Industrie 4.0 in Leutenbach Millionen-Investition bei H.P. Kaysser

Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut in der Halle mit für die neue Pulverbeschichtung im Gespräch mit Geschäftsführer Thomas Kaysser, dem CDU-MdL Siegfried Lorek (links) und dem Leutenbach Bürgermeister Jürgen Kiesel. Foto: Büttner / ZVW

Leutenbach. Die Fabrik 4.0 ist bei der Firma H.P. Kaysser in Nellmersbach keine Zukunftsmusik. Mit dem Online-Portal „Laserteile4you“ werden Aufträge für individuelle Laserzuschnitte vom Einzelstück bis zur Serie online kalkuliert und direkt bestellt. Dank Online-Abwicklung sind für den Spezialisten für Metallbearbeitung auch Kleinstaufträge lukrativ. Eine neue Pulverbeschichtungsanlage ergänzt die breite Angebotspalette.

Zehn Millionen Euro für diese Pulverbeschichtungsanlage sind ein gehöriger Batzen Geld für den „Blech-Kaysser“, wie die Leutenbacher Firma H.P. Kaysser einst genannt wurde. Geschäftsführer Thomas Kaysser schnauft tief durch beim Gedanken an diese Investition. Die Pulverbeschichtung müsse dann halt entsprechend lang halten, sagt er über den Zeithorizont von 25 Jahren, in dem der Mittelständler rechnet. Sie ersetzt zwei alten Anlagen aus den späten 60er- und Mitte der 80er-Jahre. Bei einem Unternehmerabend des CDU-Landtagsabgeordneten Siegfried Lorek mit der baden-württembergischen Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut stellte Thomas Kaysser die neue Pulverbeschichtung in der 3400 Quadratmeter großen Halle vor.

Mit einer Fabrik umzuziehen ist "furchtbar"

„Um 16 Uhr haben die Handwerker noch daran geschraubt“, sagte Thomas Kaysser mit Blick auf die silbern glänzende Pulverbeschichtung zu den Teilnehmern der Unternehmensrunde, zu der Siegfried Lorek und die Firma H.P. Kaysser eingeladen hatten. Gerade noch rechtzeitig sei der erste Bauabschnitt fertig geworden. Der zweite Bauabschnitt für die Beschichtung von Metallteilen bis zu vier Meter Länge startet im Januar 2019. In seiner Begrüßung dankte er mit „väterlichem Stolz“ seinem Sohn Timm, der das sich über drei Jahre hinziehende Projekt betreue. Und er schlug einen Bogen von den kleinen Anfängen der Schlosserei seines Vaters in einem Stuttgarter Keller zum heutigen Mittelständler mit rund 430 Beschäftigten. 1955 war die mechanische Werkstatt nach Winnenden umgezogen. 1968 folgte ein weiterer Ortswechsel. Nach Nellmersbach. „Mit einer Fabrik umzuziehen, ist furchtbar!“, weiß Kaysser und versprach dem Leutenbacher Bürgermeister Jürgen Kiesl, in Nellmersbach bleiben zu wollen.

An den „Blech-Kaysser“ erinnert ein VW Bully aus den 60er-Jahren

1981 übernahm Thomas Kaysser den Betrieb von seinem früh verstorbenen Vater Hans-Paul Kaysser. „Ein Sprung in eine ungewisse Zukunft“, beschrieb er die Herausforderungen für ihn als jungem Unternehmer, die ihm aber auch viel Spaß gemacht habe. Der „Blech-Kaysser“, an den in der Halle ein aus den 60-er Jahren stammender, bestens restaurierter VW-Bully mit der Aufschrift „H.P. Kaysser Eisen u. Blechbearbeitung“ erinnerte, ist seither gewaltig gewachsen. Der Umsatz hat sich auf rund 50 Millionen Euro verfünfundzwanzigfacht. Die Tochterfirma H.P Kaysser International in Rumänien ist mit modernsten Maschinen für Blech- und Schweißkonstruktionen zuständig, was die Wettbewerbsfähigkeit auf dem internationalen Markt sichere.

