Geodäten Die Welt-Vermesser

Für das Vermessen einer Fläche, auf der ein Gebäude geplant wird, benutzt der Geodät Gunther Schmidt ein Tachymeter (links) und einen elektronischen Feldrechner (in den Händen. Foto: Ilg

Sie denken in Dreiecken: Vermessungsingenieure oder Geodäten, wie sie auch genannt werden. Geodät stammt aus dem Griechischen und heißt übersetzt: der die Erde vermisst und einteilt. 'Unsere Arbeit basiert auf Trigonometrie', sagt der Geodät Gunther Schmidt. Sein Spezialgebiet ist die klassische Vermessung von Grund und Boden. Er misst geplante Gebäude in ausgewiesene Flächen ein. 'Dafür brauche ich mindestens zwei, besser drei Punkte und deren Koordinaten.' Die Punkte sind Grenz- oder Vermessungssteine, die Koordinaten erhält er vom Vermessungsamt. Der Rest ist Dreiecksberechnung. Das macht sein Werkzeug, ein Tachymeter mit elektronischem Feldrechner. Das ist ein System, gesteuert von Mikroprozessoren, mit dem ein Zielpunkt anvisiert wird und die Messung elektro­optisch erfolgt. Vermessungsingenieure, die mit rot-weißen Stangen hantieren, das war gestern. Geodäten von heute müssen High-Tech-Geräte beherrschen. Geodäsie ist die Wissenschaft von der Vermessung der Erde. Das machen Menschen, seit es Bauwerke und Grundstückseigentümer gibt.

Die abwechslungsreiche Arbeit eines Geodäten

In Ägypten wurden nach den jährlichen Überschwemmungen des Nils die Feldparzellen der Bauern neu eingemessen. Und die Pyramiden konnten nur dank exakter Vermessungen gebaut werden. Ohne präzise Winkelmessung hätten sich die Seiten nicht oben in einer Spitze getroffen. Beides sind Musterbeispiele für Geodäsie. Experten gehen davon aus, dass 80 Prozent aller Entscheidungen einen Ortsbezug haben. Das zeigt, wie wichtig es ist, den Ort genau zu bestimmen. Der 50-jährige Gunther Schmidt hat Abitur gemacht und sich beim anschließenden Wehrdienst überlegt, welchen Beruf er lernen könnte. 'Ich wollte häufig in der Natur sein und eine abwechslungsreiche Arbeit machen.' Ein Freund der Familie war Vermessungsingenieur, und weil der sagte, in dem Beruf kann man beides, machte Schmidt ein Vorpraktikum, das die Hochschule Stuttgart für das Studium vorschrieb. 'Das Pflichtpraktikum leistete mir gute Dienste.' Was er gesehen hat, hat ihm Spaß gemacht. 1990 war er Vermessungsingenieur. 15 Jahre hat er in einem Ingenieur­büro den klassischen Job eines Geodäten gemacht: Bestandsaufnahmen von Grundstücken. 'Dann war die Auftragslage schlecht und ich meinen Job los.' Schmidt machte sich notgedrungen selbstständig.

Drei Jahre war er das und hat in dieser Zeit auch als freier Mitarbeiter für das Vermessungsbüro von Andreas Lingel in Aalen gemessen. Im Laufe der Zeit wurde die Zusammenarbeit intensiver und Schmidt 2008 angestellt, mit demselben Schwerpunkt wie in seinem Job davor. Lingel hat 15 Mitarbeiter. Eine andere Dienstleistung, die er anbietet, ist die Vermessung von Mietflächen. Bei den in den Bauplänen angegebenen Flächen ist ein Putzabzug von fünf Prozent für die Berechnung des Mietpreises üblich. 'Wir messen die Wirklichkeit und die kann zu deutlich höheren oder niedrigeren Mieten führen', sagt Lingel (48), der ebenfalls Geodät ist. Er erzählt von einem großen Geschäftshaus mit einer Mietfläche von rund 16 000 Quadratmetern in zentraler Einkaufslage einer Großstadt und entsprechend hohen Mietpreisen. 'Nach unserer Vermessung ergab sich gegenüber dem Putzabzug eine Miet­differenz von 150 000 Euro auf die Mietdauer von zehn Jahren.' Das kommt zum einen daher, weil oft nicht mehr verputzt, sondern Betonwände gestrichen oder Trockenbauwände eingesetzt werden. Ein Putzabzug wäre dann unnötig. Zum anderen, weil sich die Flächen in den Plänen und der wirklichen Fläche häufig unterscheiden.

Einsatzgebiete der Geodäten

Lingels Büro bietet außerdem 3-D- Laserscanning von Gebäuden, Vermessungen für die Industrie: zum Beispiel, wo genau muss ein Roboter in einer Produktionslinie am Boden verschraubt werden. Und Lingel darf Katastervermessungen durchführen. Dabei werden Flurstücksgrenzen überprüft und festgelegt oder neue Flurstücke gebildet. Lingel ist öffentlich bestellter Vermessungsingenieur. Das sind in Baden-Württemberg nur knapp 200. Die Bestellung setzt eine Weiterbildung voraus. Insgesamt gibt es in Deutschland rund 45 000 Geodäten, schätzt Christof Rek, Vizepräsident des DVW, der Gesellschaft für Geodäsie, Geoinformation und Land­management in Vogtsburg-Oberrotweil. Etwa die Hälfte arbeite in Kataster- und Vermessungsämtern, wo sie Geodaten verwalten und bei Bedarf für Um- oder Neubau aufbereiten. Die andere Hälfte arbeitet in Büros wie Schmidt bei Lingel. Oder in der Industrie. Dort vermessen sie Flugzeug- oder Automobilteile. Geodäten werden überall dort gebraucht, wo genaue Maße notwendig sind.

Studieren kann man das Fach an Fachhochschulen und Universitäten. Die Berufsaussichten bezeichnet Rek als 'unglaublich gut'. Laut einer Engpass-Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie aus dem Frühjahr 2015 liegt die Vermessungstechnik bei den 615 untersuchten Berufen auf Platz sieben der Hochschulabsolventen. 'Der Beruf hat sich in den letzten Jahren massiv verändert', sagt Schmidt. Prä­zise Vermessung ist heute High Tech. Die meisten Berechnungen übernehmen Computer in Tachymetern, GPS-Receivern, 3-D-Scannern oder Digitalnivellieren. Abends überträgt Schmidt die Daten auf den Rechner im Büro, dann wird in einem CAD-Programm der Lageplan für den Architekten erstellt. 'Draußen bin ich dennoch meistens und ich habe die erhoffte Abwechslung.' Aktuell ist das eine Drohne. Mit ihr nimmt er aus der Luft eine große Fläche auf, wo eine Halle gebaut wird. 'Mit den Messdaten aus den Fotos berechne ich zum Beispiel, wie viel Erde abgeräumt und woanders gelagert werden muss.' Sein Ergebnis dient als Abrechnungsgrundlage für die Baufirma.

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