Goldhändler aus Schorndorf vor Gericht 45 Millionen Euro Drogengeld gewaschen?

Symbolbild. Foto: Pixabay.com

Stuttgart/Schorndorf. Sie sollen 45 Millionen Euro Drogengeld gewaschen haben – das ist der Vorwurf der Staatsanwaltschaft gegen einen türkischen Goldhändler aus Schorndorf, seine Frau, einen weiteren Schorndorfer und einen pakistanischen Staatsbürger aus Dubai. Am Donnerstag begann am Landgericht Stuttgart der Prozess gegen das Quartett.

Falls diese Verhandlung beweiskräftig belegen sollte, was die Anklage vorträgt, dann wäre Schorndorf zumindest eine Zeit lang eine heftig kreiselnde Drehscheibe gewesen im Rauschgiftgeschäft zwischen Holland und dem persischen Golf. Falls dieser Prozess erhärten sollte, was die Staatsanwaltschaft zu wissen glaubt, dann läge hier der seltene Fall eines fulminanten Schlages gegen Hintermänner im internationalen Drogenhandel vor und nicht, wie sonst allzu oft, nur gegen Kleindealer von der Straße. Aber sind die Indizien hieb- und stichfest?

Alle vier Angeklagten sitzen in Untersuchungshaft

Angeklagt: ein türkischer Goldhändler aus Schorndorf, 45 Jahre alt; seine in Deutschland geborene Frau, 44; ein Deutscher türkischer Herkunft, 34, ebenfalls aus Schorndorf; und ein pakistanischer Staatsbürger, 51, der zuletzt in Dubai lebte. Alle vier sitzen in Untersuchungshaft.

Unumstritten ist derzeit eines: Tatsächlich floss zwischen September 2017 und Januar 2018 – innerhalb von nur etwa einem halben Jahr – Bargeld in enormen Mengen von Schorndorf nach Dubai, es war ein gischtender Cash-Strom, den der Goldhändler aus der Daimlerstadt in die Vereinigten Arabischen Emirate leitete: Allein am 4. August 2017 zum Beispiel schwappten 1,65 Millionen Euro dorthin; Mitte August weitere 1,47 Millionen; zwei Tage später 1,53 Millionen; zwischen Anfang und Ende September rund neun, im Oktober knapp fünf, im November mehr als zehn Millionen. Und so weiter. Insgesamt rund 45 Millionen Euro in 39 Tranchen.

Das Geld ging offen auf den Weg. Verwendungszweck: Ankauf von Gold. Die Gattin, im Geschäft für die Buchhaltung zuständig, legte die entsprechenden „Cash Declarations“ ab. Dies sei, sagt Martin Heising, der Anwalt des 45-Jährigen, „normaler“ und „legaler Goldhandel“ gewesen. In dieser Branche sei Barzahlung üblich. Und tatsächlich kamen im Gegenzug Goldbarren aus Dubai in Schorndorf an.

Scheingeschäfte, Geldwäsche: Die Sicht der Staatsanwaltschaft

Nur, glaubt die Staatsanwaltschaft, habe es sich dabei um Scheingeschäfte gehandelt mit dem Zweck, dreckiges Geld zu waschen und unverdächtig, als Kaufsummen deklariert, außer Landes zu bringen.

Einer der vier Angeklagten sei regelmäßig nach Holland gefahren, habe dort aus Drogengeschäften stammende Gelder eingesammelt und als Kurier nach Schorndorf gekarrt, zur Weitersendung nach Dubai. Während das Geld aber stetig immer in die eine Richtung strömte, gen Süden, habe sich das aus der anderen Richtung kommende Gold im Kreis bewegt: von Dubai nach Schorndorf; von Schorndorf nach England; und von dort zurück nach Dubai; eine Rundreise, um den Anschein einer Transaktion und eines Besitzerwechsels vorzugaukeln.

„Beschämende Unkenntnis“: Der Konter des Verteidigers

War es so? Anwalt Heising rammt gleich am ersten Verhandlungstag verbale Pflöcke ein: Bei ihren Ermittlungen habe die Staatsanwaltschaft „im Trüben gefischt“ und „fahrlässig“ recherchiert. „Sie haben gar nicht richtig gewusst, was passiert ist. Da ist Gold gekommen, Gold gegangen, Geld geflossen“ – und daraus hätten die Ankläger ein „Geldwäschesystem“ abgeleitet. Aus all dem spreche eine „beschämende Unkenntnis“: Die Strafverfolger hätten „den internationalen Goldhandel als solchen nicht verstanden“. Man sehe das schon daran, dass immer nur pauschal von Gold die Rede sei – aber „Gold ist nicht gleich Gold!“ Das sei, findet Heising, als wären in einem Drogenfall Ermittler „am Werk, die den Unterschied zwischen Haschisch und Heroin nicht kennen“.

Ganz so blank steht die Staatsanwaltschaft aber wohl nicht da. Hinter der Richterbank türmen sich meterhohe Stapel von Unterlagen. Handelsregister-Auszüge. Durchsuchungsfunde. Handy-Auswertungen. Auch Zeugen werden auftreten im Lauf des Prozesses. Ebenfalls auf der Habenseite der Anklage: Im Januar 2018 ging einer der vier im Ruhrgebiet der Polizei ins Netz – der Mann, offenbar gerade auf dem Weg von Holland nach Schorndorf, hatte anderthalb Millionen Euro im Auto.

Der Märchenerzähler

Während der Ermittlungen wurden auch Telefone abgehört, und Heising lässt durchblicken, dass sein Mandant am Apparat wohl allerhand herausposaunt hat: dass er auch mit Uran handle; oder dass er beste Drähte in die Türkei habe – wenn er dort am Flughafen lande, werde er „von einer Präsidial-Limousine“ abgeholt.

Hat nichts zu bedeuten, sagt der Anwalt: Der Goldhändler habe die „Gabe, fantastische Geschichten“ zum Besten zu geben, „er ist jemand, der Märchen erzählt und Märchen erzählt und Märchen erzählt.“

Aufgabe des Gerichts wird es sein, aus all diesen Steinchen ein Mosaik zusammenzupuzzeln. Angesetzt sind für erste zwölf weitere Verhandlungstage bis September. Aber ob das reichen wird? Von den vier Angeklagten ist jedenfalls nichts Erhellendes zu erwarten – „sie werden“, erklären die Anwälte, „von ihrem Schweigerecht Gebrauch machen“.

Der Prozess wird am 19. Juli fortgesetzt.


Zur Einordnung

Wie hoch der jährliche Umsatz im weltweiten Drogenhandel ist, lässt sich naturgemäß nicht genau sagen, da die meisten Fälle unaufgeklärt bleiben. Verschiedene Schätzungen von Kriminalisten oder auch Expertengremien der Vereinten Nationen gehen von einem Volumen zwischen 300 und 500 Milliarden US-Dollar jährlich aus.

  • Bewertung
    27

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!