IBA 2027 und Landesgartenschau 2032 So könnte das Winnenden der Zukunft aussehen

Ortsschild von Winnenden. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Winnenden. Im Rathaus gären Visionen: Am Bahnhof könnte entlang des Bahndamms ein mehrstöckiges Wohn- und Geschäftshaus gebaut werden, die Hufeisenkreuzung könnte zum prächtigen Eingang der Gartenschau werden, der Zipfelbach könnte aus seinem Loch herausgeholt und auf der anderen Seite der Gleise könnte der Bahndamm zu einer begrünten Terrasse mit Pavillon werden.

Stadtentwickler Markus Schlecht, der diese Visionen mitentwickelt hat, gibt zu: „Für Winnender würde die Bahnhofsgegend nicht mehr erkennbar sein.“ Schlecht und der städtische Umweltreferent Jürgen Kromer befassen sich seit einem Jahr mit Visionen, besuchen Zukunftsworkshops, lesen Prognosen, lassen sich beraten von Städte- und Landschaftsplanungs-Professoren, hören die neuesten Begriffe aus der Fachwelt und sind überzeugt: Die Zukunft wird in Winnenden am Bahnhof beginnen, sie wird mehr Bus- und Bahnfahrten bringen und mehr Fahrten in geliehenen Autos und mit Fahrrädern, und dafür werden der Bahnhof und seine Umgebung eine große Mobilitätsdrehscheibe. Ganz sicher ist für sie auch: Die Zukunft wird grün und blau.

Heiße Sommer: Städte brauchen Bäume und Bäche

Das heißt: In künftige Wohngebiete, selbst in Gewerbegebiete, werden viel mehr Bäume und Pflanzen kommen, und es werden mehr Fließgewässer und Wasserflächen angelegt werden. Denn: Wir hatten jetzt zwei superheiße Sommer. Jürgen Kromer sagt: „Wir stehen nicht vor dem Klimawandel. Wir stecken mittendrin.“ Die Antwort auf den Klimawandel ist aus Kromers Sicht: Erstens mehr Bäume, weil der Baumschatten viel mehr kühlt als jede Markise und weil die Bäume CO2 abbauen und Sauerstoff herstellen. Und zweitens mehr offene Gewässer in der Stadt, weil das Wasser kühlt. Kurz gesagt: Grün und Blau.

Grüne Stadt: Gartenschau mit Gewerbegebiet

Nachhaltig und klimagerecht zu planen und zu bauen – das war schon immer das Ziel der Winnender Städteplaner. Aber noch nie dachten sie so visionär wie jetzt, und das hat seinen Grund in der Bewerbung Winnendens und Schwaikheims für die Landesgartenschau. Seitdem die Bewerbung läuft, wissen die Planer beider Kommunen, dass sie sich die Welt des Jahres 2032 vorstellen müssen, auch wenn jetzt noch gar nicht feststeht, ob die beiden Kommunen die Gartenschau bekommen.

Die Visionen der Winnender - und der Schwaikheimer im Übrigen auch – entwickeln sich in Richtung Städtebau. Die Planer möchten Siedlungen durchgrünen, Bachläufe renaturieren, freilegen, Grünflächen verbinden. Das künftige Winnender Gewerbegebiet Untere Schray zwischen Marbacher Straße und Schwaikheimer Straße soll teilweise Zentralfläche für die Landesgartenschau werden und soll schon vor 2032 als grünes Gewerbe- und Wohngebiet begonnen werden.

Spätestens bei diesem Gebiet kommen die Stadtentwickler auf den Gedanken, dass es für die Gartenschau viel böte – ähnlich wie die Wohnsiedlung in der Bundesgartenschau in Heilbronn, und dass es zugleich für eine Internationale Bauausstellung 2027 Thema sein könnte. Winnenden bewirbt sich für beides. Im Frühjahr 2020 entscheidet ein Gremium der Stuttgarter Bauausstellung, ob Winnenden mit seinem neuen Gewerbegebiet Teil der Ausstellung wird, und ungefähr zur gleichen Zeit entscheidet ein Gremium aus Politikern und Landschaftsplanern, ob Schwaikheim und Winnenden zusammen die Landesgartenschau 2032 bekommen. Wenn beide Entscheidungen für Winnenden positiv ausgehen, dann blüht der Stadt einiges, besonders um den Bahnhof herum.

