt vier Leute an, die für das Unternehmen unterwegs waren, im Auto einen Schemel hatten und, „im Schemel versteckt“, 800 000 Euro. Das Geld wurde eingezogen, das Verfahren aber eingestellt.

Die Frau, hellhörig geworden, forschte weiter und fand heraus: 2014 hatten Zollfahnder sogenannte Geldwäscheverdachtsmeldungen zu den Akten gegeben, weil auf ein Konto von Noble Glitter große Barbeträge eingezahlt und sofort wieder abgehoben worden waren.

Die Fahnderin weitete den Blick – von der britischen Zollbehörde erfuhr sie: In England sei im Zuge einer großen Geldwäsche-Ermittlung namens „operation juggler“ (frei übersetzt: Operation Finanzjongleur) auch die Firma Noble Glitter aufgefallen; sie habe sogar einen Zweitsitz auf der Insel. Allerdings handle es sich wohl eher um „eine Briefkastenfirma“, denn unter dieser Adresse würden noch „zehntausende von anderen“ Unternehmen geführt.

Millionen, die nach Dubai wandern

Die Beamtin schaute sich die Geldflüsse bei Noble Glitter an: all die Millionen, die nach Dubai wanderten, in bar, überbracht von Kurieren, alles offiziell deklariert. Verwendungszweck: Goldankauf. Das Geld ging in den Vereinigten Arabischen Emiraten an zwei verschiedene Firmen – nur hatten sie „das gleiche Postfach, die gleiche Telefonnummer, die gleiche Adresse“.

„Und dann wurde uns bekannt, dass am 11. Januar 2018 die Bundespolizeiinspektion Kleve“ an der deutsch-niederländischen Grenze einen erstaunlichen Fund gemacht hatte: Bei einer Fahrzeugkontrolle fiel ein Mann auf – ein Kurier von Noble Glitter, Schorndorf –, der 1,5 Millionen Euro Bargeld im Auto hatte.

Ein Rechtshilfeersuchen bei der holländischen Polizei ergab: Auf der anderen Seite der Grenze hatte der Kurier sich mit einem wegen Drogen- und Gewaltdelikten polizeibekannten Mann getroffen. Beweismittel: die Aufnahmen einer Überwachungskamera auf einem holländischen Parkplatz.

Umstrittene Folgerungen

Dies ist die Theorie der Staatsanwaltschaft: Bei Noble Glitter ging es gar nicht um Goldhandel. Die vorgeblichen Transaktionen – Scheine gegen Edelmetall, Bares aus Schorndorf gegen Barren aus Dubai – waren nur fingiert; Tarngeschäfte. Noble Glitter, so die Theorie weiter, ließ regelmäßig per Kurier Drogengeld in Holland abholen, um es nach Dubai weiterzuleiten, und konstruierte dazu, um dem monumentalen Cash-Strom einen seriösen Anstrich zu geben, einen Goldhandel; in dieser Branche wird oft mit hohen Bargeldmengen hantiert. In Wahrheit aber wechselten die Goldbarren gar nicht wirklich den Besitzer, sondern wanderten von Dubai über Schorndorf und England nach: Dubai.

Ein Goldkreislauf als Geldwaschmaschine? Es gebe keine „Beweise“, sagt die Verteidigung – alles „reine Vermutungen“.

Nicht nur die aufgerufenen Summen sind schwindelerregend in diesem Prozess. Ehrfurchtgebietend ist auch die fünf Meter breit in Reih’ und Glied stehende Phalanx aus Leitz-Ordnern hinter Richterin Manuela Haußmann. Irgendwo da drin verbirgt sich die Wahrheit. Oder auch nicht. Wer die Aktenfront sieht, der ahnt: Dieser Prozess wird lang, zäh und elend kompliziert.

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