"Ginstr" Preisgekrönter Gin aus Schwaikheim

Beim „Ginstr“-Etikett ersetzt der Stuttgarter Fernsehturm das „i“. Foto: Habermann / ZVW

Schwaikheim. Während Eschers mit ihren Weinen sich stetig sozusagen der Bundesliga nähern, mischt das Schwaikheimer Weingut mit einem ganz anderen Getränk quasi die Champions League auf: Ihr Gin „Ginstr“ gewinnt einen Preis nach dem andern.

ZDF, RTL, die BBC, FAZ, Managermagazin, Handelsblatt, die Bildzeitung, das Magazin Vogue, die Hongkong Morning Post, India Today, unter anderem, waren schon in der Schwaikheimer Seestraße, um zu sehen, woher die Tropfen kommen, die drei renommierte Preise gewonnen haben. Erst die IWCS-Trophy von der Wein- und Spirituosen-Competition in London, mit 400 Galagästen, „Promis ohne Ende und lauter Koryphäen am Start“, so Markus Escher. Über 600 Gins von Produzenten aus 90 Ländern wurden verkostet, als Grundlage für Gin Tonic. Sein „Ginstr“ bekam den „Outstanding“-Preis. Es folgte die Goldmedaille beim „World Spirit Award“ und ganz aktuell der Sieg beim CWSA („China World Spirit Award“), zu dessen Preisverleihung in der höchsten Bar der Welt (im Ritz-Carlton im 118. Stock auf fast 500 Meter Höhe) Escher demnächst nach Hongkong fliegt.

Viel von Opa und Vater abgeschaut

Escher ist also als selbstständiger Unternehmer schon erfolgreich. Dabei studiert der 27-Jährige noch, an der Hochschule Aalen, Betriebswirtschaft für kleinere und mittlere Unternehmen (wie der eigene Familienbetrieb also), mit Vertiefung Innovationsmanagement (wofür er selbst vielleicht das beste Beispiel ist), macht dort derzeit seine Bachelorarbeit.

Er könnte nun ob all des Erfolgs, des Hypes in den Medien, abheben, bleibt aber bodenständig, erinnert nämlich daran, wie alles anfing, mit seinem Opa Otto, der vor 24 Jahren eine Brennerei auf dem Hof einrichtete und mit Tresterbränden anfing, alles verarbeitete, was anfiel, Kirschen, Mirabellen. Von ihm und vom Vater Ottmar schaute sich Markus Escher viel ab, machte aber auch noch einen Brennkurs an der Uni Hohenheim.

Wacholderstöcke in den Weinbergen gesetzt

Vielerlei gebrannt wird nach wie vor bei Eschers. Markus fragte sich aber, was passt eigentlich zum Weinanbau, bei was gibt es eine direkte Verbindung dazu, nämlich die Pflanzen in den Weinbergen, die Zwischenbegrünung. Er und sein Vater setzten dort außerdem zunächst acht Wacholderstöcke auf Eckstücklen, vor allem auf dem Korber Kopf, mittlerweile sind es 27. Die Blüten, Blätter wurden genommen, die Stile und damit die Bitterstoffe entfernt und zusammen mit Kräuterblüten und Wacholder in Alkohol eingelegt, anschließend destilliert (Mazeration-Verfahren). Der Wacholder kam ursprünglich also zu 100 Prozent von hier. Mit ihm und auch sonst ausschließlich heimischen Zutaten aus den eigenen Weinbergen wurde und wird Eschers „Wild Gin“ hergestellt.

Kleinauflage mit 711 Flaschen sollte produziert werden

2014 lernte Escher den Stuttgarter Alexander Franke kennen, einen freien Journalisten, der Eschers Bruder Christian für das Magazin „Lift“ interviewte, als dieser zusammen mit Michael Maier zum „Jungwinzer des Jahres“ gewählt wurde. Franke ist Gin-Liebhaber und -Kenner. Die beiden wurden Freunde und nachdem sie die Barszene in Stuttgart abgeklappert hatten, kamen sie auf die Idee, einen eigenen Gin zu produzieren, natürlich mit dem Anspruch, dass der perfekt sein muss, aber mit der Begrenzung auf den Eigenverbrauch und für Freunde, einer Kleinauflage mit 711 Flaschen (Stuttgarts Vorwahl), es sollte also ein privates Projekt, begrenzt auf ein Jahr, sein und bleiben.

