Handball Ex-TVB-Torhüter fühlt sich in Spanien wohl

Felix Schmidl in Aktion, hier im Spiel seines Clubs Frigorificos Cangas gegen Anaitasuna. In der Hinrunde bekam der ehemalige Bittenfelder Torhüter sehr gute Kritiken. Foto: Privat

Fast ein bisschen erschrocken scheint Felix Schmidl. Fünf Minuten vor dem vereinbarten Termin steigt er die Treppen an der Stuttgarter Porsche-Arena hinauf zur Sportsbar Palm Beach, und sein Gesprächspartner wartet bereits auf ihn. „Das ist halt die deutsche Pünktlichkeit“, sagt Schmidl und grinst. „Die kenne ich so gar nicht mehr.“ Der Wahl-Spanier ist dieser Tage zu Besuch in der Heimat – und lässt sich das letzte Heimspiel des TV Bittenfeld in diesem Jahr gegen TUSEM Essen natürlich nicht entgehen.

Vor fünf Monaten packte der 24-jährige Handball-Torhüter seine Koffer. Vom Zipfelbach in Bittenfeld ging’s an die Atlantikküste, aus der angesehenen zweiten deutschen Bundesliga in die erste spanische Liga. Das ist zwar die Liga des Weltmeisters, bei den Spielern indes ist sie derzeit nicht besonders beliebt. Aus Angst, in der Finanzkrise ihren Gehältern hinterherrennen zu müssen, haben viele Profi-Handballer der Liga Asobal den Rücken gekehrt.

Ausgerechnet dorthin zog’s Felix Schmidl. Freilich nicht zum Karabatic-Club FC Barcelona. Auch nicht zum BM Granollers oder zu Ademar Leon. Frigorificos del Morrazo Cangas heißt der Club, der bereits vor zwei Jahren Interesse bekundet hatte am jungen Deutschen. Damals waren für kurze Zeit beide Bittenfelder Torhüter verletzt. Schmidl, mit Zweifachspielrecht beim TVB ausgestattet, kam zum Einsatz und machte seine Sache offensichtlich so gut, dass sich die Spanier am Ende der vergangenen Saison an ihn erinnerten.

Dabei hatte der Torhüter durchaus schon bessere Zeiten erlebt. Mit dem Drittligisten TSV Neuhausen/Filder stieg er ab, der TVB plante in der Saison 2013/2014 mit dem Torhüterduo Jürgen Müller/Daniel Sdunek. Für Schmidl war kein Platz mehr im Kader.

Seriös

Cangas genießt einen guten Ruf


Zusammen mit seinem Berater sondierte er die Angebote. „Es gab die eine oder andere Möglichkeit in der 2. Liga“, sagt Schmidl. „Allerdings nichts wirklich Interessantes.“ Also vereinbarte er einen Gesprächstermin mit den Spaniern. Auch der zehnfache spanische Meister BM Granollers hatte seine Fühler nach dem Deutschen ausgestreckt. Dieser Club kam für Schmidl allerdings nicht infrage, da Granollers bereits in der vergangenen Saison mit finanziellen Problemen zu kämpfen hatte.

„Ich habe mich natürlich über Cangas erkundigt“, sagt Schmidl. Er habe mit verschiedenen Leuten gesprochen, die die Szene dort und die Verantwortlichen des Vereins kannten. „Ich habe nur Gutes gehört, das sollen alles verlässliche, seriöse Leute sein.“

Etliche Bekannte hätten ihm vom Wechsel nach Spanien dringend abgeraten, andere hätten ihn bestärkt. Beispielsweise Schmidls Freundin. Nicht, dass sie ihn loshaben wollte. „Sie fand, dass dies genau der richtige Zeitpunkt ist, ins Ausland zu gehen“, sagt Schmidl. Sein Studium der Erneuerbaren Energien hatte er so gut wie in der Tasche. Er musste lediglich noch die Abschlussarbeit schreiben, was er kurz vor Weihnachten erledigte.

