Handwerk statt Modebranche Der ungewöhnliche Berufswechsel einer Rudersbergerin

Lisa König, Anlagenmechanikerin für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Foto: ZVW/Gaby Schneider

Rudersberg. Blond, zierlich, 1,57 Meter groß – sie kommt aus der Modebranche; und ist Handwerkerin: Lisa König, Anlagenmechanikerin für Sanitär-, Heizungs-, Klimatechnik. Ungewöhnlich? Sicher. Seltsam? Nicht bei näherem Hinsehen.

Meine Güte, wie oft hat man das schon gehört: Die Handwerkskammern werben um Nachwuchs, predigen, dass auch für Abiturienten ein Beruf mit der Hand am Arm eine sinnvolle Wahl sein könne, und beschwören, dass so was heutzutage doch bitte nicht mehr nur Männersache sei – bloß reden da in der Regel halt Kammerfunktionäre. Und bei allem Respekt: Das sind meist nicht mehr ganz junge Männer mit überschaubarem Begeisterer-Charisma.

Und da sitzt nun sie und erzählt in etwa dasselbe, bloß so anschaulich, glaubwürdig, schwungvoll, dass du nicht anders kannst, als zu denken: Heiliger Strohsack, das ist die perfekte Handwerksbotschafterin.

Ihr habe „der tiefere Sinn gefehlt“

Lisa König, 25, aus Rudersberg: Nach dem Abi absolvierte sie ein Duales Studium bei einem Mode-Unternehmen, machte ihren Bachelor in BWL, hatte „viel mit Zahlen zu tun“, lotete „Optimierungspotenziale“ aus, gestaltete „Prozessabläufe lukrativer und effizienter“ – und so okay das war, „am Ende vom Tag bin ich manchmal heimgekommen und habe gedacht: Was habe ich heute getan? Von was an meiner Arbeit hat die Menschheit profitiert?“

Sicher, jeder braucht was zum Anziehen. Aber elegante Kleidung ist letztlich doch ein „Luxusgut in unserer Konsumgesellschaft“. Ihr habe, sagt Lisa König, „der tiefere Sinn gefehlt“. Warum nicht ins Handwerk gehen? „Warmwasser und Heizung brauchen die Leute immer. Man tut der Umwelt und den Mitmenschen was Gutes.“

Große Entscheidungen fälle sie „nicht aus dem Bauch raus. Wenn ich was mache, ist es wohlüberlegt. Ich wäge das ab über Tage, Wochen, Monate.“ Also los ...

Pro und Contra: Der Weg ins Handwerk

Einerseits: Ein „schöner Gleitzeit-Bürojob“ in Sachen Mode – wenn sie sich die Zukunft vorstellte, konnte sie sich „für zwei, drei Jahre durchaus dort sehen“. Andererseits: Was wäre „in fünf oder zehn“? Und gesetzt, sie bliebe: Fände sie nach ein paar Jahren beruflicher Sicherheit und Routine noch den Mut, „tatsächlich den Schritt ins Handwerk zu wagen“? Einerseits: Sie wälzte große „Zweifel, ob ich an dem Schritt nicht scheitern würde“. Andererseits: Um herauszufinden, was man kann, „muss man es erst mal machen“. Und außerdem: „Ich stehe auf Herausforderungen.“

Sie beschloss: „Es muss ein Cut her“ – ein Handwerk lernen, „von der Pike auf“! Und vereinbarte einen Probetag in der Ausbildungswerkstatt der Wilhelm Schetter Haustechnik GmbH in Stetten.

„Es hat auf Anhieb funktioniert“

Bis dahin war sie „technisch absolut desinteressiert“ gewesen. Physik? „Ein Graus“ im Gymnasium. „Ich war handwerklich genauso bewandert, wie man sich 'ne Frau mit einem Dualen Studium in der Modebranche vorstellt.“ Am Abend vor dem Probetag „habe ich panisch auf meinen Vater eingeredet: Was ist überhaupt Löten?“

Er konnte es ihr so ungefähr erklären, „ein Lötkolben war ihm ein Begriff“, allerdings eher in der Theorie – praktisch „hat er zwei linke Hände“. So vorbereitet also ging sie zu Schetter, „lötete hart, lötete weich – es hat auf Anhieb funktioniert.“

Sie will nicht „die kleine Nette“ sein

Schetter ist ein „fortschrittlicher Betrieb“. Zwar war sie „die erste Handwerks-Azubine“ dort, eine „Pionierin“, aber sie sah sich „vom ersten Moment an von allen gut aufgenommen“, sogar von den „Altmonteuren“. Keiner raunzte von oben herab: Ach, des Mädle kann doch nix traga. Einer legte gar, wenn sie mal wieder mit einem anderen Team auf die Baustelle fuhr, Protest ein: „Wann kommt die Lisa mit mir mit? Wann krieg ich sie denn mal?“

In zwei Jahren schaffte Lisa König den Weg zur Gesellin, nun wird sie wohl den Arbeitsplatz wechseln. So sehr sie Schetter schätzt, sie will erst mal zu einem kleineren Betrieb, der gar nicht anders kann, als sie „ins kalte Wasser zu schmeißen“. Sie will raus aus der Wohlfühlzone, will nicht „die kleine Nette“ sein, die man „nicht überlasten“ darf – „ich brauche jetzt noch ein Jahr, in dem man mich machen lässt und auf eigene Füße stellt“.

„Wenn man gut ist, wird man immer einen Job finden.“

Wer Abi hat, geht doch nicht ins Handwerk: So denken noch immer viele. Lisa König antwortet: Warum eigentlich nicht? Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, das ist ein „absolut lukratives Berufsfeld, super mit Abitur. Wenn man gut ist, wird man immer einen Job finden.“

Die Anforderungen sind komplex: Kesseltypen, Brennertypen, Hydraulik, innovative Technologien – und erneuerbare Energien! Nebenbei hilft man also quasi auch noch mit, die Welt zu retten.

Der Job verlangt „viel Achtung, Mitdenken und Verantwortung“

Und aufregend ist es sowieso: Man muss mit „Gasleitungen und Gefahrenstoffen“ umgehen, da „steht man vor allem als Meister immer mit einem Bein so halb im Gefängnis“, der Job verlangt „viel Achtung, Mitdenken und Verantwortung“.

Später will Lisa König an die Meister- oder Techniker-Schule gehen. Danach wäre sie als studierte Betriebswirtin „ausgestattet für jegliche Ideen, die noch so kommen“: Projektleiterin in einer Firma werden? Interessant. Sich selbstständig machen? „Auch das wäre – je nachdem, wie mutig ich dann noch bin – absolut 'ne Option.“

Man kann sie wählen

Wer auch nur annähernd ein Herz für die Handwerkskammer Region Stuttgart hat, muss jetzt dringend auf diese Seite surfen: www.germanyspowerpeople.de/kandidat/lisa-koenig Dort gibt es einen Button „Für Lisa voten“ – den bitte anklicken. Denn Lisa König macht mit beim Wettbewerb „Germany’s Power People“: Gekürt werden Foto-Models aus dem Handwerk für den GPP-Kalender 2020.

Aus der Region Stuttgart ist auch noch Fabian Hilsenbeck am Start.

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