„Die Firma Kaysser sagt selten Nein. Und meistens kriegen wir es hin!“

Als Grund für das enorme Wachstum hat der Chef eine einfache Erklärung: „Die Firma Kaysser sagt selten Nein. Und meistens kriegen wir es hin!“ Selbst vermeintlich unmögliche Bearbeitungslösungen werden gemeistert, auf die sich das Unternehmen spezialisiert hat, egal ob es sich dabei um Stanzen, Biegen, Fräsen, Drehen, Laserschneiden und -schweißen, Pulverbeschichten oder Nasslackieren handele. Hingekriegt hat das Unternehmen dank „Laserteile4you“ auch die Auftragsbearbeitung von Kleinstaufträgen.

Stolz ist die Firma H.P. Kaysser auf seine Ausbildung. 36 junge Leute arbeiten in sieben Berufsfeldern in der „Lernfabrik“, die weit mehr ist als eine Ausbildungswerkstatt. Sämtliche Abläufe eines betrieblichen Prozesses werden in dieser „kleinen Fabrik“ praxisorientiert exerziert, erarbeitet und durchgeführt. Zur Ausbildung gehört bei Kaysser mehr als Fachwissen. In ihrer Ausbildung kommen sie mit Menschen mit Behinderungen und Fluchterfahrungen in Kontakt. Auf diese Weise will Kaysser die sozialen Kompetenzen seiner Mitarbeiter stärken. Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut wies in ihrem Vortrag darauf hin, dass Kaysser, wie viele Mittelständler im Land, sich als ein soziales Unternehmen verstehe. Sie erinnerte an die Auszeichnung, die das Unternehmen in diesem Sommer für seine „Corporate Social Responsibility“-Aktivitäten erhielt und von ihr im Rahmen der LEA-Mittelstands Preisverleihung überreicht wurde.


Im Mittelstand zuhause

„Innovation – verantwortungsvoll – stark: Mittelstand in Baden-Württemberg“ war der Vortrag von Wirtschaftsministerium Nicole Hoffmeister-Kraut, 45, überschrieben. Selbst in einem familiengeführten Unternehmen aufgewachsen, kennt die promovierte Betriebwirtschaftlerin die Kultur des Mittelstands und fühle sich in einer Firma wie H.P. Kaysser zuhause. Familienfirmen wiesen eine andere Unternehmenskultur und -philosophie auf als Konzerne, wie beispielsweise die Ausbildungsbereitschaft zeige.

Der Mittelstand stelle im Land rund die Hälfte der Mitarbeiter und stehe für die Hälfte des Umsatzes, bildet jedoch Vierfünftel der Azubis aus. „Sie investieren in kluge Köpfe.“ Auch im ländlichen Raum. Nicole Hoffmeister-Kraut betonte den hohen Stellenwert der beruflichen Ausbildung und warnte davor, mit Hinweis auf andere Länder die akademischen Ausbildungen zu überschätzen. „Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen.“

Nachhaltigkeit sei im Mittelstand nicht bloß ein Schlagwort, sondern eine Haltung. Ökonomie, Ökologie und soziale Verantwortung seien dessen Erfolgsfaktoren. Sorgen müsse man sich zwar nicht, aber die Herausforderungen durch die noch nie da gewesene Dynamik des Fortschritts seien enorm, Stichwort „Wirtschaft 4.0“. Hoffmeister-Kraut nannte zwei Themen, bei denen die Politik den Mittelstand unterstützen könne. Zum einen bei der Bewältigung des Fachkräftemangels und zum anderen bei den globalen politischen Turbulenzen und Herausforderungen. Aufgrund des von US-Präsident Donald Trump ausgerufenen Handelskrieges sei der Export gefährdet, wie die jüngste Gewinnwarnung von Daimler gezeigt habe.

Die Wirtschaftsministerin sprach sich für Steuersenkungen für Unternehmen aus. Sie wies sie auf die USA, Frankreich und Großbritannien hin, wo entsprechende Schritte eingeleitet wurden. „Deutschland darf nicht zurückfallen.“ Die Unternehmen benötigten das Geld, um ihre Investitionen zu finanzieren, um die Herausforderungen – wie zum Beispiel der Künstlichen Intelligenz – zu bewältigen.

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