Hutmuseum in Lindenberg Hut ab!

Die Lindenberger Hutmacher waren für Stohhütte bekannt. Foto: Thomas Gretler

lindenberg - Als einziges Museum seiner Art in Deutschland erklärt das Hutmuseum nicht nur alles über die Fertigung, sondern zeigt mit unzähligen Exponaten die modische Entwicklung des auffälligen Accessoires. „Mit keinem Schmuckstück ziehen sie so viele Blicke auf sich, wie mit dem passenden Hut“, erklärt Museumsführer Günther Rädler, gelernter Hutmacher und ehemaliger Mitarbeiter der Firma Reich, der interessiert lauschenden Damenrunde. Gleich kommen sie seiner Aufforderung nach, doch selbst den Kopfschmuck, den es in allen Formen und Größen gibt, aufzusetzen. Unter viel Gelächter und sichtlich vergnügt stülpen sich die Besucherinnen Strohhüte, farbige Hauben, strenge Schuten, schmucke Kapotten und ausladende Florentiner über. Gemeinsam posieren sie fürs Foto vor der drehbaren Wand, die einen Strand, den New York Times Square oder eine Party der 50er Jahre als Hintergrundmotiv anbietet.

„Ein Hut auf dem Kopf macht sichtbar“, sagt Rädler. Er verrät oft mehr über den Träger, als es Kleidung oder andere modische Elemente vermögen. „Die Kreativität der Hutmode war über die Jahrhunderte fast unerschöpflich“, sagt Museumsleiterin Angelika Schreiber. Die Kopfbedeckungen sind so alt wie die Menschheit. Als Schutz vor Regen, Sonne und Schmutz, als Accessoire oder passend zur Uniform war der Hut bis in die 60er Jahre fester Bestandteil der Garderobe. Mit dem Auto verlor er seine Schutzfunktion und wurde beim Sitzen im Fahrzeug zu unbequem.

Der Hut gab auch Auskunft über Herkunft und Stand des Trägers

Die einzelnen Hutmodelle verraten nicht nur Alter, Familienstand und Religionszugehörigkeit, sondern sagen auch etwas aus über Herkunft und Stand aus – was sogar per Gesetz verlangt wurde. So trugen Mädchen nach der Hochzeit Hauben, um Haare und Ohren zu bedecken und kamen sprichwörtlich „unter die Haube“. „Wir sind bei unseren Recherchen auf unzählige Weisheiten gestoßen, die sich alle um den Hut ranken“, erzählt die Leiterin. Einige dieser Sprüche unterhalten beim Aufstieg im lichtdurchfluteten Treppenhaus, dessen Architektur durch die Reduzierung auf die Materialien Beton, Stahl und Glas besticht.

Erst durch die Französische Revolution fielen die strengen Kleiderordnungen. Die Damen in Deutschland versteckten sich in der Biedermeierzeit unter Schuten, eine Mischung aus Hut und Haube, die weit ins Gesicht hineingezogen wurde. In den passend zur Hutform geschwungenen Vitrinen, können die „Scheuklappen“ bewundert werden. Weitaus angenehmer seien die zeitgleich aufkommenden Florentiner gewesen, eine Art breitkrempiger Sonnenhut, erklärt die Hutexpertin.

Die Industrialisierung und der damit verbundene Wohlstand ließ auch die Damenhüte erblühen. Die eher kleinen Kapotten trumpften mit einer reichhaltigen Garnitur auf, so wird die Verzierungen der Krempen genannt. Besonders beliebt waren Spitzen, Früchte und Federn von Paradiesvögeln.

Die Armut trieb die Bauern dazu, Borten aus Weizen zu flechten

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Lindenberger selbst. Denn die Hausfrauen in Heimarbeit, die Huthändler, die Arbeiter und Fabrikanten haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Stadt zum „Klein-Paris“ der Hutmode gemacht und sind als Zentrum des Herrenstrohhutes zu Weltruhm gelangt. Gemeinsam produzierten sie in Hochzeiten einen Jahresabsatz von acht Millionen Hüten. Der Huttornado – Mittelpunkt der Ausstellung – symbolisiert den Export in alle Welt. Die Installation beeindruckt durch die zahllosen weißen Kopfbedeckungen, die sich an einer gewundenen Metallstange strudelgleich in die Höhe verteilen.

Die Armut trieb die Bauern dazu, Borten aus übrig gebliebenem Weizen zu flechten. In langen Winternächten nähten die Frauen daraus Strohhütte, die zum Schutz bei der Feldarbeit getragen wurden. Der Pferdehandel führte die Allgäuer über die Alpen bis nach Italien. Von ihren Reisen brachten sie das Wissen mit, aus jungen und biegsamen Halmen besonders feine und kunstvolle Hüte zu flechten.

Die erste Hut-Compagnie mit Arbeitsteilung und Lohnarbeit wurde 1755 gegründet. Im Jahr 1900 gab es bereits 34 Strohhuthersteller mit rund 3000 Beschäftigten im Ort. Mit dem frühen Anschluss an die Eisenbahn und der Errichtung eines Zollamtes gewann Lindenberg immer mehr an Bedeutung und wurde 1914 zur Stadt erhoben. Vom einstigen Wohlstand zeugt der große „Hut Dom“, die Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul.

Die Spuren der Pferde auf ihrem mühsamen und gefährlichen Weg durch die Berge bis nach Italien findet der Besucher im dritten Stock. An den alten Pressen und Ziehmaschinen der Firma Reich, die 1997 Konkurs anmeldete, kann jeder ausprobieren, wie viel Kraft der Akkordarbeiter beim Hutpressen und Ziehen benötigte. Die Besucher erfahren Wissenswertes über die Fertigung und können sich ihr eigenes Hut Modell kreieren. „Den Beruf des Hutmachers gibt es heute nicht mehr. In diesem Berufszweig gibt es nur noch die Ausbildung zum Modist“, weiß Schreiber, die an einem einzigen Hut, dem Matelot, die ganze Geschichte des Kopfputzes erzählen kann.

Der Exportschlager der Lindenberger war besagter Matelot, einst exklusiv gefertigt für die Matrosen des Kaisers und Königs von Preußen, Wilhelm II. Ihn zeichnet ein gerader Rand und sein flacher Kopf aus. Als Schmuck garniert ein breites Band, oft mit einer seitlichen Schleife versehen, den Matrosenhut. Neben den Strohhüten fertigten einige örtliche Manufakturen Filzhüte. Über 70 Arbeitsschritte und viel Handarbeit sind nötig, um aus dem Filzstumpen, der kapuzenähnlichen Vorform, durch Pressen und Ziehen, die richtige Form zu bekommen.

Stolz ist Schreiber auf die Papstkappe in einer der Schaukästen, die von Papst Benedikt getragen wurde. Gleich gegenüber steht ein Model, das die Hutmacherin der englischen Königin eigens fürs Museum anfertigte. Auch Musiker Roger Cicero hat sich mit einem Exponat verewigt. Erfolglos waren die Bemühungen dagegen, einen echten „Udo“ von Udo Lindenberg zu bekommen. Selbst die Hutkönigin konnte dem Musiker keines seiner Markenzeichen abringen. „Ich frage aber weiterhin jeden, ob er einen guten Draht zum Rockmusiker hat, um doch noch an einen ‚Lindenberg’ für Lindenberg zu kommen“, sagt Angelika Schreiber.

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