Industrie 4.0 Kommentar: Manöverkritik der Revolution

Industrie 4.0, die jüngst ausgerufene vierte industrielle Revolution, ist im Kern ein wirtschaftspolitisches Programm. Wer das Programm antreibt, welche Zielsetzungen dahinterstecken, wie jedoch programmatische Theorie und anwendungsorientierte Praxis auseinanderklaffen, soll im letzten Teil dieser Serie kommentierend beleuchtet werden.

Eine Revolution, im eigentlichen Wortsinne einer abrupten Umwälzung, ist Industrie 4.0 keine, das haben die vielen Unternehmensporträts im Rahmen dieser Serie gezeigt. Viele mittelständische Anlagenbauer und -anwender hatten lange schon vor der Wortschöpfung „Industrie 4.0“ Automatisierungs- und Vernetzungslösungen in Betrieb, die sich mühelos von dem Begriff vereinnahmen lassen. Das Wort Revolution taugt nur besser zur Vermarktung als beispielsweise eine Formulierung wie „schrittweise Evolution“, die jedoch der Realität näherkäme.

Warum aber will jemand überhaupt etwas vermarkten und weiter forcieren, wenn es technologisch gesehen längst seinen evolutionären Gang nimmt? Die Antworten auf diese Frage fallen ganz unterschiedlich aus.

Allumfassende Vernetzung als finanzkapitalistische Utopie

Im aktuellen „Mittelweg 36“, der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, wird die Gefahr einer Entwicklung hin zu einer „digitalen Knechtschaft“, zu einem „digitalen Despotismus“ an die Wand gemalt. Zum Beispiel in dem Sinne, dass der Mensch durch die zunehmende Vernetzung und immer präziser getaktete digitale Prozess-Steuerungen noch überwachbarer und seine Arbeitsleistung noch kontrollierbarer und vergleichbarer wird.

Der E-Commerce macht vor, was Gewerkschafter und Betriebsräte auch für die produzierende Industrie dräuen sehen. Lagerarbeiter großer Online-Versandhäuser stehen unter der Knechtschaft ihrer Handscangeräte, die ihnen den Weg zur auszuliefernden Ware im Regal vorgeben. Sie scannen Produkte hier, sie scannen Auftragsnummern dort, und der Arbeitgeber erhält gleichzeitig noch detaillierte Verhaltens- und Bewegungsdaten. Und wenn überhaupt Tariflöhne gezahlt werden, dann am liebsten nur die der Logistikbranche und nicht die des Einzel- und Versandhandels.

Online-Plattformen wie ODesk, Freelancer und Twago vermitteln selbstständige Clickworker, die salopp gesagt Lohnarbeit pro Klickzahl bezahlt bekommen, an Auftraggeber. Bei ODesk müssen die Clickworker eine „Team App“ installieren, mit der sich die Arbeit in Echtzeit überwachen lässt: Regelmäßige Screenshots vom Laptop oder PC des Clickworkers an den Auftraggeber ermöglichen die Kontrolle von Arbeitsfortschritt und Arbeitszeit.

Im Oktober 2015 hat der Maschinenbauer Trumpf das Start-up Axoom in Karlsruhe gegründet, das eine „digitale Geschäftsplattform für Fertigungsunternehmen“ anbietet. Wie in einem App-Store soll auf der Plattform industrielle Software zur Planung und Steuerung von Produktionsabläufen an Interessenten vermittelt werden – Software von Trumpf, aber auch von anderen Anbietern. Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller wird in Medienberichten mit den Worten zitiert: „Für uns steht fest, dass wir die Smart Factory nicht Dritten überlassen werden.“

Effizienzsteigerungen durch Vernetzung und Vereinheitlichung in einer großen Smart Factory? Ist nun also auch die Industrie dran?

Bei Industrie 4.0 gehe es langfristig gesehen um etwas, das das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF) im Januar 2011 mit der Gründung einer Task Force, des Projekts Future of Manufacturing und des Global Agenda Council on Advanced Manufacturing, vorgedacht habe, schreibt Sabine Pfeiffer, Professorin für Sozialforschung in Hohenheim, im „Mittelweg 36“.

