Hochlandrinder in der Talaue Eine tierische Adoptiv-Familie

Björn Thoröe und Töchterlein Mayla (vier) lieben den Kontakt mit Kuh Lisa und ihren Adoptiv-Kälbern. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Waiblingen. Spaziergänger in der Talaue stehen sozusagen auf Du und Du mit Lisa, Mia, Jule und Leni. Für auswärtige Besucher der Remstal-Gartenschau hingegen sind die schottischen Hochlandrinder eine noch unbekannte Attraktion. Seit einer Generation sind sie als zuverlässige, ökologische Rasenmäher und Unkrautvernichter im Einsatz.

Nur auf den ersten Blick wirkt Lisa ein bisschen gefährlich mit ihren ausladenden Wikinger-Hörnern. Wild und vom Wind zerzaust wie das Gras in den schottischen Highlands hängt das Zottelfell über die treu blickenden Augen. Wenn Besitzer Björn Thoröe und sein Töchterlein Mayla nach ihr rufen, folgt sie prompt, aber ohne Eile.

Hektik scheint ihr fremd, mit ihren ruhigen Bewegungen strahlt sie eine Gelassenheit aus, die ansteckt. „Sie ist unsere Kindergärtnerin“, sagt der Diplom-Agraringenieur, der in Remshalden-Buoch einen Pferdehof besitzt und vor einigen Jahren die Pflege der Rinder übernommen hat. Lisa, mit 18 Jahren das Urgestein des Beweidungsprojekts Talaue, kümmert sich um die Kälber Mia, Jule und Leni, die sie angenommen hat wie eigene Kinder.

Schon mehrere Kälber sind auf der Weide geboren worden

Wer die Schotten in der Talaue kennt, weiß: Da fehlt jemand. Lena, gemeinsam mit Lisa aus der ersten Generation des Projekts stammend, ist gestorben. Aus Altersschwäche. Viel leiden musste sie offenbar nicht, es war ein schnelles Ende. „Sie ist einfach umgefallen und war tot“, sagt Björn Thoröe. 18 Jahre seien kein schlechtes Alter für ein Hochland-Rind, das im Freien lebt. Im Schutz des Stalls können die Tiere rund 25 Jahre alt werden. Nun wächst eine neue Generation heran. Leni und Jule hat Björn Thoröe von einem Bauern zugekauft, die weiß gefleckte Mia ist in der Talaue geboren.

Sie ist nicht das einzige Kälbchen, das hier das Licht der Welt erblickt hat. Meistens vollzieht sich diese kleine Wunder auf vollkommen natürliche Weise: Die Hochschwangere zieht sich in ein ruhiges Eck zurück und bringt den Nachwuchs selbstständig auf die Welt. Erst nach der Geburt kommt der Veterinär zur Untersuchung. Obwohl Lisa nicht die Mutter der Kindergruppe ist, macht die Patchworkfamilie einen intakten Endruck. Lisa lässt sich die Ankuschelversuche der Kleinen gerne gefallen.

Ein Hauch von Allgäu im Remstal

Die Unwetter der vergangenen Wochen haben eine alte Traubenkirsche umgeknickt, den Wiederkäuern jedoch konnten sie sie außer triefend nassem Fell nichts anhaben. Bei Sturm oder Starkregen suchen sie Schutz in einem hölzernen Unterstand. Schotten sind, die Rinder wie die Menschen, eher robust. Die rauhe Umgebung verlangt es so. Das macht die Rinderrasse für die Weide-Haltung so attraktiv. Wettererprobt und von ausgeglichenem Temperament passen sie in die Talaue, wo sie auf zweieinhalb Hektar leben und der sie durch ihre Anwesenheit einen Hauch von Allgäu verleihen.

Eine Nachbarsfamilie weidet am renaturierten Schüttelgraben: Fünf Kühe und drei Kälber auf sieben Hektar. Kaum eine andere Rasse hat derart die Ruhe weg wie die zotteligen Zeitgenossen von der Insel. Bei der tobenden Kuh, die vor vier Jahren ausbüxte, die Bundesstraße überquerte und Korb unsicher mache, handelte es sich um eine Hinterwäldlerin. Abgesehen hatte die Arme eine schwierige Vergangenheit in der Wilhelma, wo sie von Artgenossen gemobbt wurde.

Rückzugsorte inmitten von Verkehrs- und Stadtlärm

Wenn vom Altstadtfest die Musik allzu laut herüber wummert, ziehen sich Lisa und Co. in entferntere Nischen zurück. Ansonsten sind die Weiden in der Talaue und am Schüttelgraben, obwohl ganz in der Nähe der B 14 beziehungsweise der stark befahrenen Hallenbad-Kreuzung gelegen, fast so etwas wie Horte der Ruhe. Spaziergänger machen Halt und genießen den friedlichen Anblick oder plaudern, falls er gerade anwesend ist, mit dem Besitzer. Auch er selbst weiß die Weiden als Rückzugsort zu schätzen. Nach einem stressigen Arbeitstag ist ein Besuch bei den Rindern die reinste Kur.


Beweidungsprojekt

Die Beweidung in der Talauen geht auf eine Initiative der Ortsgruppe des Naturschutzbunds Nabu zurück. Die Rinder sollen eine ebenso ökologisch wie ökonomisch sinnvolle Landschaftspflege ermöglichen.

Die Tiere sparen die Kosten für maschinelles Mähen, die Artenvielfalt der Wiesen wird bewahrt und gleichzeitig wird verhindert, dass sie mit Büschen zuwuchern.

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