Grafenberg-Kreuzung in Schorndorf Ampel oder Kreisel? Keins von beiden!

Kein Kreisel, keine Ampel: Für die Autofahrer ändert sich im Bereich des Grafenberg-Kreisels bis auf weiteres nichts. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Schorndorf. Ein „Running Gag“ ist ein immer wiederkehrendes Element der Komik und des Humors. Dass ein „Running Gag“ aber auch etwas von einem Trauerspiel haben kann, zeigt die noch in der Ära Kübler begonnene und seither alle paar Jahre aufs Neue geführte Diskussion um die sogenannte Grafenberg-Kreuzung mit einem sicher nur vorläufigen skurrilen Höhepunkt in der jüngsten Gemeinderatssitzung. Denn bei der ultimativen Wahl, ob Ampel oder Kreisel, hat sich der Gemeinderat gegen alles und für nichts entschieden.

Nachdem sich im Technischen Ausschuss eine deutliche Mehrheit für die von der Verwaltung vorgeschlagene Ampellösung angedeutet hatte, schien die Abstimmung im Gemeinderat nur noch eine Formsache zu sein – trotz einiger Vorbehalte vor allem bei der FDP/FW-Fraktion und in Reihen der Grünen und trotz des emotional-engagierten Kreisel-Plädoyers des ehemaligen Oberbürgermeisters Winfried Kübler (wir haben berichtet). Die freilich gleich mal insofern Wirkung zeigte, als Oberbürgermeister Matthias Klopfer, ohne sich direkt auf die Intervention seines Vorgängers zu beziehen, in seinem Eingangsstatement für eine Diskussion und eine Entscheidung „mit wenig Emotionen und viel Sachverstand vor allem auch mit Blick auf die Kosten“ warb. Und deutlich machte, dass das Wichtigste für den Kreuzungsbereich Grafenbergweg/Waiblinger Straße/Mittlere Uferstraße „eine sichere Lösung“ sei. Zur Erinnerung: Die Ampellösung war im Vorfeld auf rund 90 000 Euro veranschlagt worden – nicht zuletzt wegen der bereits im Boden liegenden Lehrrohre –, die Kosten für einen Kreisel im Endausbau hatte der zuständige Fachbereich Infrastruktur auf geschätzte 400 000 Euro beziffert.

„Es wäre falsch, noch einmal über Jahre hinaus nichts zu tun“

Wie Klopfer schien auch CDU-Stadtrat Matthias Härer – womöglich aufgrund von Signalen innerhalb der eigenen Fraktion – zu ahnen, was passieren könnte. Nachdem er dem Oberbürgermeister ausdrücklich für seinen Aufruf zur Sachlichkeit gedankt hatte, appellierte Härer ans Kollegenrund: „Wir müssen was machen!“ Oder andersherum. „Es wäre falsch, noch einmal über Jahre hinaus nichts zu tun.“ Für eine flexibel gesteuerte Ampellösung sprach aus Sicht des CDU-Stadtrats außer den Kosten, dass sie „den Schwächeren“, die in diesem Fall aus dem Grafenbergweg und der Mittleren Uferstraße kommen, bessere Chancen biete, die Kreuzung zu queren oder sich in den Verkehr auf der Waiblinger Straße einzuordnen. Wobei Matthias Härer aber auch einräumte, dass ein Kreisverkehr „vielleicht die schickere Lösung“ wäre.

„Nur wir in Schorndorf sind mal wieder ganz vorne ...“

Nicht nur die schickere, sondern auch die bessere – „Ein Kreisel ist auch nachts eine gewisse Bremse“ – und die zeitgemäßere, meinte der FDP/FW-Fraktionsvorsitzende Gerhard Nickel ganz im Sinne seines ehemaligen Fraktionskollegen Konrad Hofer, der über all die Jahre hinweg der leidenschaftlichste Kämpfer für einen Grafenberg-Kreisel war – und der zuletzt kurz vor seinem Ausscheiden im Rahmen der Haushaltsberatungen 2019 auf die jetzt anstehende Entscheidung vertröstet worden war. „Man könnte meinen, wir hätten in den letzten 20 Jahren alles falsch gemacht“, verwies Nickel auf die unter Winfried Kübler forcierte Schorndorfer Kreiselpolitik und darauf, dass in vielen anderen europäischen Ländern der Kreisel nach wie vor ein hohes Ansehen und eine große Akzeptanz genieße. „Nur wir Schorndorfer sind mal wieder ganz vorne“, spottete der FDP/FW-Fraktionschef und gab die zu diesem Zeitpunkt noch sehr gewagt erscheinende Parole aus: „Entweder ein Kreisel oder nichts“.

