Heiße Luft statt heißer Tipp Betrüger jubeln ahnungslosen Anlegern wertlose Aktien unter

So sieht ein Aktientipp von Betrügern aus. Foto: Börse Stuttgart

Schon zehnmal in diesem Jahr hat die Finanzaufsicht Bafin vor bestimmten Aktien gewarnt, die zum Kauf angepriesen wurden. Auf der Suche nach einem heißen Tipp gehen Anleger Betrügern immer wieder auf dem Leim. Die Abzocker gehen sehr dreist vor.

Stuttgart - Die Masche funktioniert immer wieder. „Hi Andreas“, schreibt ein gewisser Sven per Fax. „. . . der Deal mit China steht. Morgen wird der Kurs durch die Decke gehen! Deck dich so schnell wie möglich ein, bevor die Meldung rauskommt und alle aufspringen!“ Diese Zeilen sind handschriftlich auf eine Pressemitteilung gekritzelt. Die Wertpapierkennnummer hat Sven sicherheitshalber gleich dazunotiert. Das Ganze wirkt wie ein fehlgeleitetes Fax mit einem heißen Aktientipp. Es ist aber Absicht.

Meist sind Aktien, die derart zum Kauf empfohlen werden, supergünstig zu haben. Das ist Methode und funktioniert, „weil die Betrüger mit billigen Preisen locken und geschickt die Gier der Anleger wecken“, sagt Oliver Hans, Geschäftsführer der Baden-Württembergischen Wertpapierbörse.

Vermutlich haben sich die Herren Sven und Andreas selbst mit einer stattlichen Anzahl dieser Aktien eingedeckt und versuchen mit solchen Fax-Aktionen die Nachfrage anzuheizen. Da in der Regel derart hochgejubelte Aktien nur wenig gehandelt werden, löst die überraschende Nachfrage einen Preisanstieg aus. Den nutzen die Absender, um abzusahnen – und ihr Aktienpaket mit Gewinn zu verkaufen. Das drückt dann ­sogleich wieder den Kurs. Angeschmiert ist der Anleger, der aufgrund des vermeintlichen Aktientipps zugegriffen hat und nun auf wertlosen Papieren sitzt.

Die Betrüger gehen teilweise sehr dreist vor. Sie preisen Aktien sogar telefonisch an, sind oftmals sehr hartnäckig und bedrängen den Angerufenen. In manchen Fällen geben sie sich gegenüber Anlegern sogar als ­Mitarbeiter einer Börse aus, weiß Börsen­geschäftsführer Hans. Manchmal werden Aktien auch vor der Börseneinführung mit Rabatt angeboten. Anleger werden auf­gefordert, den Kaufpreis vorab auf ein ­bestimmtes Konto zu überweisen. Meist gibt es diese Aktie aber gar nicht – und das Konto gehört einer Privatperson, berichtet Hans. Zunehmend würden heute auch soziale Medien wie Twitter und Facebook genutzt, um falsche Nachrichten zu Unternehmen und vermeintliche Aktientipps zu verbreiten.

Hohe Preise schrecken Unerfahrene ab

Eine andere, aber nicht minder erfolgreiche Methode der Betrüger ist die Kaufempfehlung einer Aktie, die durch E-Mail-Newsletter verbreitet wird. Nahezu alle vier Wochen warnt die Finanzaufsicht Bafin auf ihrer Internetseite vor solchen Aktionen – zuletzt für Aktien der Hyper Secure Ltd. In der dubiosen Empfehlung wird ein Gewinnpotenzial von 950 Prozent in Aussicht gestellt. Auch hier handelt es sich um eine Aktie im Billigbereich. „Unerfahrene Privatanleger lassen sich oftmals von hohen Preisen abschrecken“, erklärt Hans. „Sie kaufen lieber 100 Aktien zu einem Euro als eine Aktie zu 100 Euro.“ Statt zu einer Aktie eines Unternehmens mit einer gewissen Substanz zu greifen, erwerben sie lieber optisch billige Aktien oder gar Aktien im Centbereich, ­sogenannte Pennystocks.

Oftmals sind die Aktien, die auf diese Weise angeboten werden, im Freiverkehr gelistet, dem Börsensegment mit den geringsten Anforderungen für Unternehmen. Firmen, deren Aktien im Freiverkehr gehandelt werden, unterliegen beispielsweise nicht der Pflicht, wesentliche Unternehmensnachrichten veröffentlichen zu müssen. Typischerweise gehören die angebotenen Aktien zu Unternehmen, die im Rohstoffbereich wie Gold oder Öl tätig sind oder im Bereich der erneuerbaren Energien.

Wenn der Bafin Kaufempfehlungen mit unseriösen Angaben auffallen, leitet sie ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Marktmanipulation ein. So nennen Juristen den Vorwurf, wenn etwa ein Anlageberater Aktien kauft und sie anschließend nur darum zum Kauf empfiehlt, um den Kurs zu treiben und seine Anteile gewinnbringend wieder abzustoßen. Verboten sind auch falsche Informationen, etwa zum Gewinn einer Gesellschaft, die den Börsen- oder Marktpreis beeinflussen können.

Die Börse hat nur Einzelne reich gemacht

In diesem Jahr hat die Finanzaufsicht bis Ende September bereits 174 Untersuchungen wegen Marktmanipulation eingeleitet. Auf das Jahr gesehen rechnet die Aufsichtsbehörde mit etwa 210 Untersuchungen. ­Damit müsste sie zwar nicht ganz so häufig einschreiten wie 2012, als sie 250 Untersuchungen einleitete, aber noch deutlich öfter als 2011 mit 166 Untersuchungen. „In den vergangenen vier Jahren hat sich die Zahl der Untersuchungen fast verdoppelt“, sagt eine Sprecherin der Bafin.

Immer öfter macht die Behörde die Betrüger dingfest. „Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Ermittlungsverfahren, die mit Sanktionen enden“, sagt die Bafin-Spre­cherin. Das heißt: Immer mehr Verfahren enden mit einer Verurteilung oder einer Einstellung gegen Zahlung einer Geldauflage.

Schnell reich werden an der Börse? Oliver Hans räumt mit solchen Vorstellungen auf. „Es gibt Menschen, die in sehr kurzer Zeit an der Börse sehr reich geworden sind – aber das sind Einzelfälle. Vermögensaufbau an der Börse braucht seine Zeit“, sagt der Börsenchef. Wer entsprechende Kaufempfehlungen erhält, die extrem hohe Renditen in Aussicht stellen, sollte sich Folgendes fragen: „Wenn jemand weiß, wie er 100 Prozent Rendite einstreichen kann, warum sollte er diese Information mit anderen teilen?“ Für Hans steht fest: „Ein Renditeversprechen von 100 Prozent ist nicht nur unseriös, es ist glatter Betrug.“

Vor einer Geldanlage, so sein Rat, sollten Privatanleger das magische Anlagedreieck prüfen: Rendite, Sicherheit und Verfügbarkeit. „Ist die versprochene Rendite realistisch, wie sicher ist die Anlage, und schließlich: wie schnell komme ich wieder an mein Geld?“, zählt Hans die entscheidenden Fragen auf. Er weiß: „Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, ist es auch nicht wahr.“

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