Gerichtsverhandlung in Schorndorf Eine lange Narbe bleibt vom Streit um eine Frau

Symbolbild. Foto: Mogck / ZVW

Schorndorf/Plüderhausen. Der Streit um eine Frau stand am Anfang. Am Ende flog ein 26-Jähriger aus Plüderhausen in einer Schorndorfer Kneipe die Treppe runter und in die Glasscheibe der Eingangstür. Dabei zog er sich eine lange Schnittwunde im Gesicht zu. Den 35-Jährigen, der ihn aus Notwehr geschubst haben will, verurteilte das Schöffengericht wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Monaten, aus der unter Einbeziehung eines Landgerichtsurteils eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und elf Monaten wurde.

Was sich im März vor eineinhalb Jahren zu später Stunde im Eingangsbereich einer Schorndorfer Kneipe zugetragen hat, das lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Zu bruchstückhaft, stellte Richterin Doris Greiner in ihrer Urteilsbegründung fest, sei die Beweislage. Zeugen, die den Vorfall gesehen haben, gibt es nicht. Es gibt nur einen Ohrenzeugen und die schriftliche Erklärung des Angeklagten, in der er seine Sicht der Dinge darstellt. Heute tut es dem 35-Jährigen leid, was damals passiert ist. Am liebsten, beteuerte er in seinem Schlusswort am Ende der Verhandlung, würde er rückgängig machen, dass er dem 26-Jährigen, der mit seiner Verlobten eine Affäre gehabt hatte und jetzt mit einer zehn Zentimeter langen Narbe im Gesicht leben muss, seine angeblichen Potenzprobleme vorgehalten hat.

Im Vorraum der Kneipe waren die beiden in besagter Nacht gegen zwei Uhr aufeinandergetroffen. Und weil er dachte, der 26-Jährige greife ihn an und nutze sein Handy als Waffe, habe er sich gewehrt. Dass sein Kontrahent dann die Treppe runterfliegen und mit dem Kopf in ein Glaselement der Eingangstür fallen würde, „konnte ich nicht vorhersehen“, las sein Anwalt aus der schriftlichen Erklärung seines Mandanten vor. Er selbst hatte in dieser Nacht Kokain und Joints konsumiert. Mehr wollte er dazu nicht sagen.

Der Geschädigte kann kaum etwas berichten - "Ich war schon ordentlich dabei"

Und der Geschädigte, der als Zeuge geladen war, konnte im Grunde kaum etwas berichten – auch wenn er, was der Verteidiger als unrechtmäßig kritisiert hatte, das Gericht aber zurückwies, im Sommer Akteneinsicht erhalten hatte. Mit seinen Kumpels, erzählte der 26-Jährige, hatte er sich schon am Abend getroffen. In Plüderhausen haben sie die ersten Biere getrunken und auf dem Weg zum Bahnhof den Angeklagten das erste Mal gesehen. In Schorndorf, wo der Abend weitergehen sollte, legten sie mit alkoholischen Getränken einen Zwischenstopp an der Berufsschule ein und waren dann gegen Mitternacht in die Kneipe am Bahnhof. Vier, fünf Jacky-Cola, überschlug der 26-Jährige, habe er dort bestimmt getrunken. „Ich war schon ordentlich dabei“, beschreibt er seinen Zustand, der im Krankenhausbericht mit 1,6 Promille dokumentiert ist. Doch gerade laufen, das versicherte er, konnte er damals noch.

Und klar sprechen ebenfalls. Das zumindest versicherte ein als Zeuge geladener Bekannter, den der Geschädigte von der Kneipe aus angerufen hatte, damit dieser ihn für eine Fortsetzung des Abends in Stuttgart abholen käme. Weil es in der Kneipe zu laut zum Telefonieren war, war der 26-Jährige mit dem Handy am Ohr in den Vorraum gegangen. Doch von einem Wortgefecht, einem Gerangel oder Streit, so der Zeuge, sei am Telefon nichts zu hören gewesen, nur, wie plötzlich das Handy auf dem Boden aufschlug, wie Glas zerbrach und jemand nach einem Krankenwagen gerufen hatte.

Angriff aus dem Nichts

Auch für das Opfer kam der Angriff offenbar aus dem Nichts und ohne Vorwarnung: „Das war ein stummer Schlag.“ Als er wieder zu sich gekommen war, habe er gesehen, dass alles voller Blut ist. Dass er dort auch den 35-Jährigen Angeklagten gesehen hat, wie er der Polizei damals zu Protokoll gab, daran wollte er sich in der Verhandlung nicht mehr erinnern. Im Schorndorfer Krankenhaus wurde der zehn Zentimeter lange Schnitt unterhalb seines linken Auges genäht und im Stuttgarter Katharinenhospital weiterbehandelt. Die auffällige Narbe, auf die er immer wieder angesprochen wird, will er sich in einer weiteren Operation noch verflachen lassen.

An eine Notwehrsituation, für die der Verteidiger in seinem Plädoyer einen Freispruch gefordert hatte, wollte der Staatsanwalt aber nicht glauben. Er hielt das für „eine bloße Schutzbehauptung“. Zwar rückte er in seinem Plädoyer von der schweren Körperverletzung aus der Anklage ab, forderte aber dennoch, den 35-Jährigen wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr zu verurteilen und die Strafe mit dem Landgerichtsurteil auf drei Jahre und vier Monate zusammenzuführen. Dass daraus im Urteil fahrlässige Körperverletzung wurde, begründete Richterin Greiner wie folgt: Die Notwehrsituation, auch wenn sie womöglich gar nicht tatsächlich bestanden habe, sei vermeidbar gewesen. „Sie hätten die Situation prüfen müssen und nicht gleich stoßen dürfen.“

Vorstrafen des Angeklagten

Das Schöffengericht verurteilte den 35-Jährigen für diese Tat zu einer Freiheitsstrafe von zwei Monaten, aus der unter Einbeziehung des Landgerichtsurteils zwei Jahre und elf Monate wurden. Im Oktober 2018 war der Angeklagte in Stuttgart wegen unerlaubten Handels und Besitzes von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten verurteilt worden. Und es gibt weitere Vorstrafen: Im Jahr 2008 wurde er wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Beleidigung verurteilt, ein Jahr später wegen unerlaubten Handels mit Betäubungsmitteln und im Jahr 2013 wegen Betrugs. Sein großes Problem ist die Drogensucht, wegen der er beruflich bis heute nicht Fuß fassen konnte, immer wieder Ausbildungen abgebrochen und Jobs hingeschmissen hat. Im Moment macht er eine ambulante Drogentherapie und hofft, eine Arbeitsstelle zu finden. Wegen dieser Therapie ist die Vollstreckung der Freiheitsstrafe zurückgestellt und kann bei erfolgreichem Abschluss auch in eine Bewährungsstrafe umgewandelt werden.

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