Initiative Regenbogen Stetten diskutiert über Homo-Ehe

Seit Oktober 2017 dürfen homosexuelle Paare in Deutschland heiraten. Foto: Stephen Davies/stock.adobe.com

Kernen-Stetten. Die kirchliche Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren ist ein emotionales Thema – das hat am Montagabend eine angeregte Diskussion im evangelischen Gemeindehaus in Stetten gezeigt. Es geht um die Frage: Tritt Stetten der Initiative Regenbogen bei, die sich für die Segnung von homosexuellen Paaren einsetzt?

Bereits im November 2018 befasste sich die evangelische Kirchengemeinde in Stetten damit, der Initiative Regenbogen beizutreten. Der Vortrag und die anschließende Diskussion drehten sich hauptsächlich um die Angst um Nachkommen. Die Bilanz des Abends: gespaltene Meinungen, aber generelle Offenheit gegenüber Segnungen für homosexuelle Paare. Einzelne empfanden den Abend als einseitig. Es sei vor allem für die Segnungen geworben worden. Deshalb organisierte die Gemeinde nun einen Gegenvortrag.

Dekan Ralf Albrecht aus Nagold referierte am Montag als Mitglied der Landessynode zum Thema „Warum ich nicht dafür gestimmt habe“. Bei der Herbstsynode 2017 der Evangelischen Landeskirche in Württemberg gab es keine Zwei-Drittel-Mehrheit für die öffentliche Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren. Albrecht war einer, der dagegen gestimmt hatte, und erklärte am Montag, warum.

Das Interesse der Stettener ist da: Vor rund 50 Besuchern begründete Albrecht seine Entscheidung. Denn die Bibel, so wie er sie versteht, sei eine Richtschnur und ein Maßstab. Er sagt: „In dieser Bibel finden wir keine Ermächtigung dafür, eine solche Segnung durchzuführen.“ Für ihn ist die Ehe zwischen Frau und Mann das „vorrangige Modell“. Denn schon von der Schöpfung an sei die grundlegende Idee die Verbindung zwischen Mann und Frau gewesen. Er unterstütze das traditionelle Modell der Familie, die auf ein „ganzes gemeinsames Leben in Treue“ angelegt und somit die „grundlegende Form menschlichen Zusammenlebens“ sei. So formuliert es der Gesprächskreis „Lebendige Gemeinde“ in der Landessynode, dem Albrecht angehört. Kinder hätten in genau dieser Familienkonstellation einen Schutzraum.

Dass auch viele heterosexuelle Paare nicht ihr ganzes Leben lang zusammenbleiben, führt ein Besucher als Gegenargument an. Doch Albrecht sieht schlichtweg eine „andere Qualität“ im Bund von Mann und Frau. „Schuld“ an dieser Auffassung sei auch die strenge Frömmigkeit des Pietismus, sagt er. Auch Homosexuelle seien aber in der Kirche herzlich willkommen: „Jesus liebt sie.“

„Hat unsere Gemeinde nichts Besseres zu tun?“

Nach einem ruhigen Austausch wird die Diskussion hitziger. Eine Besucherin zeigt sich schockiert: „Hier werden Menschen aussortiert. Es ist bitter, wenn die Kirche sich als ausgrenzend darstellt.“ Albrecht geht darauf ein: „Das Diskriminierungsargument ist ein starkes Argument.“ Doch es gehe hier um die „Differenzierung“ und nicht um die Diskriminierung.

Eine andere Besucherin wirft der Kirche vor, dass sich durch diese Diskussion ein Graben in der Gemeinde bildet. „Die Leute, die jeden Sonntag in den Kirchenbänken sitzen, werden vergrault“, sagt sie. „Hat unsere Gemeinde nichts Besseres zu tun, als sich über so einen Quatsch auszutauschen?“ Eine Person klatscht. Der Rest des Saals ist still, bevor sich aufgeregtes Gemurmel breitmacht. Eine Besucherin, die sich nicht lange zurückhält, erwidert: „Acht bis zehn Prozent der Menschen sind betroffen. Das ist eine Fragestellung, die so wichtig ist.“ Für sie sei die Äußerung, „sich über so einen Quatsch auszutauschen“, äußerst schmerzlich. Der Beifall im Saal gibt ihr recht.

„Wir sind offen für diese Menschen“

Durch die Diskussion zieht sich nicht nur die Frage, ob die Beziehung von Homosexuellen der Beziehung zwischen Mann und Frau gleichgestellt sei, sondern auch die Frage nach der Gleichwertigkeit der Segnung. Zwar hat sich die Landeskirche gegen eine öffentliche Segnung homosexueller Paare entschieden, doch eine Segnung im nichtöffentlichen Raum könne stattfinden. Das heißt, dass Pfarrer in ihrer Aufgabe als Seelsorger homosexuelle Paare segnen dürfen. Und zwar auch in der Kirche, jedoch ohne dass es eine offizielle Ankündigung der Hochzeit gibt, und ohne dass die Glocken läuten. Denn sonst würde die Gemeinde gegen das Kirchenrecht verstoßen. 85 landeskirchliche Gemeinden (Stand Ende Januar) bieten diese nichtöffentliche Trauung als Mitglieder der Initiative Regenbogen an.

Der Kirchengemeinderat und die Pfarrer müssen nun entscheiden, ob Stetten eine Regenbogen-Gemeinde wird. Pfarrer Peter Haigis sagt: „Es wär’ kein Schaden, wenn wir beitreten würden.“ Das würde lediglich zeigen: „Wir sind offen für diese Menschen.“


Neuer Entwurf

Einem neuen Gesetzesentwurf der Landeskirche zufolge sollen bis zu 25 Prozent der landeskirchlichen Gemeinden öffentlich segnen können – das entspricht laut Synodenbericht rund 325 Kirchengemeinden.

Diesen Entwurf diskutierte die Württembergische Evangelische Landessynode bei der Herbsttagung im November 2018. Eine Entscheidung gibt es noch nicht.

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