Das Ziel der globalen Agenda des WEF, so Prof. Pfeiffer: „Die Schaffung weltweit standardisierter und vernetzter Produktions- wie Dienstleistungsstrukturen, die eine flexible und sich möglichst selbst steuernde Kollaboration von fixem und variablem Kapital ermöglichen. Man könnte ein solches Programm für die völlig überzogene Utopie kapitalistischer Visionäre halten, die die Bodenhaftung eingebüßt haben.“

Produzierende Realwirtschaft ist das Herz des Standorts Deutschland

Von einer „internen Finanzialisierung“ spricht in ähnlichem Zusammenhang Rudi Schmiede, Professor i. R. für Arbeit, Technik und Gesellschaft am Institut für Soziologie der Technischen Universität Darmstadt. Interne Finanzialisierung bezeichne „die Gesamtheit aller Maßnahmen, Strukturen und Prozesse, die dazu beitragen, die dominierende Rolle des Finanzkapitals im Inneren von Unternehmen und Organisationen zu verankern, sei es in Form von Eigentumsstrukturen oder durch die Art der Unternehmensleitung.“
 
Die Unternehmensleitung wiederum werde von Seiten des Managements zunehmend mittels finanzieller Kennziffern ausgeübt, die zumeist einer Logik der raschen Profitmaximierung gehorchen. Dies erfolge oft auf der Basis sogenannter Enterprise Resource Planning (ERP)-Systeme, zum Beispiel von SAP. „Diese Systeme zielen auf eine möglichst enge und lückenlose Verknüpfung von materiellen und finanziellen Größen und Prozessen ab“, schreibt Schmiede.
 
Transparenz zum Wohle des Kapitals und nicht zum Wohle des Menschen
 
Die weitere Vernetzung im Sinne von Industrie 4.0, das Internet der Dinge in der Produktion, diente in dieser Logik also der weiteren, ja schließlich allumfassenden, durchgängigen Finanzialisierung der Realwirtschaft. Transparenz zum Wohle des Kapitals und nicht zum Wohle des Menschen. Moment mal! Wollten die Wortschöpfer von Industrie 4.0 nicht gerade ein Zeichen setzen gegen die Irrungen und Wirrungen eines entfesselten Finanzkapitalismus und der produzierenden Realwirtschaft Wertschätzung zollen?
 

„Im Gegensatz zu anderen Industrieländern ist es Deutschland gelungen, die Anzahl der Beschäftigten in der Produktion weitgehend stabil zu halten. Nicht zuletzt wegen des stark mittelständisch geprägten, aber hoch innovativen produzierenden Gewerbes hat Deutschland auch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Finanzkrise besser gemeistert als viele andere.“

Das schrieben die „Industrie-4.0“-Wortschöpfer, die Professoren Henning Kagermann, Wolf-Dieter Lukas und Wolfgang Wahlster drei Tage vor der Hannover Messe 2011 in ihrem grundlegenden Meinungsbeitrag „Industrie 4.0: Mit dem Internet der Dinge auf dem Weg zur vierten industriellen Revolution“ (VDI-Nachrichten vom 1. April 2011).

Damit sich Deutschland als Produktionsstandort weiter behaupten könne, sei das Gebot der Stunde, „sich fit zu machen für die vom Internet getriebene vierte industrielle Revolution.“ Deshalb habe die „Forschungsunion Wirtschaft-Wissenschaft“ auch schon Ende Januar 2011 der Bundesregierung im Rahmen ihrer High-Tech-Offensive die Gründung einer Initiative namens „Zukunftsprojekt Industrie 4.0“ nahegelegt. Notwendig sei nicht nur eine vertikale Vernetzung aller Produktions- und Logistikprozesse innerhalb der Unternehmen, sondern auch eine horizontale Vernetzung über Unternehmensgrenzen hinaus.