Cleverle

Drei-Gänge-Menü als Vertragsinhalt


Weil Schmidl ein schwäbisches Cleverle ist, hat er einen ganz speziellen Vertrag ausgehandelt. „Ich wollte die Sicherheit haben, dass ich von heute auf morgen abhauen kann, wenn ich kein Geld mehr bekomme. Ich habe null Risiko.“ Der Verein bezahlt die Wohnung und das Auto – und zweimal täglich ein Drei-Gänge-Menü im Restaurant. „Fangfrischer Fisch, Salat, viel Gemüse – einfach sensationell“, sagt Schmidl. „Ich habe mich noch nie so gesund ernährt.“ Das Gläschen Wein zum Essen gehört in Spanien dazu wie in Bayern das Weißbier zum Weißwurstfrühstück und dürfte die Energiebilanz nicht beeinflussen.

Die 20 000-Einwohner-Stadt Cangas liegt im nordwestlichen Zipfel Spaniens, in der Provinz Galicien zwischen der Großstadt Vigo und dem portugiesischen Porto. „Die Gegend ist überragend, das Wetter ist toll – ich liebe den Atlantik“, sagt Schmidl. Von seiner Wohnung blickt er aufs Meer, in das die Spieler auch mal direkt nach dem Training hüpfen. Bei 38 Stränden fällt die Auswahl schwer.

Schmidl ist allerdings nicht in erster Linie zum Baden in Spanien – „wobei das natürlich ein nettes Begleitprogramm ist“ –, sondern zum Handballspielen. Und auch sportlich hat der Torhüter wenig auszusetzen. Nach Schmidls Ankunft hat der Verein den Deutschen in einer – ziemlich langen – Pressekonferenz vorgestellt. Mit Dolmetscher natürlich, denn Schmidl war des Spanischen nicht mächtig. „Nur zwei Spieler im Team sprechen Englisch, da war ich gezwungen, schnell die Sprache zu lernen.“ Was sehr gut funktioniert hat – wobei ihm die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen in Cangas sehr geholfen habe. „Ich spürte überhaupt keine Abneigung und habe mich gleich wohlgefühlt.“ Was freilich auch am sportlichen Erfolg lag. In der Vorbereitung lief’s prima für Schmidl, dabei musste er sich erst an das Training gewöhnen. Anders als in Deutschland, werde in Spanien viel mit den Torhütern gearbeitet. Zwei feste Termine in der Woche gibt’s, in der sich ein Trainer ausschließlich um die Keeper kümmert. „Da läuft auch mal die Kamera zur Analyse“, sagt Schmidl. „Mein Torwartspiel hat sich in dem halben Jahr schon ein wenig verändert.“

Offensichtlich nicht zum schlechten, denn zunächst bekam der Ex-Bittenfelder den Vorzug vor dem Montenegriner Mile Mijuskovic, spielte in den ersten vier Partien durch und bekam ausgezeichnete Kritiken. Mittlerweile sei er zwar eher die Nummer zwei, bekomme aber immer noch ausreichend Spielanteile. „Ich bin super zufrieden.“

Fantastisch sei die Stimmung in der heimischen Halle. Mit 3000 Sitzplätzen gehört die zwar zu den kleineren in der Liga Asobal, der Geräuschpegel indes sei extrem hoch. „Als Auswärtsteam möchte ich da nicht spielen, unsere Fans sind schon sehr, sagen wir mal, emotional.“

Für Cangas lief’s in der Hinrunde überraschend gut. In den vergangenen Jahren spielte das Team meist gegen den Abstieg, nun fehlt ihm zur Saisonhalbzeit lediglich ein Punkt zu den internationalen Plätzen. Und das in der Liga des Weltmeisters, die vom FC Barcelona um Ex-Welthandballer Nikola Karabatic dominiert wird. Schmidl ist überzeugt davon, dass einige Mannschaften der Liga Asobal in der deutschen Elite-Liga mithalten könnten. Sein Team schätzt er auf „unterem Erstliga- oder zumindest sehr gutem Zweitliga-Niveau“ ein.

