Integration Öney will Debatte über Kitapflicht

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Stuttgart - Hinter den Aussagen der Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) zum Fernsehkonsum von Türken steht die Erkenntnis, dass die Integration türkischer Zuwanderer schleppend vorangeht. Politiker und Fachleute setzen auf frühen Kitabesuch und steten Kontakt zu den Eltern.

Wie viele Stunden am Tag Türken tatsächlich vor dem Fernseher sitzen, darüber gibt es keine genauen Erkenntnisse. Fakt ist jedoch, dass die rund 850 000 Bürger im Land mit türkischem Pass, von denen allein 20500 in Stuttgart leben, zu den bildungsfernsten und am schlechtesten integrierten Einwanderern gehören.

Die Ausgangslage

Ein Blick in die Schulstatistik des Statistischen Landesamts offenbart die ungleichen Bildungschancen: Im Schuljahr 2010/11 besuchten landesweit 52,8 Prozent der türkischen Kinder eine Hauptschule, 26,4 Prozent eine Realschule und nur 12,9 Prozent ein Gymnasium. Zum Vergleich: Von den deutschen Schülern gehen 15,9 Prozent auf eine Hauptschule, 31,4 Prozent auf eine Realschule und 46,3 Prozent auf ein Gymnasium. Immerhin hat sich der Anteil türkischer Kinder an Gymnasien im Vergleich zum Jahr 2002/03 leicht erhöht, damals waren es nur 9,4 Prozent. Zwar haben viele türkischstämmige Schüler inzwischen einen deutschen Pass und fallen aus der Statistik raus, an der Grundaussage ändert dies jedoch nichts. Umgekehrt nehmen türkische Jugendliche in den Kategorien Jugendarbeitslosigkeit und fehlende Berufsausbildung regelmäßig Spitzenplätze ein.

Eine umfassende Studie des Berlin-Instituts zur Integration im Jahr 2009 ergab, dass die Gruppe mit türkischem Hintergrund die "mit Abstand am schlechtesten integrierte ist". Als Grund dafür nennen die Fachleute, dass die Gastarbeiter der ersten Generation häufig ohne jeden Schul- oder Bildungsabschluss kamen. Ein weiterer Nachteil sei die Größe der Gruppe. Vor allem in großen Städten wie Stuttgart falle es den Türken leicht, unter sich zu bleiben. Das erschwere zugewanderten Frauen, die deutsche Sprache zu erlernen. Eine Vermischung mit Deutschen findet kaum statt. 93 Prozent der in Deutschland geborenen verheirateten Türken führten ihre Ehe mit Partnern der gleichen Herkunftsgruppe.

"Soziale Schicht und Bildungsorientierung" sind für Gari Pavkovic, Integrationsbeauftragter der Stadt Stuttgart, die zentralen Faktoren für die schleppende Integration der Türken, aber etwa auch der Italiener. Anders als bei asiatischen Einwanderern sei bei diesen Gruppen die "kulturelle Leistungsorientierung" geringer. Südländische Arbeiterfamilien sind laut Pavkovic "bescheidener, was Aufstieg angeht". Hinzu kommen sprachliche Defizite. Vor allem ab Klasse 5 fehle vielen türkischen Kindern die Unterstützung der Eltern bei der Hausaufgabenbetreuung, die aber in vielen Schulen noch vorausgesetzt werde.

Wege zu besserer Integration

Integrationsministerin Bilkay Öney will in Zukunft vor allem bei der Sprache ansetzen, um die Integration türkischer und anderer Einwanderer zu verbessern. Deshalb wirbt sie dafür, dass Migranten ihre Kinder so früh wie möglich in die Kita schicken, auch wenn die Mütter nicht arbeiten. Vorstellbar ist für sie sogar eine gesellschaftliche Debatte über eine generelle Kitapflicht ab drei Jahren, obwohl sie für die Durchsetzung derzeit kaum Chancen sieht. In jedem Fall müsse das Angebot an Plätzen entsprechend ausgebaut und in die frühkindliche Sprachförderung investiert werden. Zudem will sie Familienzentren angliedern, wo sich "Eltern Beratung holen können".

Auf der anderen Seite gebe es in manchen Schulen immer noch eine "unbewusste ethnische Diskriminierung". Viele türkische Schüler erhielten schlechtere Noten, weil man ihnen automatisch weniger zutraue. "Diese Kinder brauchen Mut und Zuspruch", so Öney. Wertvoll seien deshalb die vielen bereits existierenden Patenschaftprogramme wie zum Beispiel das Mentorenprojekt Großer Bruder - Große Schwester des Deutsch-Türkischen Forums, bei dem ältere Schüler die Jüngeren unterstützen.

Auch für Gari Pavkovic sind Programme wie "Mama lernt Deutsch" oder "Startklar", bei denen sich Senioren um einen besseren Übergang von der Schule in die Ausbildung kümmern, ein wichtiger Beitrag. Die Förderung innerhalb der Schule steht für ihn sogar an höherer Stelle als ein früher Kitabesuch. Denn für den Erfolg etwa bei Schultests wie der Pisa-Studie sei die schriftliche Kompetenz entscheidend, nicht die mündliche. Deshalb sei der von der Stadt vorangetriebene Ausbau der Ganztagsschulen der richtige Weg.

Schulbürgermeisterin Susanne Eisenmann will alle 72 Grundschulen der Stadt bis zum Jahr 2018 zu Ganztagsschulen machen, bisher sind es lediglich 17. Gleichzeitig sollen die Horte für Betreuung an die Schulen angegliedert werden. Im Doppelhaushalt 2012/13 müssten dafür in den ersten beiden Jahren 80 Millionen Euro bereit gestellt werden, in jedem weiteren Jahr etwa 35 Millionen Euro.

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