Kreisel „wartungsfrei“: „Eine gewagte These“

Zwischen diesen beiden Polen – Ampel oder Kreisel – bewegten sich denn auch die folgenden Wortmeldungen. Während SPD-Stadtrat Marcel Kühnert ankündigte, seine Fraktion werde mehrheitlich „für die smarte Ampel des 21. Jahrhunderts“ stimmen, waren sich Grünen-Stadtrat Wilhelm Pesch und CDU-Stadtrat Ingo Sombrutzki einig, dass die Grafenberg-Kreuzung kein Unfallschwerpunkt ist und dass deshalb nichts dagegen spricht, alles so zu belassen, wie es ist, und, so Sombrutzki, auf die Eigenverantwortung der Verkehrsteilnehmer zu setzen.

Und während sich SPD-Fraktionschef Thomas Berger als „Bekehrter“ outete, der lang eigentlich auch nichts habe machen wollen, jetzt aber akzeptiere, dass die Menschen eine wie auch immer geartete Regelung erwarteten, relativierte CDU-Fraktionschef Hermann Beutel seine Pro-Ampel-Haltung aus dem Technischen Ausschuss, die er vor allem mit der großen Kostendifferenz begründet hatte. Die Zahlen hörten sich „vordergründig wirtschaftlich“ an, aber wenn er sehe, was die Ampellösung im Bereich Stuttgarter Straße/Mittlere Uferstraße koste, dann kämen ihm Zweifel, sagte Beutel, der mit seiner Einschätzung, Kreisel seien wartungsfrei, den Oberbürgermeister zu der Intervention herausforderte, das sei „eine gewagte These“.

Ampel auf Dauer günstiger als Kreisverkehr

Was auch der Erste Bürgermeister Thorsten Englert so sah: „Wir geben doch nicht 400 000 Euro für einen Kreisel aus, der sehr wartungsanfällig ist, wenn es heute sehr viel intelligentere und kostengünstigere Systeme gibt“, sagte er – und schien sich seiner Sache noch einigermaßen sicher. Und der Leiter des Fachbereichs Infrastruktur, Herbert Schuck, erinnerte den Gemeinderat noch einmal an die Aufgabenstellung, die da laute: Wie komme ich sicher über die Kreuzung? Was mit einer Ampel nicht nur besser, sondern auch mit Blick auf die Folgekosten deutlich günstiger ermöglicht werden könne. Denn während bei einer Ampel, auf 15 Jahre gerechnet, jährlich 6000 Euro Abschreibung, 2000 Euro Wartung und 500 Euro Stromkosten anfielen, liege bei einem Kreisel – auf 25 Jahre gerechnet – allein schon die Abschreibung bei 16 000 Euro jährlich.

Es half nichts: Denn während der FDP/FW-Antrag, einen Kreisel zu bauen, mit 10:18 Stimmen (bei zwei Enthaltungen) erwartungsgemäß deutlich abgelehnt wurde, fand anschließend auch der Verwaltungsvorschlag, eine Ampel zu installieren, überraschend keine Mehrheit. Gezählt wurden 16 Gegenstimmen und drei Enthaltungen.


Ein enttäuschter Oberbürgermeister

Keinen Hehl machte Oberbürgermeister Matthias Klopfer aus seiner Enttäuschung über die Entscheidung des Gemeinderats: „Das ist keine Entscheidung im Sinne der Verkehrsteilnehmer “, sagte er und und wünschte dem Gemeinderat beißend-ironisch „viel Freude bei der Debatte auf dem Wochenmarkt und anderswo“.

Er jedenfalls, so Matthias Klopfer, werde dieser aus seiner Sicht nicht zielführenden Entscheidung des Gemeinderats in der Öffentlichkeit nicht verteidigen. „In diesem Fall stelle ich mich nicht vor den Gemeinderat“, betonte der Oberbürgermeister.

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