Er habe großen Spaß in der jungen Mannschaft, in der es keine Stars gebe. Obwohl: Einer hat durchaus einen bekannten Namen. Alen Muratovic, ehemaliger Nationalspieler von Serbien-Montenegro und von 2008 bis 2010 bei der SG Flensburg-Handewitt, kehrte vor dieser Saison nach Cangas zurück. Dabei war der 33-Jährige nach einer schweren Schulterverletzung quasi schon Sportinvalide. „Er kann zwar nicht mehr richtig werfen“, sagt Schmidl und lacht. „Er hilft uns aber trotzdem weiter.“

So weit, dass Cangas wohl kaum mehr in Abstiegsnöte kommen dürfte. Womit der Verein Planungssicherheit hat. Ende Mai läuft Schmidls Vertrag aus, über die nächste Saison hat er sich aber noch keine großen Gedanken gemacht. Was für spanische Verhältnisse normal sei. „Die Deutschen verhandeln im Januar, die Spanier nicht vor April.“

Demnächst wird sich Schmidl mit seinem Berater zusammensetzen, vorher genießt er den Heimaturlaub in Asperg. Die Treffen mit Freunden, das Wiedersehen mit den ehemaligen Mannschaftskollegen. Dass er immer „top informiert“ ist, was beim TV Bittenfeld so läuft, liegt an der Freundschaft zu Jürgen Schweikardt. Selbstverständlich drückt Schmidl dem TVB aus der Ferne die Daumen. „Ein wenig enttäuschend war die Hinrunde schon“, sagt Schmidl. „Der TV Bittenfeld hat eine tolle Mannschaft, ich dachte, es läuft ein bisschen besser.“

Comeback

„DJ Fuzzy“ in der Mannschaftsbar


An Dreikönig fliegt Schmidl zurück nach Spanien, zwei Tage später startet die Vorbereitung auf die Rückrunde. Dann beginnt der zweite Teil der Geschichte, die Schmidl heute noch zum Staunen bringt. „Wenn mir einer vor einem halben Jahr erzählt hätte, dass ich gegen Karabatic spiele, hätte ich ihn für verrückt erklärt.“

In einem Bereich indes hat Felix Schmidl noch Nachholbedarf: Seine zweite Karriere als DJ Fuzzy ist in Spanien ins Stocken geraten. Das Comeback dürfte allerdings nicht mehr lange auf sich warten lassen. „Die Jungs haben natürlich mitgekriegt, dass ich auch Discjockey bin.“ Es gebe da so eine Bar, in der die Mannschaft den Abend nach den Spielen ausklingen lasse. „Ohne dass dies natürlich die sportliche Leistung beeinflussen würde.“

Falls es doch einmal ein wenig später werden sollte beim Feiern, hilft immer noch der Sprung in den Atlantik.

Zur Person

Felix „Fuzzy“ Schmidl wurde am 3. Juli 1989 in Stuttgart geboren. Er ist 1,90 Meter groß und wiegt 88 Kilogramm.

Im Dezember vergangenen Jahres schloss er sein Studium (Erneuerbare Energien) ab.

Von 1997 bis 2005 spielte Schmidl beim TSV Asperg, wurde mit der C- und B-Jugend württembergischer Meister.

Von 2005 bis 2008 trug er das Trikot des TV Kornwestheim und der HBR Ludwigsburg.

Von 2008 bis 2011 war der Torhüter bei der SG Pforzheim/Eutingen unter Vertrag – mit Zweifachspielrecht beim Zweitligisten TV Bittenfeld.

In den Spielzeiten 2011/2012 und 2012/2013 stand Schmidl beim Drittligisten TSV Neuhausen/Filder im Tor, ebenfalls mit Zweifachspielrecht beim TVB.

Zur aktuellen Saison 2013/2014 wechselte Schmidl in die erste spanische Liga zu Frigorificos del Morrazo Cangas.

In seiner Freizeit legt er gerne Platten auf – als Discjockey.

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