Der „Ginstr“ wird in Bars der berühmtesten Hotels serviert

Heraus kam nach etlichem Versuchen und Probieren der „Ginstr“, wobei „str“ der internationale Code für den Stuttgarter Flughafen ist und natürlich für die zweifelsohne besser als „Schwoiga“ zu vermarktende Landeshauptstadt steht. Wobei die Gewürze und Kräuter, das muss man fairerweise zugestehen, tatsächlich aus Stuttgart kommen, von einem Händler in der dortigen Markthalle, und das Obst vom Großmarkt in Wangen. Das Duo machte aber einen, wenn man so will, folgenschweren Fehler, der ihren anfänglichen Geheimtippplan nachhaltig durchkreuzte: Sie veröffentlichten das Ganze auf Facebook. Innerhalb von fünf Tagen war ihr gesamter Vorrat weg. So begann also der Wahnsinn, der dazu geführt hat, dass der „Ginstr“ mittlerweile in den Bars der berühmtesten Hotels auf der ganzen Welt serviert wird.

Video: Markus Escher erklärt den Unterschied zwischen dem "Wild Gin" und dem "Ginstr".


Betriebsgeheimnis

Der „Ginstr“ schmeckt ausgesprochen fruchtig, Escher selbst sagt „flural“ dazu, im Gegensatz zu seinem Wild Gin, der eher würzig ist. Die Nachfrage ist so groß, dass der eigene Wacholderanbau nicht mehr nachkommt, auch Wacholder also zugekauft werden muss. Gebrannt, vierfach destilliert wird aber nach wie vor ganz handwerklich in Schwaikheim, mit einer 150-Liter-Kleinbrennanlage, die zu Ehren seines Großvaters „Otto“ heißt.

Der „Wild Gin“ wird über das Weingut vermarktet, ist auf 1200 Flaschen Jahresproduktion begrenzt, ist laut Escher eher etwas für Liebhaber und wird vor allem an Feinkostläden verkauft.

Vom „Ginstr“, für den extra eine eigene Vertriebsfirma gegründet wurde, werden exakt 711 Flaschen pro Batch produziert, davon wiederum zwei pro Woche. Er geht in den Großhandel und ins Ausland (Schweiz, Italien, Hongkong, Großbritannien, USA, Spanien, Russland unter anderem). Die Nachfrage hat durch die gewonnenen Preise gewaltig angezogen. Eigentlich kämen sie mit der Produktion gar nicht mehr hinterher, „aber wir wollen die Qualität halten“, also nichts am Verfahren oder gar Rezept ändern, die beide natürlich Betriebsgeheimnis sind, betont Escher, „wir haben schließlich zwei Jahre daran getüftelt“. So viel wird aber verraten: Außer Wacholder und Cannstatter Mineralwasser sind Zitrusfrüchte, Orangen- und Holunderblüten, Kardamom, Rosmarin und 40 weitere Zutaten drin.

Die Preise sind trotz aller Lorbeeren unverändert: die Halbliterflasche „Wild Gin“ (42 Prozent Alkoholgehalt), der wegen seiner „Rohstoffe“ nur im Spätherbst produziert wird, kostet knapp 40 Euro, der „Ginstr“ (rund 44 Prozent Alkoholgehalt), ganzjährig hergestellt, weil seine Zutaten das ganze Jahr über zu bekommen sind, etwa 30 Euro. Man kann ihn verkosten im „Ginstr Loft“ in der „Tasting Area“ im Römerkastell in Cannstatt.

Bezeichnend für Eschers Bodenständigkeit ist auch, dass das Abfüllen, Etikettieren, Verpacken alles nach wie vor in Handarbeit geschieht, für die er Kumpels angestellt hat. Er staunt selbst vielleicht am meisten über den Erfolg in jüngster Zeit: „Schon seltsam eigentlich, die Brennerei hier gibt es doch schon seit 24 Jahren.“ Wer ihm dann erwidert, in zehn Jahren werde er mit seinen Gin-Paletten bestimmt nicht mehr hier auf dem Weinguthof in Schwaikheim stehen, dem widerspricht er.

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