Jahrhundertealte Handwerkskunst Welzheimerin baut seit über dreißig Jahren Geigen

Eine zeitaufwendige Kunst: Geigen und Bratschen, die Ingrid Hägele gebaut hat – oder die gerade zur Reparatur in ihrer Werkstatt sind. Foto: Palmizi/ZVW

Welzheim. Das Geigenbauen ist eine jahrhundertealte Kunst – und nach wie vor Handarbeit, die viel Zeit, Können und Erfahrung benötigt. Ingrid Hägele unterrichtet nicht nur Musik, sie repariert und baut seit vielen Jahren auch Bratschen und Geigen. Wir haben sie in ihrer Welzheimer Werkstatt besucht.

Fast fünfhundert Jahre ist es her, dass in der norditalienischen Kleinstadt Cremona die Violine ihre erste Blütezeit erlebte. In der Werkstatt von Andrea Amati und seinen Söhnen entstanden Geigen, die vier statt drei Saiten besaßen, außerdem gab er ihnen die charakteristische Wölbung mit Schnecke und verwandte eine innere Form, um die herum ein Zargenkranz gebaut wurde. Diese Bauweise hat sich im Wesentlichen bis heute bewährt.

Einer der Amati-Schüler namens Antonio Giacomo Stradivari brachte die Kunst gut hundert Jahre später schließlich zur Meisterschaft. Noch heute gibt es Instrumente, die aus dieser Zeit erhalten sind. Und während Gitarren heute zum Großteil industriell hergestellt werden, werden gute Geigen nach wie vor in Handarbeit hergestellt. Nur wenige verstehen sich in dieser Kunst.

Lehrjahre der Instrumentenbauerin in Mittenwald und Mainz

Ein bisschen mag wohl jeder, der sich dem Geigenbau verschrieben hat, jene handwerkliche Meisterschaft anstreben. Auch Ingrid Hägele, die seit ihrer Kindheit mit dem Instrument vertraut ist, bewundert die alten Italiener – und wusste schon früh, dass sie auch einmal Geigen bauen wollte. Nach dem Abitur machte sie sich deshalb 1983 auf nach Mittenwald, wo es zu dieser Zeit die einzige Geigenbauschule in ganz Deutschland gab.

Dreieinhalb Jahre lernte sie dort, wie aus Holz, Leim und mit viel Geduld ein Instrument entsteht, an dem sich sein späterer Besitzer noch Jahrzehnte erfreuen kann.

Was gar nicht so einfach ist, wie Hägele schnell feststellen musste. „Der Anfang war doch recht mühsam.“ Das Geld verdienen mit dem Geigenbau auch, was sie nach dem Ende der Ausbildung bemerkte. Während ihrer Zeit als Gesellin in der Mainzer Werkstatt von Peter Körner wuchs deshalb in ihr der Wunsch, im Geigenspiel selbst noch besser zu werden.

Sie nahm Unterricht bei Professor Alois Kottmann und begann ein Schulmusikstudium in Mainz, wo sie die Fächer Geige, Klavier und Gesang belegte. Parallel dazu gab sie Geigenunterricht an einer privaten Musikschule.

Diese beiden Standbeine sollte sie bis heute beibehalten: In ihrer Werkstatt baut sie Geigen und Bratschen und unterrichtet zugleich Geige und Klavier, seit vielen Jahren auch in Welzheim und Alfdorf an der Musikschule.

Hauptsächlich mit Reparaturen ist sie seitdem in ihrer Werkstatt beschäftigt. Was zum einen daran liegt, dass die Streichinstrumente sehr langlebig sind – und nicht selten von einer Generation zur nächsten weitergereicht werden. Zum anderen aber auch, weil der Neubau einer Geige sehr zeitaufwendig ist.

200 Arbeitsstunden bis zur fertigen Geige oder Bratsche

Monatelang arbeitet Hägele, bis das fertige Instrument das Zimmer im ersten Stock ihres Hauses in der Händelstraße verlassen kann. Rund 200 Stunden verbringt sie bis dahin in ihrer Werkstatt. Wer eine Geige oder Bratsche bei ihr in Auftrag gibt, muss sich also erst einmal selbst in Geduld üben.

Als wir sie besuchen, arbeitet sie gerade an einer Bratsche. Das Holz dafür, erklärt sie, stammt nicht aus dem Welzheimer Wald. Es muss hoch wachsen, auf mindestens tausend Meter über dem Meeresspiegel. Denn dort wächst es langsamer, wird dadurch dichter – und bleibt dennoch leicht. Das Holzstück, aus dem der Zargenkranz gemacht wird, also jener Rand, der dem Streichinstrument seine charakteristisch geschwungene Form verleiht, wurde in Südtirol geschlagen.

Der Zargenkranz bildet den Anfang beim Bau einer Geige oder Bratsche – und ist bereits eine Kunst für sich. Um die richtige Form zu erhalten, müssen die 1,2 Millimeter dünnen Holzstücke nass gemacht und mit einem heißen Biegeisen bearbeitet werden. Auf einem Holzmodell werden sie später eingespannt und mit Heißleim verleimt.

Mit dem fertigen Zargenkranz wird später die Form der Boden- und Deckplatten aufgezeichnet. Letztere stammt von einer Fichte und ist das eigentliche Klangholz. Die beiden Platten müssen in stundenlanger Feinarbeit geformt und dann ausgearbeitet werden – und zwar so dünn wie möglich. Das Holz darf nicht zu steif, aber auch nicht zu weich sein. „Das ist die entscheidende Arbeit“, sagt Hägele, „denn das macht sich im Klang bemerkbar.“ Und deshalb ist es auch so wichtig, dass die Hölzer dicht sind. Denn je dichter das Material, desto dünner kann es von Hägele von Hand ausgearbeitet werden.

„Eines der schönsten und sinnlichsten Instrumente“

Auch die meisten Werkzeuge, wie der Stechbeitel und die Hobel, mit denen die Geigenbauerin arbeitet, stammen aus Handarbeit. In kleinen Stubaitaler Werkstätten, von denen heute wohl kaum eine noch existiert, hat sie diese in den achtziger Jahren erworben. Einige Werkzeuge hat die Welzheimerin aber auch selbst hergestellt.

Viele weitere Schritte sind nötig, bevor das Instrument schließlich benutzt werden kann. Mit Laubsäge, Schnitzmesser und Feilen bekommt die Deckenplatte zwei F-Löcher. Der Bassbalken muss eingebaut werden, eine Holzleiste im Inneren der Geige, die zur Verstärkung der tiefen Töne benötigt wird, außerdem der Geigenhals mit Schnecke und Griffbrett.

Mit Öllack erhält das Instrument schließlich seinen Glanz. Als letzten Schritt bekommt das Streichinstrument Wirbel und Stege. Dann können die Saiten aufgezogen werden. All dies macht Ingrid Hägele selbst. (Nur die Geigenbögen nicht, dafür sorgt ein eigener Berufsstand im Instrumentenbau.)

„Das ist eine komplexe Arbeit“, sagt sie. Eine, die ihr nach all den Jahren aber immer noch große Freude bereitet. Denn „die Geige ist einfach eines der schönsten und sinnlichsten Instrumente“.


Die Werkstatt

In der Händelstraße 33 hat Ingrid Hägele ihre Werkstatt. Termine können nach Absprache vereinbart werden unter 07182/80 49 03 oder per E-Mail an ihaegele@yahoo.de.

Weitere Infos unter www.geigenbau-musik.de.

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