Wohnen am Gleis: Ungewöhnliche Ideen

Ein Winnender, der jetzt wegzieht und 2032 mal wieder seine Heimatstadt besucht, findet das triste Parkdeck nicht wieder, sondern an seiner Stelle eine Tiefgarage, darüber Geschäfte und darüber ein oder zwei Stockwerke mit Wohnungen. Wirklich Wohnungen? Direkt neben dem Gleis? „Natürlich Wohnungen!“ Stadtentwickler Markus Schlecht lässt überhaupt keine Zweifel zu: „Man kann die Wohnungen so gegen die Gleise abschotten, dass man dort wohnen kann.“

Unser Exil-Winnender wird weitergehen Richtung Hufeisenkreuzung. Rechter Hand vor der Kreuzung wird ein Turm stehen. Die alte Eisenbahnbrücke wird neuen Charme entwickeln. „Wir möchten sie inszenieren, vielleicht beleuchten oder begrünen.“ Zusammen mit dem Platz wird die Brücke den Eingang zur Gartenschau bilden. Und dann wird unser Heimkehrer etwas sehen, was er in den 2010er Jahren gar nie wahrgenommen hat: den Zipfelbach. Denn die Landschaftsplaner wollen ihn, der im tiefen dunklen Graben dahinschleicht, ans Tageslicht holen, die Ufer verbreitern zu einem kleinen Platz, so dass der Fußgänger das Gewässer auch erlebt.

Unter der Brücke geht unser Rückkehrer durch und sieht im rechten Augenwickel einen Pavillon und eine Terrasse anstelle des gewohnten tristen Bahndamms. Von dort blickt er Richtung Blumen-Luckert, der noch so stehen wird, wie es alle gewohnt sind, hinter dem sich aber ein Gewerbegebiet auftun wird, das dem Wohnviertel Arkadien mehr ähnelt als jedem gängigen Industriegebiet – wenn alles so kommt, wie in den visionären Skizzen angedacht.

Autofreie Mitte: Gewerbegebiet mit ruhigem Kern

Markus Schlecht, der Stadtentwickler, sagt ohne mit der Wimper zu zucken: „Das Zentrum dieses Gewerbegebiets muss autofrei bleiben!“ Wie bitte? „Es soll eine grüne und blaue Mitte bekommen“, sagt er und zeigt eine Skizze mit einer Wasserfläche, mit Wohnhäusern und vielen Bäumen, einem gemütlichen Fußgängerbereich. Gemeinderat, Oberbürgermeister und Stadtentwickler wollen, dass das Gewerbegebiet Untere Schray Arbeiten und Wohnen an einem Ort möglich macht, dass dort Handwerksbetriebe und Dienstleister sich ansiedeln, die mit ihren Lieferwagen zu ihren Werkstätten fahren können, die aber im Kern des Gebiets einen ruhigen begrünten Innenhof haben mit einer Wasserfläche.

Im Prinzip hat Winnenden schon so ein Mischgebiet in der Bahnhofsvorstadt, wo viele Leute wohnen, wo aber auch eine Spedition, ein Glaser, eine Bäckerei und etliche Dienstleister ihre Werkstätten und Garagen haben. Die Untere Schray allerdings soll noch viel mehr Grün und mehr Blau bekommen, mehr Pflanzen und überhaupt Wasserflächen.

Plan B: Ohne IBA und Gartenschau

Es klingt erstaunlich, was Markus Schlecht und Jürgen Kromer schildern. Einige Impulse dafür kamen von außen, vom Landschaftsplanungsbüro, das die Gartenschaubewerbung für Winnenden und Schwaikheim vorbereitet, und aus den Gremien der Internationalen Bauausstellung für Stuttgart und die Region, von Professorin Astrid Ley, die die Winnender für die Bauausstellung berät. Ohne IBA- und Gartenschau-Bewerbung wären die Winnender Planer möglicherweise gar nicht so weit gegangen mit ihren Entwürfen. Die große Frage bleibt allerdings: Was macht Winnenden, wenn es weder Partner der Bauausstellung wird noch die Landesgartenschau bekommt?

„Das Wohn- und Gewerbegebiet machen wir auf jeden Fall“, sagt Stadtentwickler Markus Schlecht, und es werde sicher nach Kriterien der Nachhaltigkeit und den Anforderungen des Klimaschutzes gebaut. Nur: Mit IBA und Gartenschau würde es besser und wäre eher zu stemmen.

  • Bewertung
    12

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!