Aus der Initiative „Zukunftsprojekt Industrie 4.0“ hatte sich dann zunächst eine von ZVEI, VDMA und BITKOM betriebene „Plattform Industrie 4.0“ entwickelt. Doch bei einer Tagung des VDI im Februar 2015 in Düsseldorf wurde resignierend festgestellt, dass diese Verbändeplattform vor dem Aus stehe, weil es außer Gremienarbeit „kein konzertiertes Vorgehen deutscher Unternehmen“ gebe, während beispielsweise in den USA das 2014 gegründete Industrial Internet Consortium (ICC) viel zielführender vorgehe. Ein Grund für den Erfolg des ICC, dem sich auch deutsche Konzerne wie Bosch oder Siemens angeschlossen haben: Das ICC sei pragmatischer und nicht auf Teufel komm raus auf unbedingte Vereinheitlichung, etwa von Schnittstellen-Standards, bedacht.

Parallel dazu wurden kritische Stimmen laut, dass der deutsche Mittelstand im Rahmen der Industrie-4.0-Förderung ins Hintertreffen gerate und nur die großen Konzerne Fördergelder einheimsten sowie ihre Marktstellung ausnutzten, um eigene Schnittstellen-Standards sowie Antriebssteuerungs-Hard- und Software zu verbreiten, dies auf Kosten mittelständischer Technologien – der Mittelstand ist doch aber gerade das Rückgrat der deutschen Industrie und Wirtschaft.

Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) reagierte und übernahm im März die aktive Schirmherrschaft über eine „neue“ Plattform Industrie 4.0. Das BMWi bezeichnete diese im November 2015 mit über 250 Teilnehmern aus mehr als 100 Organisationen als das weltweit größte und vielfältigste Industrie-4.0-Netzwerk (www.plattform-i40.de).

Das BMWi gab zudem eine Studie in Auftrag: „Erschließen der Potenziale der Anwendung von Industrie 4.0 im Mittelstand“, die im Juni 2015 erschien. Die Studie ist im Internet (hier) abrufbar und für kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) auch deshalb interessant, weil darin die vielen millionenschweren Förderprogramme in Deutschland dargelegt werden und inwieweit sich diese für eine KMU-Teilnahme eignen.

Politik sollte sich entschieden der Einweg-Vernetzung widersetzen

Die deutsche Bundesregierung und auch die baden-württembergische Landesregierung sollten sich im Zuge ihrer wirtschaftspolitischen Aktivitäten im Rahmen der „Industrie-4.0“-Programmatik noch mehr und noch engagierter für KMU, all die hidden champions innerhalb der Wertschöpfungsnetzwerke, einsetzen. Und: Die Politik sollte sich entschieden gegen eine zu große Vereinheitlichung und Monopolisierung wehren. Ist es nicht gerade die Ideenvielfalt, die Kreativität, die Unterschiedlichkeit, die den deutschen Maschinen- und Anlagenbau so wettbewerbsfähig macht!?

Die großen Unternehmen verstehen Vernetzung als Einbahnstraße, geben selbst nichts preis

Auch scheinen es vor allem die mächtigen, marktbeherrschenden Unternehmen zu sein, die sich gegen die in alle Richtungen offene horizontale Integration in den Wertschöpfungsnetzwerken sträuben. Datentransparenz und Datendurchgängigkeit wird von ihnen bislang nur nach unten in der Lieferhierarchie eingefordert. Selbst halten sie sich zurück und berufen sich gerne auf die Know-how-Bewahrung. Andersherum, von ihren Zulieferern, von den KMU, aber wollen sie alles wissen und Know-how abschöpfen, vor allem, um eigene Standards zu monopolisieren und die eigenen Kosten zu drücken.

Die Politik muss hier gegensteuern und auch die Großen in die Pflicht nehmen, sonst geraten Industrie 4.0 und das Internet der Dinge – spätestens langfristig – zur Mittelstandsvernichtungsmaschine.

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